Sie haben Musik für über 120 Filme komponiert und unzählige Auszeichnungen, darunter einen Oscar, erhalten. Seit einiger Zeit spielen Sie mit einem Orchester live vor Publikum in Europa. Wollten Sie Abstand von Hollywood, oder vermissen Sie Ihre Heimat?

Hans Zimmer: Ich schaue nicht so genau hin, für wie viele Filme ich komponiert habe – sonst fühle ich mich so alt. Meine Musikerfreunde haben mir einst gesagt, dass ich nach 40 Jahren mal aus meinem Zimmer, das keine Fenster hat, rausmüsse und endlich den Mut aufbringen müsse, vor Publikum zu stehen, und mich nicht immer hinter der Leinwand verstecken soll. Angefangen habe ich mit meiner Band und einem kleineren Orchester 2014 in London, dann sind wir durch Europa und später auch durch Australien und die USA getourt.

Sie werden bald am «Starmus V», einem Wissenschafts-Festival in Dübendorf, ein Konzert geben. Dabei werden Sie auch Stücke aus Filmen zum Thema Weltraum wie «Interstellar» spielen. Wie kann man als Filmkomponist den Weltraum musikalisch einfangen?

Christopher Nolan (der Regisseur der «Batman»-Filme, Anmerkung der Redaktion) und ich haben uns hingesetzt und gesagt: Okay, welche Instrumente haben wir bei den bisherigen Filmen noch nicht verwendet? Chris hat gesagt: «Die Orgel.» Gleich darauf hatte ich das Bild von einer Orgel vor Augen. Die sieht ja einer Rakete ähnlich, insbesondere die Düsen. Im 17. Jahrhundert war die Orgel eines der technisch am weitesten fortgeschrittenen Geräte, das die Menschheit gebaut hat. Und ich dachte: Wow, fantastisch! Ein Stück Technologie im Dienste der Kunst. Das tönt super, lass uns dieses Instrument verwenden. Anfangs hatte ich Angst, dass es wie ein Horrorfilm tönen könnte. Aber dann dachte ich, das ist nur ein weiteres Klischee. Lass uns neue Musik für das Repertoire dieses grossartigen Instruments schreiben. Das war der Ausgangspunkt für den Soundtrack zu «Interstellar».

Kern eines Soundtracks ist ja das Thema, das bei Stücken oft in Variationen immer wieder vorkommt. Wie kreieren Sie ein solches Thema, das die Stimmung des Films aufnimmt und verstärkt?

Ich habe in England eine Wohnung mitten im Londoner Stadtviertel Soho. Zu Beginn meiner Arbeit für «Sherlock Holmes» habe ich mir beispielsweise vorgestellt, wie London im viktorianischen Zeitalter wohl geklungen hat.

Man hört heute in den Strassen überall Musik, und so muss es wohl auch früher gewesen sein. Ich hörte ein Klavier, das schlecht gestimmt war, eine Geige oder ein Banjo. Musik der Roma aus Ungarn, also Zigeunermusik mit diesen tollen, virtuosen Violinisten. Ich dachte, dass es eine Zeit war, in der jemand wie Sherlock Holmes an einer Musik aus einer ganz anderen Kultur interessiert gewesen wäre.

Wie kamen diese eher schrägen Klänge an?

Die Produktionsfirma Warner Bros. hatte sich die Musik für ihren grossen Blockbuster «Sherlock Holmes», der zur Weihnachtszeit veröffentlicht werden sollte, ganz anders vorgestellt und vermisste das Orchester. Wir haben uns ziemlich lange gestritten, bis die Musik schliesslich aus Banjos und Akkordeon bestand. Als ich einige Zeit später das Drehbuch zum zweiten Teil von Sherlock Holmes bekam, musste ich lachen, als ich auf der ersten Seite las, dass die erste Szene in einem Zigeunercamp spielt. Ich habe gedacht: Ich hab doch gewonnen!

Man muss also ein sehr feines Gespür haben, um Musik für einen Film zu komponieren, damit sie zusammen mit den Bildern die gewünschte Stimmung erzeugt?

Ich habe ein ausgeprägtes Gespür, um mit meinem grössten Verbündeten zu sprechen, dem Chefkameramann. Direkt nach dem ersten Gespräch mit dem Regisseur gehe ich jeweils zu ihm und frage ihn nach den Farben, dem Licht, das ihm vorschwebt. Denn Licht und Musik ergänzen sich. Diese Gespräche bringen mich auf Ideen.

