Die schönsten Sommermomente stellen für unsere Haut eine Extremsituation dar. Egal ob wir uns am Mittelmeer-Strand bräunen oder nur einige hundert Meter die Strasse hinunterspazieren. Ist die Haut nicht geschützt, droht ein Sonnenbrand. Im Limmattal kennt wohl niemand die Gefahren des Sommers besser als Marguerite Krasovec Rahmann – in ihrer Dissertation erforschte sie die Heilwirkung der Sonne. Beinahe jeder zweite Patient der Schlieremer Dermatologin kämpft mit den Spätfolgen von intensiver Sonnenexposition.

Findet man Sie hin und wieder beim Sonnenbaden?

Marguerite Krasovec Rahmann: Ja natürlich. Ich tue es jedoch erst nach Feierabend, wenn die Sonne schwächer ist als am Nachmittag. Zudem schütze ich mich mit Sonnencrème und tue es nur in Massen.

Wie lange dauert denn das Sünnelen mit Mass?

Am späteren Nachmittag vielleicht eine Stunde. Aber das ist natürlich von Mensch zu Mensch und von Hauttyp zu Hauttyp unterschiedlich. Sie müssen verstehen: Ich und mit mir alle Dermatologen verteufeln das Sünnelen nicht. Wir appellieren lediglich an die Vernunft der Menschen.

Aus dermatologischer Sicht mag es unvernünftig sein, sich auf Gummibooten die Limmat hinuntertreiben zu lassen. Was raten Sie den Limmat-Böötlern?

Als Limmattalerin war auch ich schon mehrmals in der Limmat böötlen. Als Dermatologin muss ich aber festhalten, dass dies wirklich eine Extremsituation ist für unsere Haut. Besonders wenn man zwischen 11 Uhr und 15 Uhr baden geht, ist die Strahlung hoch. Die Reflexion des Wassers verstärkt sie zusätzlich. Obwohl sich bei bewölktem Himmel viele in Sicherheit wiegen, dringt auch dann rund 80 Prozent der UV-Strahlung auf die Erdoberfläche. Die Folge ist schneller Sonnenbrand.

Optimal schützen kann man sich, indem man sich mit Schutzfaktor 50 plus eincremt, die Mittagszeit umgeht und allenfalls sogar abdeckende Kleidung anzieht. Ich bin aber auch Tauchmedizinerin...

...sehen Sie als solche noch mehr Gefahren?

Ja. Erst kürzlich beobachtete ich eine Gruppe junger Männer, die sich mit Whiskey-Flaschen in den Händen den Fluss hinuntertreiben liessen. Sie waren stark alkoholisiert. Besonders bei den teils unberechenbaren Strömungen in der Limmat ist dieses Verhalten sehr gefährlich.

Sprechen wir wieder über die Haut. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Menschen in ihrem ganzen Leben ein Sonnen-Konto von 10'000 Stunden oder rund 15 Monaten zur Verfügung steht. Sind diese aufgebraucht, können sich Anomalien wie Hautkrebs bilden.

Viel wichtiger als dieser Richtwert ist es, bei Selbstkontrollen das Hautbild genau zu betrachten und zu wissen, welcher Hauttyp man überhaupt ist. Leider liegt ein anderer Grund für die Bildung solcher Anomalien oftmals in den Genen. Die Veranlagung ist vererbbar.

Sie sagten in einem früheren Interview, dass jeder zweite Ihrer Patienten ein Frühstadium von Hautkrebs aufweist. Ist dies auch heute noch so?

Ja. Der Grund dafür ist aber nicht, dass die Menschen zu wenig informiert sind über die Gefahren der Sonne. Die diversen Präventionskampagnen haben glücklicherweise dazu geführt, dass die Menschen hellhöriger sind. Tritt eine Unregelmässigkeit auf, kommen viele auf einen Haut-Check.

Warum gehen die Fälle dann nicht zurück?

