Oberengstringen

«Beten bedeutet, mit Gott ins Gespräch kommen » – So feiert Pfarrer Willy Mayunda den Weltgebetstag

Willy Mayunda ist seit 2016 Seelsorger der Pfarrei St. Mauritius Engstringen. Davor amtete er als Pfarrer in Winterthur Wülflingen.

Willy Mayunda ist seit 2016 Seelsorger der Pfarrei St. Mauritius Engstringen. Davor amtete er als Pfarrer in Winterthur Wülflingen.

Seit 2016 leitet Willy Mayunda die katholische Pfarrei St. Mauritius Engstringen. Im Interview spricht er über die Bedeutung des Betens, die Wurzeln seines Glaubens und die Missionare in seiner Heimat Kongo.

Mit einem strahlenden Lächeln öffnet Willy Mayunda die Türe des Pfarrhauses in Oberengstringen, dabei kommt seine Zahnlücke zum Vorschein. Seit vier Jahren ist der katholische Pfarrer hier zu Hause. «Ich bin Willy, das ist einfacher», sagt er und bittet in sein Büro. Der Pfarrei St. Mauritius Engstringen gehe es gut. «Wir sind eine kleine, schöne und lebendige Gemeinde mit 3300 Mitgliedern», sagt Mayunda. Der 56-Jährige gross gewachsene Mann strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus, sein herzhaftes Lachen ist ansteckend. «Ein Aushilfspriester hat einmal gesagt, dass man bei uns die Harmonie zwischen den Gläubigen und den Seelsorgern spürt. Das ist ein grosses Kompliment.» Mayunda entspricht nicht dem typischen Bild eines Geistlichen in der Schweiz. Und vermutlich genau deshalb ist der Mann aus dem Kongo so beliebt.

Heute findet der Weltgebetstag statt. Er wird in über 120 Ländern mit ökumenischen Gottesdiensten begangen. Die Gottesdienste werden von Frauen vorbereitet und gestaltet. Was tun Sie heute?

Willy Mayunda: Wir Männer schweigen und überlassen den Frauen die Leitung (lacht). Die Katholische Kirche Engstringen und die Reformierte Kirche Oberengstringen haben dieses Jahr nichts geplant. Wir sind dieses Jahr in Höngg zu Gast werden den Weltgebetstag dort feiern. Wir lassen uns inspirieren. Vielleicht werden wir kommendes Jahr auch wieder etwas auf die Beine stellen.

Der Weltgebetstag stellt die Frauen aus Zimbabwe ins Zentrum. Sie haben die Liturgie zum diesjährigen Anlass verfasst und machen damit auf die politisch schwierige Situation ihres Landes aufmerksam. Trotz neuem Präsidenten hat sich noch kein Wandel eingestellt. Darf Religion politisch sein?

In vielen Ländern der dritten Welt wird die Bevölkerung von Politikern ausgebeutet und unterdrückt. Ich kenne das aus meiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo. Der Kirche darf das nicht gleichgültig sein. Sie muss eingreifen, auch wenn sie damit politisch wird. Jesus will das Heil der Menschen und die Kirche folgt dem gleichen Weg.

Die Kirche hat in der Schweiz und im Rest der westlichen Welt einen deutlich geringeren Stellenwert als in Entwicklungsländern. Ist Armut der Grund?

Das spielt sicher eine wichtige Rolle. In den Kriegszeiten in Europa waren die Gotteshäuser voll. Der Wohlstand und das grosse Angebot machen die Kirche für die Menschen weniger attraktiv. Hier in der Schweiz hat man so viele andere Möglichkeiten, da landet ein Kirchenanlass auf dem letzten Platz des Freizeitprogramms. Auch in Afrika geht das Interesse an der Kirche zurück, jedoch bei weitem nicht so stark wie hier. Das liegt daran, dass die Afrikaner von Natur aus sehr religiöse Menschen sind. Bevor das Christentum und der Islam zu uns gelangten, waren Naturreligionen bereits verbreitet. Man ist mit Gott stark verbunden, ob man reich oder arm ist. Der Trend in der Schweiz ist bedauerlich. Die katholische Kirche, beispielsweise im Kanton Zürich, hat genug Geld, aber leere Kirchen. In Afrika ist es genau umgekehrt, man hat wenig Geld, aber die Kirchen voller Menschen.

Wie kann die Kirche in der Schweiz dieses Problem lösen?

