Geroldswil/Urdorf

Galerie in der Scheune: Sie sorgen dafür, dass Kunst nicht im Keller verstaubt

Nach einem Jahr Arbeit: Giuseppe Mele, Uschi Huwiler und Renata Hägni eröffnen am Samstag ihre Galerie.

Nach einem Jahr Arbeit: Giuseppe Mele, Uschi Huwiler und Renata Hägni eröffnen am Samstag ihre Galerie.

Uschi Huwiler, Renata Hägni und Giuseppe Mele eröffnen am Samstag an der Dorfstrasse in Geroldswil ihre Galerie. Sie soll zu einem Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler werden. Gestartet wird mit einer Ausstellung der eigenen Bilder.

Eine Libelle sitzt auf einer silbernen Platte umgeben von schimmerndem Schwarz. Flankiert wird das Gemälde zu beiden Seiten von zwei düster anmutenden Bildern. Über zwei Gesichter laufen feine Gitterstäbe. «Diese Trilogie ist im März während des Lockdowns entstanden. Sie symbolisiert das Gefangensein und die Sehnsucht nach Freiheit», sagt Giuseppe Mele. Er zeigt auf die 19 Nägel, die im Bild rechts aussen stecken. «Die Zahl steht für Covid-19», erklärt der 54-jährige Urdorfer. Nicht nur er, sondern auch seine beiden Kolleginnen Uschi Huwiler und Renata Hägni verarbeiteten die Coronakrise mit ihrer Kunst. Beschäftigt waren die drei jedoch nicht nur damit, sondern auch mit ihrem neuen gemeinsamen Projekt: der Galerie Anemus.

Der 54-jährige Urdorfer verarbeitete den Corona-Lockdown in seiner Kunst. Die Trilogie hinter ihm, auf der eine Libelle auf einer silbernen Platte und zwei Gesichter hinter Gitterstäben zu sehen sind, entstand im März. «Sie symbolisiert das Gefangensein und die Sehnsucht nach Freiheit», sagt der Künstler.

Giuseppe Mele

Der 54-jährige Urdorfer verarbeitete den Corona-Lockdown in seiner Kunst. Die Trilogie hinter ihm, auf der eine Libelle auf einer silbernen Platte und zwei Gesichter hinter Gitterstäben zu sehen sind, entstand im März. «Sie symbolisiert das Gefangensein und die Sehnsucht nach Freiheit», sagt der Künstler. 

Am Samstag werden die Künstlerinnen und der Künstler den 150 Quadratmeter grossen Ausstellungsort in der alten Scheune an der Dorfstrasse 85 in Geroldswil eröffnen. «Wir freuen uns sehr darauf, der Öffentlichkeit zu zeigen, was wir in den letzten Monaten hier geschaffen haben», sagt Uschi Huwiler. Die 71-jährige Geroldswilerin ist vielen Limmattalern als ehemalige Inhaberin des Coiffeursalons Löckli in Oberengstringen bekannt. Dass ihr Herz nicht nur für Haare, sondern auch für die Kunst schlägt, konnten Kunden im Coiffeur-Geschäft bereits erahnen. Dort hängte sie jeweils ihre Bilder auf. Nun erhalten die Acrylgemälde ein neues Zuhause.

Beim Tennismatch lernten sich die beiden kennen

«Wir haben die Decke isoliert. Davor war sie nur mit Glasziegeln abgedeckt und es war ziemlich kalt», erzählt Huwiler und blickt hoch zum Schrägdach im oberen Stock des fast 200-jährigen Hauses. Auch die weissen Holzwände, an denen nun insgesamt 49 Werke hängen, sind neu. «Früher hatten wir nur Vorhänge, um den Raum aufzuteilen.» Überdies installierte das Trio neue Licht-Spots, um die Kunst besser in Szene zu setzen. «Dank der gemeinsamen Arbeit haben wir uns noch besser kennen gelernt. Es hat viel Spass gemacht», sagt Renata Hägni. Ihre Werke stellt die 52-jährige Wettingerin unter dem Künstlernamen «Ataren» aus. Dieser setzt sich aus den Silben ihres Vornamens zusammen. Hägni malt am liebsten mit Ölfarben und integriert zudem diverse Baustoffe wie Sand, Erde, Karton oder Holz in ihre Gemälde. Das Bild «Analphabetisch» kreierte die Baumalerin während des Lockdowns. Es zeigt eine grau-weisse Fläche und zwei orange Streifen. «Das Orange soll die Grenzen und Beschränkungen in dieser Zeit darstellen», erklärt die gebürtige Tschechin.

