In der Küche ist der Holzofen eingefeuert, das kalte Quellwasser, das später für den Kaffee benötigt wird, braucht noch seine Zeit, bis es in der grossen Kanne zu köcheln beginnt. Draussen ist derweil an diesem frühen Samstagnachmittag alles bereit. Die Hüttenwarte Maja und Erwin – hier am Berg ist man per Du – haben die Tische und Sitzbänke auf der Terrasse aufgestellt. Unter dem Grillrost lodert ebenfalls schon ein Feuer, daneben liegen genügend Holzscheite für die nächsten Stunden bereit.

Weit in den Bergen befindet man sich hier aber nicht: Die Hütte der Naturfreunde Schlieren liegt am nahen Altberg, mitten im Wald, etwas unterhalb der Waldschenke. Vereinsmitglied Claude Preter steht auf der Terrasse. Er blickt hinaus auf die Baumkronen, die wegen des steil abfallenden Geländes direkt auf Augenhöhe liegen. «Es ist beinahe ein magischer Ort», meint er. Und es sei unglaublich, dass dieser Ort noch bestehe:

Die Schlieremer Naturfreunde feiern in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Diesen Samstag steht das öffentliche Fest an, das Preter mitorganisiert. Die Ortsgruppe war am 31. Mai 1919 im Restaurant Freihof in Schlieren gegründet worden, unter den Anwesenden waren vor allem Büezer der Wagi und der Gasi.

Denn die Naturfreunde-Bewegung, die 1895 in Österreich ihren Anfang nahm, war eine Organisation der Arbeiterschaft mit sozialistischem Gedankengut. Die Büezer, die über wenige finanzielle Mittel verfügten, schufen sich hier einen Freiraum, um ihre Freizeit sinnvoll und kostengünstig zu gestalten. Es gab unter anderem Wander-, Kletter- und Gesangsgruppen.

Heute ist die Schlieremer Ortsgruppe eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, in denen alle politischen und apolitischen Ansichten vertreten sind, wie Präsidentin Ursula Vogt sagt. Das Politische trete zwar noch hin und wieder am Tisch bei hitzigen oder witzigen Diskussionen hervor, spiele sonst aber keine grosse Rolle mehr. «Uns geht es primär um den Erhalt der Hütte, damit hier weitere 100 Jahre lang gesellige Stunden erlebt werden können.» Rund 120 Mitglieder hat der Verein derzeit, 26 davon amten als Hüttenwarte und empfangen Spaziergänger.

Ein Ort, den «Pumuckl» stets vorbereitet

An diesem Samstag liegen um 14 Uhr, als die Hütte wie gewohnt öffnet, Dunstschwaden in den Baumkronen. Bis vor kurzem hatte es noch geregnet. Es gebe insbesondere im Winter Tage, an denen es derart garstig sei, dass sich niemand zur Hütte wage, sagt Annette Weisskopf, die im «OK 100 Jahr» für Grafik und Promotion zuständig ist. Das sei aber nicht weiter schlimm, da die Hüttenwarte und ein, zwei Vereinsmitglieder immer da seien. «Diese haben dann einen glatten Nachmittag und klopfen einen Jass in der warmen Hütte.»

Doch nur ein bisschen Regen kann Spaziergänger und Hündeler nicht abhalten; die ersten Gäste treffen ein. Sie begrüssen die Hüttenwarte herzlich und bestellen einen Kafi Luz, ein Glas Weisswein oder ein Wasser. Sie plaudern mit Vogt und Preter. Und sie winken «Pumi» zu, der in seinen blauen Latzhosen zur Werkstatt hinübergeht. Peter «Pumuckl» Tschanz ist das treueste Vereinsmitglied; er war den Schlieremer Naturfreunden als Sechsjähriger beigetreten, das war vor 67 Jahren. Er ist Hüttenmeister und dabei für den Unterhalt der Hütte zuständig. Er sorgt auch dafür, dass auf das Wochenende hin Quellwasser gepumpt und genügend Getränke vorhanden sind.

Die Naturfreunde legen selber Hand an: Der Dachstock nimmt Formen an.

Die Naturfreunde legen selber Hand an: Der Dachstock nimmt Formen an.