Indem sie sich hinterfragt. Die Identität, die Tradition und die Sprache entsprechen nicht mehr dem heutigen Leben. Die Kirche darf nicht darauf warten, dass die Leute zu ihr kommen, sondern umgekehrt die Kirche muss zu den Menschen gehen. Wir müssen die Botschaft des Evangeliums nicht nur mit Worten verbreiten, sondern die Botschaft leben. Das bedeutet in der Praxis, dass wir Seelsorger zum Beispiel Familien besuchen, in der ein neues Kind zur Welt gekommen ist oder dass wir zu Hause bei Täuflingen oder Erstkommunionkindern vorbeigehen und sie bis zur Firmung begleiten. Das tue ich bereits und ich sehe wie schön es ist, wenn man zu den Menschen während längerer Zeit eine Beziehung aufbauen kann.

Eine Beziehung führt auch jeder gläubige Christ mit Gott. Welche Rolle spielt dabei das Gebet?

Beten bedeutet, mit Gott ins Gespräch kommen, sich in die Gegenwart Gottes stellen. Das braucht nicht immer Worte, sondern kann auch in Stille erfolgen, indem man zum Beispiel eine Kerze anzündet. Die Beziehung zu Gott ist vergleichbar mit der eines Liebespaares. Man sagt einander nicht die ganze Zeit, dass man sich liebt und trotzdem tut man es. Zentral für die Gemeinschaft sind die verschiedenen Begegnungen, Gottesdienste und Pfarreianlässe, an denen gebetet wird. In den Gebeten begegnen wir Gott in unserer Mitte. Beten ist sozusagen die gelebte Liebe zu Gott.

Viele Menschen beten aber nur, wenn es ihnen schlecht geht. Was halten Sie davon?

Es wäre natürlich schön, wenn man regelmässig beten würde. Doch ich respektiere die Freiheit jedes Menschen. Jeder lebt seine Beziehung zu Gott anders. Der Mensch erfährt in seinem Leben schwierige Situationen. Wenn er erkennt, dass er nicht mehr weiter kommt, beansprucht er Hilfe von oben. Das ist normal. Schön ist aber auch, wenn man in glücklichen Momenten an Gott denkt. Das tun einige Mitglieder  meiner Kirchgemeinde zum Beispiel, wenn ein Kind geboren wurde, wenn jemand heiratet oder jemand eine Krankheit gut überstanden hat.

Aufgrund Ihrer Liebe zu Gott sind Sie Pfarrer geworden. Wer weckte diesen Wunsch in Ihnen?

Ich bin in einem gläubigen Haus aufgewachsen. Bereits mein Grossvater väterlicherseits wollte Priester werden. Mein Vater und seine zwei Brüder hatten das gleiche Ziel, doch auch bei ihnen klappte es nicht. Oft besuchten viele katholische Priester besuchten meine Familie. Ich war schon als Kind von diesem Amt fasziniert. Weil wir in einer abgelegenen Gegend in Südwestkongo lebten und die nächste Kirche weit entfernt lag, erhielt mein Vater vom damaligen Bischof die Erlaubnis, Wortgottesdienste zu halten. Mein Vater war einer der ersten Gemeindeleiter unseres Landes und ich ministrierte bei ihm. Aufgrund meiner Familiengeschichte war mir schnell klar, dass ich diesen Weg gehen werde. 

Sie promovierten an der philosophisch-theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt zum Thema «Missionierung des Kongo». Stellten der christliche Glaube und die Missionare für Sie als Kongolesen nie eine Form der Unterdrückung durch den weissen Mann dar?

Ich habe in meiner Promotion die Entstehung der Kirche im Kongo beleuchtet. Fehler vonseiten der Missionare sind zum Teil passiert, das stimmt. Gewisse kamen mit einem sehr schlechten Bild von uns nach Afrika und wollten die Kultur und alles, was uns Afrikaner ausmacht, beseitigen. Nur so schien es ihnen möglich, eine neue Zivilisation zu schaffen. Ich muss aber sagen, dass die Missionare auch sehr viel Gutes getan haben. Ich wurde in einem schönen Krankenhaus geboren, konnte eine Ausbildung zum Priester absolvieren. Sie haben in meiner Heimat in Sachen Infrastruktur, Bildung und Gesundheit viel bewirkt, deshalb sehe ich die Missionierung nicht als Unterdrückung. Mein Vater formulierte es so: «Die Missionare haben uns die Bibel gebracht, sie sind zurück nach Europa gekehrt und haben sie in Afrika vergessen. Später werden unsere Kinder ihnen die Bibel zurück bringen.» Genau das habe ich gemacht.

Autor

Sibylle Egloff

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