Ayla Yanik Tüzcel wippt auf den Zehen und schnippt mit den Fingern. Plötzlich wirbelt sie herum, die Arme von sich gestreckt. Eine Schar Mädchen tut es ihr gleich. Sie tanzen, lachen und trällern. Die sechsköpfige Gruppe findet sich jeden Freitagabend im Zentralschulhaus Dietikon ein und probt türkische Volkstänze. «Die Kinder sind alle in der Schweiz geboren. Viele von ihnen sehen die Tänze zum ersten Mal», so Tüzcel.

Die 49-Jährige ist Präsidentin des türkischen Elternrats Dietikon und leitet die ihm angegliederten Tanzkurse für türkische Volkstänze. «Viele Türken, die in die Schweiz kommen, verlieren ihre Kultur», sagt Tüzcel. So würden sie kaum noch türkisches TV schauen. Daher sprächen sie besser Deutsch als Türkisch.

«Ziel des Elternrates ist es, dass junge Türken in der Schweiz ihre Wurzeln nicht völlig vergessen», sagt sie. So gäbe es auch Kursabende für türkische Sprache und Geschichte. Tüzcel geht zurück in die Gruppe und zeigt die nächsten Schritte vor: 1, 2, 3 im Stand, 4 und 5, nach vorne und zurück. Bei ihr sieht es so aus, als ob sie nie etwas anderes getan hätte. Die Bewegungen wirken geschmeidig und einladend.

Sie hat Volkstänze studiert

Der Tanz heisst Zeybek. Es ist Tüzcels Lieblingstanz. Sie hat ihn schon früh an türkischen Hochzeiten und Volksfesten gesehen. Dabei stehen Männer und Frauen im Kreis und führen dieselben Schritte aus. «Nur die Arme haben die Männer etwas weiter von sich gestreckt, während die Frauen sie etwas näher an den Körper heranziehen», sagt sie, lächelt und neigt ihren Kopf zur Seite, um zu demonstrieren, wie Frauen beim Tanzen mit ihrem Gesichtsausdruck den Mann bezirzen.

Das tun sie wohl schon seit vielen Generationen. Der Begriff des Zeybek geht zurück auf die Zeybeken. Das waren Rebellen aus den westanatolischen Bergen, die im Volk aufgrund ihres Ehrenkodexes sehr beliebt waren.

Tüzcel schloss 1989 ihr Studium in türkischer Kultur mit Schwerpunkt Volkstänze an der Universität von Izmir ab. «An der Universität haben wir die Geschichte der Volkstänze studiert und auch selber getanzt», sagt sie.

Die türkische Kultur sei vielfältig und bunt. Jede Region habe eigene Tänze, ja eigene Instrumente. «In der Osttürkei wird zum Volkstanz immer getrommelt, Sipsi und Baglama sind wichtig für die West- und Südtürkei», sagt sie. Beim Sipsi handelt es sich um eine Art Flöte und beim Baglama um ein Saiteninstrument. Volksmusik, Trachten und Volkstanz sind untrennbar miteinander verbunden. «Im Unterschied zu Standardtänzen wie dem Wiener Walzer kann man aber verschiedene Musikstücke zum Zeybek abspielen», sagt sie.

In Trachten am Unspunnenfest

Vor elf Jahren kam Tüzcel mit ihrem Ehemann in die Schweiz, seit einem Jahr unterrichtet sie in Dietikon und wohnt in Bergdietikon. «Ich wurde herzlich in die Bergdietiker Trachtengruppe aufgenommen», sagt sie. Stolz zeigt sie ein Bild vom Unspunnenfest, sie in Schweizer Trachten. «Ich liebe alles, was mit Kultur zu tun hat», so Tüzcel.

Jetzt ändert die Musik. Die Tänzerinnen klammern sich mit ihren kleinen Fingern aneinander und stellen sich in einer Linie auf. Die Schritte werden schneller. Der neue Tanz heisst Halay.
«Den Halay und den Zeybek üben wir für das türkische Kinderfest vom 23. April», sagt sie. Atatürk widmete diesen Tag den Kindern. Auf dem Programm steht wie jedes Jahr ein Umzug durch Basel-Stadt. Danach wird in einem grossen Saal gegessen, getanzt und gesungen. «Auch Schweizer sind herzlich eingeladen und alle, die etwas über die türkische Kultur erfahren möchten», sagt Tüzcel.