Die Hautkrebs-Fälle nehmen sogar seit Jahren zu. Dies ist unter anderem so, weil unsere Bevölkerung länger lebt. Zwar sind Senioren und Seniorinnen immer fitter, mit zunehmendem Alter werden die Mechanismen für die Reparatur von Hautschäden jedoch immer schwächer.

Der Sonne ist man nicht nur am Strand oder beim Baden ausgesetzt, sondern auch wenn man durch sommerliche Strassen läuft. Wird dies unterschätzt?

Ja, sehr. Zahlreiche meiner Patienten sagen, sie würden keine Zeit an der Sonne verbringen. Dies stimmt aber nicht, nur weil sie sich in der Badi in den Schatten legen. Sie machen ja dennoch Sport, gehen mit dem Hund spazieren und flanieren durch die Strassen. Das zählt als Sonnen-Exposition, geht aber oft vergessen.

Was raten Sie?

Anstelle der Tagescrème sollte man zwischen April und September morgens eine Sonnencrème für Gesicht, Décolleté und Arme anwenden, damit man gleich von Tagesbeginn an geschützt ist.

Von der Sonne geht nicht nur Gefahr aus. Ohne sie kann unser Körper beispielsweise kein Vitamin D produzieren. Riskiert man einen Mangel, wenn man sich zu stark eincrèmt?

Hier in der Schweiz leidet ohnehin die Hälfte der Bevölkerung im Winter an einem Vitamin-D-Mangel. Zur Behandlung kann man Tropfen einnehmen, die sehr günstig zu haben sind. Die Schweizerische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie gewichtet den Sonnenschutz daher höher als die Aufnahme von Vitamin D und rät zu viel Sonnenschutz und der Einnahme von Tropfen. Ein Hautkrebs ist viel folgenschwerer als ein Vitaminmangel. Zudem: Nach lediglich rund 15 Minuten Sonnenschein auf der Haut erreicht man den notwendigen Vitamin-Wert.

In Ihrer Dissertation nahmen Sie sich der Heilwirkung der Sonne an und schrieben zum Thema Puva-Therapie. Dabei handelt es sich um eine Methode, bei der Menschen mit Schuppenflechte oder Neurodermitis langwelligem UV-Licht ausgesetzt wurden. Was fasziniert Sie als Medizinerin am Einfluss von Licht auf den Körper?

Möglicherweise fasziniert mich die Dualität. Die Sonne schadet und heilt uns. Physikalisch gesehen weist Sonnenlicht ein breites elektromagnetisches Spektrum von Infrarot bis UV-Strahlung auf. Wir benötigen einen Teil der UV-Wellenlänge für medizinische Zwecke wie etwa Lichttherapie. Sie ist eine effektive Methode zur Bekämpfung von Schuppenflechte. Das ist doch wahnsinnig spannend. Ich liebe meinen Beruf.

Wird man auch braun von der Lichttherapie? Sie sagten in einem früheren Interview, es gebe keine gesunde Bräune.

Ja, man wird braun davon. Dies ist aber nicht das Ziel einer Lichttherapie, sondern viel eher ein positiver Nebeneffekt.

Die Lichttherapie wird auch für Menschen mit einer Lichtallergie angewendet. Das klingt paradox.

Das mag sein. Die Methode ergibt aber sehr viel Sinn. Denn die Haut wird jährlich etwa ab Februar mit kleinen Dosen Lichtbestrahlung an die Sonne gewöhnt, sodass allergische Reaktionen wie Bläschenbildung im Sommer deutlich reduziert werden oder gar nicht vorkommen.

Besonders im Sommer ist es schwierig bis unmöglich, Hautkrankheiten wie Schuppenflechte mit Kleidung zu kaschieren. Wie gehen Ihre Patienten mit dieser psychischen Belastung um?

