«Holy Shit! Das isch insane», schreit der Kommentator aufgeregt aus den Lautsprechern, begleitet von lautem Jubel aus dem Publikum. Eben haben die Aussenseiter von «Silentgaming» im Finale des Strategiespiels «League of Legends» mit einem frechen Manöver ihrem Gegner «PostFinance Helix» ein Schnippchen geschlagen und schöpfen neue Hoffnung auf den Sieg. Doch es bleibt beim Strohfeuer im ersten Spiel der Best-of-3-Begegnung. Nach knapp 35 Minuten zerstören die Favoriten das Hauptgebäude in der gegnerischen Basis, den sogenannten Nexus, und holen sich überzeugend die 1:0 Führung.

Das Duell wurde in der Gaming-Szene mit viel Spannung erwartet. Die Affiche hätte besser nicht sein können: Die beiden besten Schweizer Teams und Rivalen der ersten Jahreshälfte treffen im Endspiel der ersten Season der neugegründeten Swisscom Hero League aufeinander. Und das live vor Hunderten von Zuschauern in der Halle 622 in Zürich Oerlikon.

Auf der einen Seite die fünf Amateure und Aussenseiter von «Silentgaming». Auf der anderen Seite die fünf Profis und Favoriten von «PostFinance Helix». Erst vor einem Monat standen sich beide Teams im Best-of-5-Finale der «PolyLAN» gegenüber. Trotz 1:2 Rückstand gewann «PostFinance Helix» damals noch knapp mit 3:2.

Vor dem Spiel heizen die beiden Teamcaptains Ali «Lagily» Nasserzadeh und Mahdi «Pride» Nasserzadeh, die Brüder sind, mit spielerischen Provokationen die Stimmung zusätzlich auf. Mittendrin: der Dietiker Dennis «Koala» Berg im Dienst von «PostFinance Helix».

Professionelle Produktion

Mit viel Selbstvertrauen starten Berg und seine vier Mitspieler in das zweite Spiel. Die Stimmung in der Halle unterscheidet sich kaum von analogen Sportevents, geschickte Manöver werden von den Fans lautstark bejubelt. Obwohl die Männer klar in der Überzahl sind, ist der Altersdurchschnitt höher als erwartet und auch viele Frauen und Familien fiebern live mit.

Die Produktion des Events ist hochwertig, viele choreografierte Scheinwerfer rücken alles ins rechte Licht. Die Spieler sind vorne auf der Bühne aufgereiht wie Stars. Über ihnen wird das Geschehen auf einer grossen Leinwand präsentiert. Auf einem Podest in der Mitte glänzt der Pokal im Lichtkegel.

Ein Caster, quasi ein virtueller Kameramann, sorgt dafür, dass die Zuschauer im Bild nichts verpassen. Das ist gar nicht so einfach, schliesslich steuern alle zehn Spieler einen eigenen Charakter und auf der Karte treiben sich auch computergesteuerte Charaktere, die die Spieler unterstützen. So entstehen ständig kleine Scharmützel an verschiedenen Orten. Viel Spannung kommt im zweiten Spiel allerdings nicht mehr auf, «PostFinance Helix» hat seinen Gegner von Anfang an im Griff und lässt nichts mehr anbrennen.

Es ist der bisher grösste Erfolg des Ende 2018 gründeten Profiteams. Dank des Schecks über 5000 Franken auch finanziell. «Es fühlt sich gut an zu gewinnen, auch wenn ich nicht ganz zufrieden bin mit meiner eigenen und unserer Team-Leistung. Ich glaube wir können noch viel überzeugender gewinnen, wenn wir unser ganzes Potenzial abrufen», sagt Berg. Diese Worte zeigen: Für die Favoriten war es ein Pflichtsieg. Auch die grosse Bühne konnte sie dabei nicht aus der Ruhe bringen. Dafür sei er schon zu lange in der E-Sport-Szene aktiv und habe schon zu viel erlebt, so Berg. «Vor dem Spiel bin ich zwar immer noch nervös. Aber sobald es anfängt, bin ich voll aufs Spiel konzentriert.»

Seit Januar trainiert Berg täglich im eigenen Trainingscenter im Berner Postparc zusammen mit seinen Teamkollegen Nikola «Greenfire» Dimovic, Marco «Polo» Buchholz, Mahdi «Pride» Nasserzadeh und Antoine «Vango» Tinguely. Neben dem Training mit dem international bekannten «League of Legends»-Coach Nicholas «NicoThePico» Korsgård stehen auch Fitness und mentale Übungen auf dem Programm. Um die gesamte Ernährung kümmert sich ein Spezialist.

Immer schneller immer besser

Die Entwicklung sei beeindruckend, erzählt Korsgård im «Coach’s Corner» auf dem eigenen Youtube-Kanal. «Es ist erstaunlich, wie viel einige Monate mit physischem und mentalem Training und einer gesunden Ernährung ausmachen können.» Das motiviere ihn und die Spieler zusätzlich, sagt der Norweger. «Das Offensichtlichste ist, dass ich viel fitter geworden bin», erzählt Berg. Er sei überrascht, wie gross die gemachten Fortschritte im Team seien. Ausgelernt hätten sie nie: «Ich habe eher das Gefühl, je länger wir zusammen spielen, desto schneller machen wir Fortschritte», sagt er.

Auch abseits vom Gamen gibt es Neuigkeiten. Mittlerweile dokumentiert das Team auf seiner Website transparent seine Einnahmen und Ausgaben. Und die Spieler zeigen in einer Grafik, wie sie mit ihrem Lohn von 2500 Franken umgehen. So fliessen etwa 800 Franken in die Miete, 400 Franken werden in Lebensmittel investiert und 150 Franken stehen für Kleider zur Verfügung.

Das Projekt sucht in der Schweiz seines Gleichen. Das wird beim Finale am Wochenende augenscheinlich, wo «PostFinance Helix» vergleichsweise schweres Geschütz auffährt. Die vielen Helfer und Mitarbeiter fallen mit ihren schwarzen T-Shirts mit geschwungenem grünen X sofort auf. Auch ein eigener Fotograf und ein eigener Kameramann sind dabei, um den Auftritt des Teams zu begleiten.

Die verhältnismässig hohen Ressourcen und professionellen Strukturen ziehen auch Missgunst auf sich. «PostFinance Helix» ist wie der FC Bayern München der Schweizer «League of Legends»-Szene, die Sympathien des Publikums gehören während dem Finale klar den Aussenseitern. Aber die Schweiz ist sowieso zu klein für dieses nationale All-Star-Team. «Wir haben deutlich bewiesen, dass in der Schweiz niemand an uns herankommt», sagt Berg. Jetzt wollen sie auch über die Landesgrenzen hinaus für Furore sorgen.