Kennen Sie auch Schreibblockaden, wie es Autoren haben?

Natürlich. Manchmal dauert es Wochen, um drei Noten zu finden. Man darf einfach nicht aufgeben, denn am Ende des Tages werden die drei Noten schon aufkreuzen. Aus den drei werden dann vier und aus den vier werden 400. Aber die ersten drei Wochen sind so gemein und es tut so weh. Es gibt oft Momente, in denen ich am liebsten aufgeben, den Regisseur anrufen und sagen möchte: Du, ich kenn da einen viel besseren Komponisten, der das machen kann.

Das klingt nach einem Kampf.

Natürlich ist es ein Kampf. Es ist ein Kampf, weil vor mir 88 Klaviertasten sind, aber eigentlich sind es nur elf Noten und dann wiederholt es sich. Zudem haben diese Noten schon viele vor mir benutzt. Und ich sollte etwas Neues machen, aber doch nicht zu neu. Und es muss ja auch irgendwie zum Stoff passen. Die 1000 Gründe, warum es nicht funktionieren könnte, die gibt es immer. Die zündende Idee, womit es dann doch funktioniert, kommt immer sehr spät.

Wie viel Einfluss haben Sie auf den Schnitt eines Filmes? Hören Regisseure auf Sie?

Ich schreibe viel Musik bereits vor oder während der Dreharbeiten, beispielsweise bei den «Batman»-Filmen. Der Einfluss zwischen dem Regisseur und mir ist beidseitig im Bezug darauf, wohin wir gehen wollen. Bei «Inception» habe ich mindestens drei Viertel
der Musik bereits vor Ende der Dreharbeiten geschrieben. Als diese fertig waren, habe ich zu Chris gesagt: Schick mir bitte den Film. Er meinte, nein, es laufe gut, und ich solle erst mal die Musik fertig schreiben. Dann bin ich gemein geworden, indem ich auf den Notenblättern nirgends einen Titel hingeschrieben habe. Ich wollte sehen, ob er weiss für welche Szene ein Stück gedacht ist. Und dann immer gebangt, dass es danebenhaut. Aber es hat hingehauen. Wir kennen uns halt sehr gut.

Vertrauen ist eminent wichtig ...

Wir müssen uns gegenseitig vertrauen. Ich erinnere mich, als Ridley Scott mich einst um neun Uhr morgens angerufen hatte. Er tat dies, weil er weiss, dass ich als Musiker zu dieser Zeit hilflos bin, weil ich stets nachts arbeite. Er sagte: «Hey wie wär’s, wenn wir einen Gladiatoren-Film machen?» Ich habe sofort an Männer in Röcken und Sandalen gedacht und musste lachen. Er entgegnete: «Nein, nein, das ist nicht so ein Film.» Auch in dem Moment musste ich dem Regisseur vertrauen, dass er ein interessantes Projekt vorhat. Und es wurde viel besser, als ich es mir vorgestellt hatte. Zum Beispiel die Anfangsszene von «Gladiator», wo eine Hand über ein Weizenfeld streift, war zuerst nicht im Drehbuch. Ich habe zu Ridley gesagt, dass der Film eine weibliche Szene am Anfang brauche. Ich schlug vor, mit einer poetischen Szene zu beginnen, damit wir auch den Tod am Ende poetischer erzählen können. Die Frage war ja, ob wir uns gegenseitig beeinflussen. Die Antwort ist: Ja, natürlich.

Wie blicken Sie dem «Starmus V»-Festival entgegen? Freuen Sie sich auf die Astronauten der Apollo-Mission, die das Privileg hatten, ins Weltall zu reisen?

Natürlich! Sie hatten nicht nur das Privileg, sondern auch die Courage dazu. Ich hoffe, dass ich musikalisch etwas vortrage, das die Astronauten gebührend ehrt. Wenn man ihre Geschichten hört, wenn sie etwa darüber lachen, was bei den Mondmissionen alles schiefgelaufen ist – da denkt man, dass die verrückt gewesen sein mussten. Aber gleichzeitig auch: Gott sei Dank, wart ihr verrückt!