Nach 22 Amtsjahren geht die Schlieremer Friedensrichterin Eliane Graf in Pension. Am kommenden Wochenende findet der zweite Wahlgang für ihre Nachfolge statt. Was auf den oder die Siegerin des Urnengangs zukommt, erklärte Reto Aschwanden am Donnerstagabend. Er ist Obfelder Friedensrichter und Vizepräsident des kantonalen Verbandes. Dabei zeigte sich, dass es kein typisches Friedensrichteramt gibt, da es so unterschiedlich ist wie die Gemeinden. «Manche Friedensrichter bearbeiten jährlich einen Fall, andere über 300 Fälle», sagte Aschwanden. Im Fall der Schlieremerin Graf betrug das Pensum zuletzt rund 80 Stellenprozente, wie sie selber sagte. «Die Tendenz ist aber steigend.» Zusammengefasst handelt es sich beim Friedensrichter um die Schlichtungsstelle bei zivilrechtlichen Streitigkeiten. In vielen Fällen ist es obligatorisch, zuerst den Friedensrichter aufzusuchen, um überhaupt an weiterführende Gerichte zu gelangen.

Wucherndes Unkraut landet vor dem Friedensrichter

Grundsätzlich ist der Friedensrichter zuständig für allgemeine Forderungsklagen. Dies könne arbeitsrechtliche Fragen betreffen wie nicht nachvollziehbare Kündigungen oder ausstehende Lohnzahlungen. Oftmals werden auch nachbarrechtliche Streitigkeiten vom Friedensrichter behandelt. «Besonders bei mir auf dem Land in Obfelden macht dies einen grossen Teil der Arbeit aus. Es kamen schon Nachbarn zu mir, weil das Unkraut des einen auf das Land des anderen hinüberwucherte», so Aschwanden. Weiter beschäftigt sich der Friedensrichter mit Erbfragen. «Will Ihnen jemand den Schmuck der Grossmutter nicht aushändigen, obwohl er Ihnen gehört, ist dies ein Fall für uns.» Sind Eltern eines Kindes nicht verheiratet, sind auch Unterhaltsforderungen im Tätigkeitsbereich der Friedensrichter.

Im Kanton Zürich gibt es rund 170 Friedensrichter. Wohnt die beklagte Partei in Schlieren, ist automatisch Graf beziehungsweise ihre Nachfolge zuständig. Auch wenn es um einen Schaden, der auf Schlieremer Boden passierte, oder um den Nachlass eines Schlieremer Verstorbenen geht, liegt der Fall in der Kompetenz des Schlieremer Amtsträgers. Nach Abklärungen der Richtigkeit und Zuständigkeit eines eingegangenen Schlichtungsgesuchs erstellt der Friedensrichter oder die Friedensrichterin einen Kostenvoranschlag und lädt die betroffenen Parteien zu einem Termin ein. «Das Ziel ist es, durch Mediation eine Einigung hinzukriegen», sagte Aschwanden. Gelinge dies nicht, könne eine Klagebewilligung für den Gang vors Bezirksgericht ausgestellt werden. Bis zu einer Streitsumme von 5000 Franken kann der Friedensrichter einen Urteilsvorschlag erstellen, der von den Parteien ohne Begründung abgelehnt werden kann. Ein Urteil kann gefällt werden, wenn es um eine Streitsumme von unter 2000 Franken geht.

2018 bearbeitete Graf 138 Fälle, im Kanton Zürich waren es rund 7400. Genau 71,7 Prozent von Grafs Fällen konnten durch eine Einigung abgeschlossen werden: «Sie erreicht also hervorragende Zahlen», sagte Aschwanden. Zum Vergleich: Im Kanton waren es lediglich 56 Prozent. In 17 Prozent der Fälle stellte Graf eine Klagebewilligung aus, was rund der Hälfte des kantonalen Werts entspricht.