«Sehe ich dich wieder?», fragt ein Mädchen heulend. Susi Häni lächelt und umarmt das Kind. Auch sie muss weinen und wischt sich die Tränen unauffällig weg. Vor der 64-Jährigen steht eine Schulklasse – die einen heulen, die anderen sehen betrübt aus. Sie verabschieden sich von Frau Häni. Nach 22 Jahren in der Birmensdorfer Gemeinde- und Schulbibliothek geht sie in den Ruhestand. Und das stimmt einige traurig, vor allem die vielen Kinder, mit denen Häni die Vormittage verbrachte.

Sie streicht über ihre Bluse und setzt sich auf ihren Lieblingsplatz: die Kinderecke. «Diesen Platz werde ich sehr vermissen, hier habe ich die schönsten Erinnerungen», sagt die Leiterin der Bibliothek. Hier hat sie den Kindern immer Geschichten vorgelesen, gebastelt oder einfach Zeit mit ihnen verbracht. «In den 20 Jahren war das wirklich oft der Fall», sagt die Birmensdorferin und lacht. Sie liebe ihren Job. Aus ihrer Leidenschaft sei Arbeit geworden. Dabei hat Häni den Beruf nicht von Anfang an ausgeübt: «Ich habe meine KV-Lehre bei Siemens gemacht und bin dort zwölf Jahre gewesen – später dann als Sekretärin des Generaldirektors.»

Mit 23 Jahren heiratete sie ihren Mann, mit dem sie bereits in Kindertagen zusammen war: «In der 4. Klasse waren wir schon ineinander verliebt.» Danach folgten vier Kinder, drei Jungs und ein Mädchen. Häni ging in der Mutterrolle vollkommen auf. Als die Kleine dann vier Jahre alt wurde, stiess Häni auf ein Job-Inserat in einer Zeitung. Die Bibliothek in Birmensdorf suchte nach einer Aushilfe für vier Stunden pro Woche. Häni bewarb sich und bekam den Job. Aus den anfangs vier Stunden wurden mit der Zeit immer mehr.

Starke Frauen und Psychothriller

Nach einem Jahr in der Birmensdorfer Gemeinde- und Schulbibliothek entschied Susi Häni sich dazu, eine Ausbildung zur Bibliothekarin zu machen. Sich komplett neu zu orientieren, sei ihr nicht schwergefallen: «Ich mag den Job. Schon als Kind habe ich Bücher geliebt, ich habe jeden Abend stundenlang gelesen.» Auch die Bücher ihres Opas – «obwohl die damals noch mit alter Schrift geschrieben waren», erinnert sich Häni. Am liebsten liest sie Biografien von starken Frauen und Psychothriller. Es fallen Namen wie Sebastian Fitzek und Georges Simenon: «Die Bücher der zwei Autoren sind so spannend und gut geschrieben – es ist ein Genuss, sie zu lesen.»

Bibliothekarin zu sein, heisst aber nicht, ununterbrochen zu lesen oder Bücher auszuleihen und diese in Regalen aufzuräumen. Man sei auch eine Art Mutterfigur für die Kunden: «Es kommen viele Leute zu mir und schütten ihr Herz aus.» Krankheiten, Liebeskummer oder familiäre Probleme. Häni hat schon vieles gehört, sie fühlt mit den Leuten mit. «Ich bin ein Gefühlsmensch und bin immer offen – ich verstehe die Leute», sagt sie.

«Es kam mal ein Mädchen zu mir und sagte, sie könne ihre Bücher nicht zurückbringen.» Sie habe geheult und erzählt, dass ihr Haus ausgebrannt sei. Vollkommen aufgelöst, war ihre erste Frage, ob sie die Bücher nun zahlen müsse. «Natürlich musste sie das nicht», sagt Häni.

Erster Plan: «Lesen»

Seit zwölf Jahren ist Häni auch die Leiterin der Bibliothek. Sich jetzt zu verabschieden falle ihr trotzdem nicht schwer: «Ich freue mich. Ich bin überzeugt, dass meine Nachfolgerin einen sehr guten Job machen wird.» Häni geht mit einem traurigen und einem lachenden Auge, sie sei aber «mehr glücklich als traurig». Sie freue sich auf den neuen Abschnitt. Ab jetzt stehe ihr privates Leben im Vordergrund: ihr Ehemann, ihre Kinder und ihr neun Monate altes Enkelkind. Das Erste, was sie nun machen wolle? «Lesen. Einfach mal einen ganzen Tag lang lesen ohne jegliche andere Gedanken», sagt Häni und lacht. Ihr nächstes Buch sei deshalb etwas ganz Spezielles.

«Das nächste Kapitel wartet auf mich», sagt die Bibliothekarin. Aber noch nicht ganz: Wer sich von Susi Häni verabschieden will, hat heute noch die Chance. Von 14 bis 18 Uhr wird sie zum letzten Mal Bücher verleihen. Aber das heisst nicht, dass sie künftig nicht mehr in der Bibliothek anzutreffen sein wird: «Ich werde immer wieder kommen – ich will ja schliesslich Bücher ausleihen.»