Die Waldhütte ist etwas jünger als der Verein. Anfänglich hatten die Schlieremer die Hütte ihrer Höngger Kollegen auf dem Altberg-Grat besucht. Doch diese brannte 1923 nieder. Nach mehreren Anläufen entschieden sich die Schlieremer schliesslich im Februar 1932 dafür, für 3500 Franken eine eigene Hütte zu errichten. Die Vereinsmitglieder sistierten sogleich das Tourenprogramm und gingen stattdessen mit ihren Werkzeugen in den Wald. Bereits ein halbes Jahr später konnten sie ihre Hütte einweihen – mit 700 Gästen sei es eher ein Volksfest als eine Eröffnung gewesen, heisst es in der Vereinschronik. Seither wurde die Hütte langsam etwas ausgebaut und leicht modernisiert. So kam unter anderem ein Keller hinzu. In den 1950er-Jahren wurde auch eine Wasserleitung mit Pumpe erstellt, damit das Wasser nicht mehr länger in einer grossen Aluminium-Tanse von der rund 40 Höhenmeter tiefer gelegenen Quellfassung heraufgetragen werden musste.

Sojamilch und Glacékarten gibt es nicht

Auch heute sind die Vereinsmitglieder regelmässig daran, ihre Hütte instand zu halten. An jedem letzten Wochenende im Monat bleibt sie geschlossen: Da schlagen die Vereinsmitglieder die 13 Ster Holz, die sie in einer Saison benötigen, streichen die Wände neu oder bessern sonst etwas aus.

An den übrigen Wochenenden ist die Hütte jeweils am Samstag von 14 bis 18 Uhr und am Sonntag von 11 bis 17 Uhr offen. Es gebe zwei Sachen, die Gäste wissen müssen, die zum ersten Mal zur Hütte kommen, sagt Präsidentin Vogt. Das eine ist, dass die Hütte allen offen stehe, nicht nur den Vereinsmitgliedern. Das andere ist, dass sie kein Restaurant betreiben. «Wanderer bestellen schon mal einen Cappuccino mit Sojamilch oder verlangen die Glacékarte», sagt Vogt lachend. Da würden sie aber abwinken; denn damit könne und wolle der Verein nicht dienen. «Wer mehr will, den verweisen wir gern an die Waldschenke, das ist ein richtiges und gutes Restaurant.»

Bei den Naturfreunden Schlieren ist das Angebot meist bescheiden: Es gibt – neben den Getränken – ein Plättli und Würste, welche die Gäste bei viel Andrang auch mal selber grillieren dürfen. Zudem können die im Einsatz stehenden Hüttenwarte unterschiedliche kleine kulinarische Specials anbieten. «Wir wollen es bewusst einfach halten, damit jeder als Hüttenwart amten kann», sagt Vogt.

Auch das Jubiläumsfest am kommenden Samstag wird vergleichsweise einfach gehalten. «Wir wollen zeigen, wer, was und wie wir sind», sagt Claude Preter. Der Verein hoffe darauf, seine Bekanntheit zu steigern und allenfalls neue Mitglieder zu finden. Die Hütte ist aber länger offen als üblich; am Jubiläumssamstag herrscht von 12 bis 20 Uhr Betrieb. Zudem spielt die Jörg Danielsen’s Vienna Blues Association auf. Und auch auf der kleinen Karte steht etwas Besonderes, das angesichts der häufigen Bestellungen den Vorlieben der Waldhütten-Besucher gerecht werden sollte: Auf den Grill kommen «Kafi-Luz-Würste», die der Dietiker Metzger Hildebrand extra für das Jubiläum herstellt.

Einen ersten Test hat diese Extrawurst bestanden: Im weiteren Verlauf des zunächst regnerischen Samstags, an dem die Limmattaler Zeitung in der Hütte auf Besuch ist, wirft Preter eine auf den Grill und verteilt kleine Probehäppchen an die Anwesenden. «Interessant», meint Hüttenwirtin Maja. «Sehr fein», urteilt Präsidentin Ursula Vogt. Da könne man schon ein Damenräuschchen kriegen, sagt Claude Preter lachend. Nur einer bleibt zunächst ruhig, dann meint «Pumi» zu Preter, dass die Wurst schon gut sei. «Aber Du musst sie halt schon richtig grillieren.»

Die Getränkeeinnahmen fliessen in den Unterhalt

Gegen 18 Uhr verlassen die letzten Gäste und Vereinsmitglieder die Waldhütte. Die Tische sind bereits aufgeräumt. Die Hüttenwarte Maja und Erwin werden noch das Geschirr abwaschen, bevor sie die Hütte abschliessen und am Sonntag wieder öffnen werden. Das eingenommene Geld für die Getränke fliesst vollumfänglich in den Unterhalt der Hütte. Das Geld für die Esswaren erhalten die im Einsatz stehenden Hüttenwarte. Meist haben sie dies schon zuvor für den Einkauf ihrer Specials ausgegeben. Nach ein paar Einsätzen bleibe aber meist ein kleiner Batzen, der als Entschädigung für die Arbeit für ein kleines Nachtessen reiche, sagt Vogt.