Dietikon

Der Stau ist bald vorbei: So schwimmen Fische sicher durchs Kraftwerk

Mit der Erneuerung des Kraftwerks Dietikon der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich erhalten Fische zwei neue Wanderhilfen. Davon könnte dereinst auch der Lachs profitieren.

Ein orange-weisses Boot liegt verlassen auf einer Rampe. Es scheint, als sei es gerade von der Limmat angeschwemmt worden. Daneben verlaufen Schienen über dem Betonkörper. Sie helfen Wasserfahrzeugen beim Passieren des Kraftwerks Dietikon. Bald können auch Fische die Anlage ohne Probleme überwinden.

Im Rahmen der Konzessionserneuerung sanierten die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) das bestehende Hauptkraftwerk und erstellten ein neues Dotierkraftwerk (die Limmattaler Zeitung berichtete). Die nun abgeschlossenen Arbeiten beinhalten aber auch Massnahmen für den Fischschutz. Im vergangenen Jahr wurden zwei Fischwanderhilfen gebaut, die den Tieren den Auf- und Abstieg erleichtern. Es gilt, eine Höhe von gut viereinhalb Metern zu bewältigen. «Vorher standen die Fische vor dem Turbinenauslauf im Unterwasserkanal Schlange», sagte Alfredo Scherngell, Leiter Wasserkraft der EKZ, an der gestrigen Begehung vor Ort.

Fische am Grund und an der Oberfläche abholen

Eine 107 Meter lange Fischtreppe, die mittels zahlreichen Trennelementen die Fische in einer S-förmigen Strömung vom Unterwasser- zum Oberwasserkanal führt, schafft nun Abhilfe. Der Eingang wird den Fischen mittels einer Rampe am Flussgrund angezeigt. «Das ist vor allem ideal für Barben und Groppen, die sich nahe am Grund fortbewegen», sagte Biologin Martina Breitenstein, die das Projekt als Fisch- und Gewässerökologin begleitet. Weiter oben gibt es dann nochmals eine Einstiegsstelle für den Fischpass, die sich für Fische eigne, die oberflächennah wanderten. «So können wir alle Fische abholen», sagte Breitenstein.

Am Ende des Aufstiegs befindet sich ein Fischzählbecken. Die EKZ erhoffen sich dadurch weitere Erkenntnisse über den Fischbestand in der Limmat. «Über eine spezielle Schützenstellung werden die wandernden Fische dort eingefangen. Während eines Jahres wird mindestens einmal am Tag das Wasser abgelassen und jeder Fisch von Hand vermessen, auf Verletzungen untersucht und die Art bestimmt», sagte Scherngell. Die Fische würden anschliessend über eine Rutsche wieder in den Oberwasserkanal eingesetzt.

Nicht nur der Fisch-Stau wird jetzt behoben, sondern auch die Gefahr ist gebannt. «Kraftwerke zu passieren ist für Fische eine grosse Herausforderung, die im schlimmsten Fall mit dem Leben bezahlt wird», sagte Scherngell. Damit die Fische nicht in den Turbinen umkommen, haben die EKZ beim Fischabstieg, also vom Oberwasser- zum Unterwasserkanal, einen 200 Quadratmeter grossen Horizontalrechen installiert.

Fischfreundliche Turbinen

«Dabei handelt es sich um den grössten im deutschsprachigen Raum. Besonders ist auch, dass der Stababstand bei einem grossen Fluss wie der Limmat nur 20 Millimeter misst», erklärte Scherngell. Durch die horizontale Stellung werde die Anströmgeschwindigkeit auf den Rechen reduziert. Gleichzeitig entstehe eine Leitwirkung für die Fische in Richtung Bypass, durch den sie sicher in den Unterwasserkanal gelangen. «Fische, die trotz dieser Massnahmen das Kraftwerk durch die Turbinen passieren, schaffen es dank der neuen fischfreundlichen Kaplanturbinen mit drei statt vier Laufschaufeln in der Regel ohne Verletzung auf die andere Seite», sagte Scherngell.

Die neuen Fischwanderhilfen sind auch für grosse Fische wie den Lachs geeignet. «Es wäre das Ziel, dass dadurch der Lachs von Rotterdam wieder in seine Laichgebiete in die Berge wandern kann», sagte Hanspeter Fuchs, Leiter Erneuerbare Energien der EKZ. Die Wiederherstellung der Fischgängigkeit sei ein zentraler Bestandteil der Konzessionserneuerung gewesen. «Doch es liegt nicht nur an uns. Andere Kraftwerke in der Schweiz und im Ausland müssen ebenso nachziehen.»

Zunächst geht es aber darum, dass bestehende Fischpopulationen von den Erneuerungen profitieren. «Die Nase ist in der Schweiz vom Aussterben bedroht. Zum Teil auch wegen der Kraftwerke, die für den Lebenszyklus und die Durchmischung der Teilpopulationen ein Hindernis darstellen», sagte Breitenstein. Man sei aber guter Dinge, dass sich der Bestand der Nasen durch diese Massnahmen wieder erhole.

Von der Erneuerung des Laufwasserkraftwerks in Dietikon für 39 Millionen Franken profitieren aber nicht nur die Fische. Künftig produziert das Kraftwerk rund 18 Prozent mehr Strom. «Wir können damit rund 4500 Vierpersonen- Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgen, also etwa zwei Drittel der Dietiker Einwohnenden», sagte Fuchs.

Putzharke gegen verstopften Rechen

Derzeit testen EKZ-Mitarbeitende noch die Rechenreinigungsmaschine für den Horizontalrechen. Auf einer Schiene fährt das Gerät mit einer langen stählernen Putzharke hin und her. «Sobald der Wasserspiegel hinter dem Rechen tiefer ist als davor, heisst das, dass der Rechen verstopft ist. Dann geht die Maschine automatisch an und beseitigt das Material», so Scherngell. Geöffnet werden die Tore der Fischwanderhilfen im Januar 2020. «Vor Weihnachten starten wir die Testphase für die Turbinen», sagte Scherngell. Danach sei der Weg für die Fische endgültig frei.

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Autor

Sibylle Egloff

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