«Guten Morgen, junger Mann! Käfeli?» Necdet Mencik, von allen nur Mehmet genannt, weiss, wonach seine Stammkunden süchtig sind. Und so folgte auf diese Frage nicht nur das Surren der Kaffeemaschine, sondern auch der Griff zur richtigen Marke im Zigarettengestell, kombiniert mit einem fragenden Blick. Ein Nicken genügte als Antwort.

«Guten Morgen, alter Mann!», liess sich die Begrüssung erwidern. «Ja, ich bin schon alt», sagte der 62-Jährige dann mit dem Lächeln eines Mannes, der sich selbst nicht zu ernst nimmt. Und der die Zeichen seines Körpers lesen kann. Ein Stechen in der Brust war es diesen Frühling. Doch der Red-Kiosk am Rapidplatz im Dietiker Limmatfeld blieb offen. Ein Sohn sprang ein, nahm dafür frei von seinem eigentlichen Job. Nun gibt Mehmet sein Geschäft definitiv ab.

Seinen Kiosk wollte er schon lange verkaufen. Er hatte ihn im Frühling 2015 mit seinem Sohn zusammen übernommen, der aber später in einer anderen Branche glücklich wurde. Zweimal war Mehmet nahe dran an einer geregelten Nachfolge. Aber die Auserkorenen zahlten die vereinbarte Kaufsumme für den Kiosk dann doch nicht. Also blieb er. Und schaute manchmal etwas enttäuscht aus der Wäsche, während er an seiner Parisienne jaune zog, am Kaffee aus dem blauen Lavazza-Pappbecher nippte oder sein Gipfeli aus der Migros vis-à-vis kaute.

Aber das ist jetzt kalter Kaffee. Nun steht in Mehmets Augen das Glück geschrieben. Unter seinem Schnauz zeigt sich das Lächeln eines freien Mannes, der in Rente geht und sich sicher ist, sein Geschäft in die richtigen Hände zu geben. Gestern stand er Sonja Castricum, der neuen Betreiberin des Red-Kiosks, ein letztes Mal zur Seite.

«Ich wollte schon lange ein eigenes Geschäft», sagt die Berikerin, die zuletzt beim Brocki-Land im Unterengstringer Teil der Fahrweid arbeitete und früher Betriebsleiterin eines Reinigungsunternehmens war. «Als ich Mehmets Anzeige sah, wusste ich: Der Red-Kiosk, das ist es», sagt Castricum. Die 61-Jährige – sie wohnte früher in Dietikon – und ihre Mitarbeiterin Mona Xhiku planen schon, das Sortiment des Red-Kiosks zu erweitern.

Am Morgen soll es künftig Gipfeli geben. Und am Mittag zum Beispiel Pizzas. Einen Spezialofen dafür hat Mehmet im Hinterzimmer des Kiosks schon lange eingerichtet. Auch Sandwiches, Hotdogs und mehr sind denkbar. Ausserdem sollen vermehrt auch Geschenkartikel zum Sortiment gehören. «Wir experimentieren und werden sehen, was funktioniert und was nicht», sagt Castricum.

Die Öffnungszeiten sollen ändern

Zudem soll der Kioskbetrieb künftig schon um 7 Uhr beginnen. Mehmet hatte ihn jeweils um kurz vor 8 Uhr geöffnet. Je nachdem, wie lange er mit dem Mercedes im Stau der A 1 stand, wenn er von seinem Haus in Windisch bei Brugg nach Dietikon fuhr.

Sobald die Türe offen war, schaltete Mehmet auch das türkische Fernsehen ein. Um die Zeit zu vertreiben, bis die Kunden kamen. Zum Beispiel der Rentner, der am Morgen ein Bier im Kiosk nimmt, ehe er auf seiner Tour durch Dietikon die nächste Gaststätte aufsucht. Oder der Bauarbeiter, der in der Znünipause immer zwei Lottoscheine ausfüllt. Oder die Bewohnerin des Senevita-Altersheims im Limmatfeld, die am Morgen einen Spaziergang zum Kiosk macht und sich dafür mit einer Zigarette belohnt. Stammkunden wie diese mussten nie sagen, für was sie hier sind. Denn Mehmet wusste es.

Vom Hanf-Boom profitiert

Viele Kunden hatte er ab 2017 auch dank des Booms von sogenanntem CBD-Gras. Diese Hanfblüten enthalten kein illegales, berauschendes Tetrahydrocannabinol (THC), dafür aber viel legales, entspannendes Cannabidiol (CBD). Mehmet war einer der ersten im Limmattal, der auf den CBD-Zug sprang. Das machte ihn auch ausserhalb des Limmatfelds bekannt.

«Es hat genug Kunden hier»

Das Quartier ist ihm ans Herz gewachsen. «Das Limmatfeld ist gut, es hat genug Kunden hier, der Laden läuft. Ich würde ihn nicht verkaufen, wenn ich nicht in Pension ginge», sagt er. Anders sah es beim blauen K-Kiosk des Valora-Konzerns neben dem Lidl aus: Er schloss im Februar – nach vier Jahren Betrieb – wegen zu tiefen Umsätzen. Womit erneut ein Gewerberaum leergeräumt wurde.

Mehmet beobachtet diese Entwicklungen kritisch. Und erinnert an den Zebra-Kleiderladen, der schon 2012 schloss. Und andere leere Gewerberäume. «Ich kenne verschiedene Geschäfte, die gerne in den Gewerberaum neben meinem Kiosk ziehen würden. Aber die Immobilienverwaltung hat andere Vorstellungen. Sie müsste nur den hohen Mietzins senken, dann würde das Gewerbe sofort Schlange stehen», sagt Mehmet, der sich zudem eine Umgestaltung des Rapidplatzes wünschen würde. «Der sandige Belag ist scheisse, ich kann es nicht anders sagen. Und es fehlt ein Spielplatz. Wo sollen hier bloss die Kinder spielen?» Der kleine unbefestigte Spielplatz, den der Quartierverein ohne Bewilligung aufgestellt hatte, wurde gestern Morgen abgeräumt. Auch aus Sicherheitsgründen.

Mehmet kritisiert zudem, dass die Stadt – um für mehr Schatten auf dem Platz zu sorgen – provisorisch Pavillon-Zelte aufstellte, die nur Tage danach einem Sturm zum Opfer fielen. Die Stadt sucht nach Lösungen. Für Mehmet ist klar: «So ein Zelt kriegt man günstig im Otto’s. Eine Gemeinde wie Dietikon muss doch etwas Richtiges kaufen.»

Es ist Klartext von einem, der jetzt über vier Jahre lang fast jeden Tag aus dem Kiosk hinaus auf den Platz und die Blockfassaden blickte. Der seine Meinung aber niemandem aufzwingen will. «Ich bin ja nur ein Papierlischwiizer», lacht der vierfache Vater und siebenfache Grossvater.

1985 hatte er die Türkei, wo er einen Parfüm-Laden betrieb, verlassen, um sein Glück in der Schweiz zu suchen. Er war Dachdecker, arbeitete als Maschinenführer bei den Kabelwerken Brugg und führte 19 Jahre lang ein eigenes Schneidergeschäft, das er später an die Tochter übergab.

Nun geht Mehmet auf Reisen. Über Italien und Griechenland will er in die Türkei und seine Heimatstadt Gaziantep in Südostanatolien besuchen. «Es werden lange Ferien, ich habe kein Enddatum bestimmt. Ein bisschen das Leben geniessen.» An den Red-Kiosk wird er dabei kaum denken. Denn er ist sich sicher: «Sonja ist genau die richtige. Auch meine Stammkunden werden sie mögen.»