Regina Scherrer gehört seit 2016 zum Team der Gemeindebibliothek in Aesch. Sie liebt Kinder, Kochen und ihren Garten. Für die Bibliothek sucht sie gerne Kinderbücher und für die Erwachsenen unglaubliche Biografien aus. Für die Buchvorstellung hat sie die beiden autobiografischen Werke «Schattenkind» und «Blätterflüstern» des Bündner Autors Philipp Gurt ausgewählt.

In «Schattenkind» erzählt Gurt von den Schicksalsjahren seiner Kindheit und Jugend in verschiedenen Kinderheimen, wo er Zwangspsychiatrie, sexuellen Missbrauch und rohe Gewalt erlebte. In der Fortsetzung «Blätterflüstern» schildert Gurt seinen anstrengenden Weg zurück in die Gesellschaft.

Regina Scherrer, wie kamen Sie auf diese Lebensgeschichte?

Regina Scherrer: Nach einem Interview von Tele Züri und einen Dok-Beitrag über Philipp Gurt auf SRF kam ich zum Entschluss, seine Biografie zu lesen. Gerade lese ich mit grossem Interesse den zweiten Teil, «Blätterflüstern».

Warum gerade dieses Buch? Worum geht es?

Weil wahre Lebensgeschichten für mich immer spannend sind. Ich lese mit grossem Interesse Biografien, gelebte Geschichten, auch wenn sie manchmal tragisch verlaufen. Grossen Respekt habe ich vor Personen mit einem solchen Schicksal, wie der Autor es beschreibt.

Als siebtes Kind von acht Geschwistern wurde Philipp Gurt in einem Bündner Bergdorf geboren. Mit vier Jahren musste er ins Heim. Sein Vater war Alkoholiker, seine Mutter hatte die Familie verlassen. Er erlebte in zwölf Jahren elf verschiedene Heime und Waisenhäuser, immer wieder war er der Gewalt und Willkür seiner Betreuer ausgeliefert.

Mich beeindruckt, wie er sein Leben meisterte, Überlebensstrategien entwickelte und den Mut nie verlor. Seine starke Persönlichkeit ermöglichte es ihm, später darüber zu schreiben. Er beschreibt auch Glücksmomente und seine grosse Liebe zur Natur, zu den Bündner Bergen.

Philipp Gurt absolvierte die Handelsschule, arbeitete als Radiomoderator; mit siebzehn Jahren begann er zu schreiben und veröffentlichte mehrere Bücher. Nach dreissig Jahren hatte er wieder Kontakt zu seiner Mutter. Er wurde zum gefragten Autor, und schrieb unter anderem die Biografie über die erfolgreiche Bündner Biathletin Selina Gasparin.

Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Ja, vollkommen. Der zweite Band, «Blätterflüstern», handelt von seiner Jugendzeit ab 16 Jahren bis ins Erwachsenenalter. Seinem Weg zurück ins Leben, wie er es nennt. Schreiben war für ihn der Weg, die unglückliche Jugend zu verarbeiten und hinter sich zu lassen. Viele Reaktionen von Personen mit ähnlichen Schicksalen bestärkten ihn auf seinem Weg.

Wem würden Sie diese beiden Biografien empfehlen?

Allen Erwachsenen mit Interesse an speziellen Biografien. Allerdings sind sie zum Teil sehr traurig und machen betroffen. Trotzdem überwiegt die positive Einstellung des Autors.

*Brigitt Holliger ist Bibliotheksleiterin in Aesch