Ausgerechnet der Pfarrer predigte Wein. Seine Nase nahte sich dem Glas und schöpfte den Bordeaux-Duft. Gerüche und Eigenschaften nahm sie wahr. «Ohne einen Schluck zu nehmen hat mein Freund den Wein charakterisiert», erinnert sich Peter Hürzeler. «Das hat mich sehr beeindruckt». So wurde Hürzeler bekehrt. In einer Bordeaux-Degustation in Albisrieden vor 36 Jahren entflammte eine langjährige Begeisterung für den Edelsaft. Aus Hürzeler wurde ein Wein-Connaisseur.
Alles, was irgendwie einen Bezug zu Wein hat, interessiert den Birmensdorfer. Sprich: Geschichte, Geografie, Biologie. Dazu kommt natürlich die Degustation und Charakterisierung des Edelsaftes. Der Pfarrer sagte ihm einst: «Saufen ist Sünde, geniessen ist Beten». Seither betet Hürzeler - gläubig aber nicht religiös - mit einem Glas in der Hand. Dabei zitiert er Paracelsus: «Die Menge macht das Gift».


Weit mehr als Pinot Noir


Seit 2001 ist Hürzeler Weinkursleiter im Auftrag der Gemeinde Birmensdorf. «Meine Erfahrung als Lehrlingsinstruktor bei der schweizerischen Post kam mir zugute», sagt er. Jeweils im Frühling und im Herbst veranstaltet der 70-Jährige Abendseminare, um die Önologie dem Volk näherzubringen. Teilnehmer lernen Pinot Noir, Cabernet Sauvignon und einige andere der 1368 Traubensorten kennen - aber nicht nur. «Die Leute sollen auch wissen, von wo der Wein kommt. Da ich mit vielen Weinbauorten vertraut bin, kann ich lebendig darüber berichten», sagt Hürzeler. Nach zwei Kursabenden sollte man die Grundlagen der Weindegustation kennen: die Charakterisierung des Weins nach Klarheit, Geruch, Geschmack und Abgang. «Je besser man etwas kennt, umso stärker wird die Freude daran», ist Hürzeler überzeugt. Ihm sei auch wichtig, dass die Kurse erschwinglich bleiben. «Ich möchte ermöglichen, dass jedermann und jedefrau die Grundlagen der Weindegustation lernt».


Historischer Rebberg pflegen


Hürzeler erzählt nicht nur, er packt auch selber an. Mit Kollegen bewirtschaftet er einen historischen Rebberg im Oberwallis. «Ich will die Theorie praktisch anwenden», sagt er. Als Mitglied des Vereins Vinesch erntet, schneidet und verarbeitet Hürzeler besondere Rebsorten. «Wir benötigen pro Hektar 2000 Stunden handarbeit. In Australien oder Chile, wo die Arbeit mechanisch erledigt wird, braucht es nur 80 Stunden», sagt er. Die handerlesenen Trauben aus den alten Sorten Himbertscha und Vinesch Roter findet man allerdings nur im Wallis. Für seine Lieblingstrauben lohne sich der Aufwand.


Die Natur geniessen


Hürzeler hat eine bewusste, leicht hedonistische Einstellung zum Leben - trotzdem predigt er in seinen Kursen den massvollen Genuss des Rebensaftes. «Wenn es einem schlecht geht, lässt man am besten die Finger vom Glas.» Alles andere sei eine Bekämpfung von Symptomen, nicht der Ursache. «Es wäre der erste Schritt zur Abhängigkeit», so Hürzeler. Er selbst trank nur einmal besonders viel Alkohol. «Am Morgen danach habe ich mir gesagt: nie mehr.» Hürzeler sieht den Wein als Genussmittel und weiss ihn entsprechend wertzuschätzen. Denn nebst dem Wein pflegt er andere Interessen, wie das Akkordeonspielen im Duo «Blues and Ballads». Gerade kam Hürzeler von einer Wanderung zurück. «Ich lief von Bülach bis Neuenburg. Eigentlich wollte ich bis Nyon wandern, aber nach sieben oder acht Tagen laufen hatte mein Körper genug», sagt er. Geniessen, und nicht übertreiben. Das ist das Lebensmotto von Peter Hürzeler.