Ganz unterschiedlich. Die einen stehen zu sich und zeigen sich, andere verstecken sich lieber. Ich stelle aber fest, dass Hautkrankheiten wie etwa Psoriasis gesellschaftlich stark stigmatisiert werden und dies den Leidensdruck der Patienten noch erhöht. Sie werden oft verurteilt, als ansteckend empfunden oder für die Krankheit verantwortlich gemacht. Dabei können sie nichts dafür.

Sehen Sie grosse Fortschritte in der Behandlung und Bekämpfung von Hautkrankheiten?

Ja, sehr grosse. Beispielsweise bieten wir photodynamische Therapien zur Bekämpfung von Tumoren der ersten Stufe an. Dabei wird eine lichtaktivierbare Substanz auf die Stelle gegeben und die Sonneneinstrahlung lässt die Krebszelle verschwinden. Das ist ein vielversprechendes, modernes Verfahren.

Die sommerliche Hitze bringt viele von uns ins Schwitzen. Tut man dies zu stark, leidet man unter einer Hyperhidrose. Welche Menschen kommen damit zu Ihnen?

Tendenziell sind es eher jüngere Menschen, die mich deswegen aufsuchen. Bei rund einem Drittel davon wurde die Hyperhidrose genetisch vererbt. Am markantesten schwitzen die Patienten an Füssen und Händen, aber auch in den Achselhöhlen, was zu einem grossen Leidensdruck führt. Manche Patienten trauen sich nicht ohne Taschentuch aus dem Haus, da ihre Hände derart stark schwitzen. Bevor sie jemandem die Hand schütteln, trocknen sie zwar die Hände, diese bleiben aber stets ein wenig feucht. Die soziale Ächtung ist dabei sehr stark.

Hilft Botox den Patienten?

Seit rund 20 Jahren wird Botulinumtoxin zur Behandlung dieses Krankheitsbilds angewandt. Durch eine chemische Reaktion wird die Ausscheidung der Schweissdrüsen gehemmt.

Schwitzt man an anderen Orten dafür stärker?

Dazu kann es kommen, auch wenn es nicht die Regel ist.

Gesundheitliche Folgen gibt es nicht? Schwitzen ist doch überlebenswichtig.

Das ist so. Der Mensch muss schwitzen, damit die Thermoregulation vollzogen werden kann, er also nicht überhitzt. Mit dem Eingriff wollen wir auch nicht das Schwitzen verhindern, sondern lediglich das pathologische Schwitzen. Zudem werden vor einer Botox-Behandlung andere Massnahmen ausprobiert. Etwa Deos mit Aluminium-Salz, das die Schweissdrüsen verschliesst.

Sie bieten Botox auch als ein Mittel gegen Falten an. Kommen viele Kunden und Kundinnen mit einer sonnengeschädigten Haut?

Wir Dermatologen sehen sofort, wenn jemand lange und ungeschützt in der Sonne lag. Bei schwerer Lichtschädigung bringt eine Botulin-Behandlung nicht viel. Meine Patientinnen, es kommen etwa 90 Prozent Frauen, haben eine reguläre Haut.

Sie bieten auch Online-Beratungen an. Sieht so die Zukunft Ihres Berufs aus?

Teilweise wohl schon. Patientinnen und Patienten können Fotos einsenden und erhalten eine Einschätzung von Dermatologen. Wir bieten diesen Service an, obwohl ich nicht in jedem Fall ein Fan davon bin. Zwar gibt es Situationen, etwa in den Ferien, in denen man verunsichert ist und eine rasche Rückmeldung wünscht. Ein schneller Augenschein eines Spezialisten wirkt da beruhigend.

Passieren Fehldiagnosen?

Zahlreiche Krankheiten lassen sich nur mit einer dreidimensionalen Betrachtung und durch grosse Vergrösserung erkennen. Darum ist grosse Vorsicht geboten, da eine Fehldiagnose folgenschwer sein könnte. Daher raten wir in solchen Fällen zu einer persönlichen Konsultation. Harmlose Krankheitsbilder wie Schuppenflechte lassen sich jedoch problemlos durch eine Blickdiagnose erkennen.