Das Stichwort Orgel dürfte bei vielen Leuten kein allzu prickelndes Gefühl auslösen. Das Instrument steht nicht im Ruf, besonders sexy zu sein. Und mit Begriffen wie Humor oder Spass wird es erst recht nicht in Verbindung gebracht. Am Sonntag betrieben Helene Gräser und Jackie Rubi etwas Imagepflege und bemühten sich, das altehrwürdige Instrument mit ein paar neuen Assoziationen zu versehen. Fazit: Orgel kann auch Spass machen und ist richtig gespielt mindestens so aufregend wie ein Saxofon.

In der reformierten Kirche Weiningen präsentierten die beiden Organistinnen ein bunt zusammengewürfeltes Programm, das aus dem Schatz vierer Jahrhunderte schöpfte. Die beiden Nachbarinnen spielten nicht nur, sie erzählten auch und umrahmten jedes Stück mit gepfefferten Anekdoten und Witzeleien. Zu Beginn berichtete Rubi von einem besonderen Konzerterlebnis.

Auf einer majestätischen Orgel durfte sie die Toccata von Charles-Marie Widor spielen. Sie hatte das Werk so weit verinnerlicht, dass die Finger fast automatisch spielten und eine volle Konzentration darauf gar nicht mehr nötig war. So schweifte sie ab und dachte statt an Widor nur noch an ihre Wäsche und daran, ob sie die Herdplatte zu Hause wohl abgestellt habe.

Vierhändige Fantasie

Das erste Stück, von Rubi prägnant als «laut – leise – laut» beschrieben, war eine vierhändige Fantasie von Adolph Friedrich Hesse. Tatsächlich begann sie mit donnernden Akkorden und ging rasch in einen märchenhaft-verträumten Mittelteil über, um abschliessend noch einmal volltönend aufzutrumpfen. Die beiden Organistinnen waren beim Spielen sichtlich vergnügt, blinzelten sich immer wieder zu und fielen sich am Ende lachend in die Arme.

Kalkanten-Glöcklein war bereit

Bevor Mozart an die Reihe kam, liess Helene Gräser ein kleines Glöckchen bimmeln. Ein solches habe früher dazu gedient, den sogenannten Kalkanten – bisweilen auch Orgelbub genannt – an seine Pflicht zu erinnern. Früher mussten für die Luftversorgung der Orgel bis zu zehn Helfer eingesetzt werden: Mit Händen und Füssen und mit dem Einsatz ihres ganzen Körpers mussten sie dem Instrument Leben einhauchen. Zum Glück funktioniert die Weininger Orgel aber elektrisch und so wurden durch das Glöckchen keine schlafenden Kalkanten aufgeschreckt.

Paradiesvogel in der Kirche

Mozarts Allegro aus der D-DurSonate hat einen sehr verspielten, fast schon frivolen Charakter, den die Organistinnen wunderbar auf die Orgel übertragen konnten. Anregend auch ein Stück von Louis James Lefébure-Wély, in dem man ununterbrochen ein Vogelzwitschern zu hören glaubt. «Stellt euch einfach vor, das ist ein Paradiesvogel, der um ein Weibchen wirbt», sagte Rubi, «und schliesst dazu die Augen, es ist wunderschön.»

Das Publikum, das die reformierte Kirche Weiningen fast vollständig ausgefüllt hatte, zeigte sich entzückt vom Konzert. Verena Bitterli meinte: «Man sieht die Spielfreude der beiden und vor allem auch, wie viel Humor sie haben.» Auch Margrit Sulzer war voll des Lobes: «Einfach wunderbar! Ich fühle mich nach dem Konzert wie neubelebt.»