Unter dem Künstlernamen «Ataren» stellt die 52-jährige Wettingerin ihre Bilder aus. Hägni malt am liebsten mit Ölfarben und integriert zudem diverse Baustoffe wie Sand, Erde, Karton oder Holz in ihre Gemälde.

Renata Hägni

Unter dem Künstlernamen «Ataren» stellt die 52-jährige Wettingerin ihre Bilder aus. Hägni malt am liebsten mit Ölfarben und integriert zudem diverse Baustoffe wie Sand, Erde, Karton oder Holz in ihre Gemälde.

Sie stiess im Dezember 2019 zu Huwiler und Mele. «Wir haben uns vor über 15 Jahren an Tennismatchs unserer Männer im Publikum kennen gelernt», erzählt Huwiler. Irgendwann seien sie auf ihre gemeinsame Leidenschaft, das Malen, zu sprechen gekommen. Dass sie einmal eine Galerie gründen würden, hätten sie damals nicht zu träumen gewagt.

Dazu brauchte es Giuseppe Mele. Der Automechaniker aus Apulien begann mit einem Kollegen 2016 die Scheune zu mieten. Als der Freund wenig später absprang, machte er allein weiter. «Die Miete als Einzelperson zu stemmen, war nicht so einfach», so Mele. Er sei stets auf der Suche nach anderen Künstlern gewesen, mit denen er die Galerie und die Kosten hätte teilen können.
Wie es der Zufall wollte, besuchte Huwiler eine Ausstellung von Mele. «Wir kamen ins Gespräch und Giuseppe sagte, ich solle doch meine Bilder vorbeibringen», erinnert sich Huwiler. Die Werke der beiden hängen seitdem nicht nur zusammen in Geroldswil. Mele und Huwiler stellten bereits einige Male zusammen aus, so zum Beispiel im Ortsmuseum Urdorf. Doch die beiden waren noch nicht komplett. «Giuseppe fragte mich, ob ich jemanden kennen würde, der mit uns zusammenspannt. Und da kam mir sofort Renata in den Sinn», sagt Huwiler.

Die 71-jährige Geroldswilerin ist vielen Limmattalern als ehemalige Inhaberin des Coiffeursalons Löckli in Oberengstringen bekannt. Dass ihr Herz nicht nur für Haare, sondern auch für die Kunst schlägt, konnten Kunden im Coiffeur-Geschäft bereits erahnen. Dort hängte sie jeweils ihre Bilder auf.

Uschi Huwiler

Die 71-jährige Geroldswilerin ist vielen Limmattalern als ehemalige Inhaberin des Coiffeursalons Löckli in Oberengstringen bekannt. Dass ihr Herz nicht nur für Haare, sondern auch für die Kunst schlägt, konnten Kunden im Coiffeur-Geschäft bereits erahnen. Dort hängte sie jeweils ihre Bilder auf.

Das Trio ist nun bereit für die Vernissage und die Eröffnung der Galerie Anemus. «Der Name stammt vom lateinischen Wort Animus, was Seele bedeutet. Die Seele und die Emotionen gehören zur Kunst und motivieren uns dazu, Bilder zu schaffen», sagt Mele. Ziel der drei ist es, die alte Scheune nicht nur für die eigenen Bilder zu nutzen, sondern sie auch anderen als Ausstellungsraum zur Verfügung zu stellen. Für 500 Franken im Monat kann die Galerie gemietet werden. «In Zürich sind die Preise für Galerien kaum zahlbar. Wir wollen Künstlern hier die Möglichkeit geben, ihre Werke für wenig Geld zu präsentieren», sagt Mele. Es sei schade, wenn die Kunst im Keller rumstehe und verstaube, nur weil die Ausstellungsräume zu teuer seien. Die drei bieten zudem Hand bei der Installation und Zusammenstellung von Bildern und Plastiken. «Wir wissen aus eigener Erfahrung, was es heisst, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Es braucht viele Arbeitsschritte und eine gute Infrastruktur. Daher helfen wir gerne weiter», sagt Mele. Doch auch sie hätten viel Unterstützung erhalten. «Wir sind unserem Vermieter Urs Stadtmann sehr dankbar. Er ist uns stets entgegengekommen.»

Sie planen Malkurse für Kinder und kreative Treffen

«Die Idee ist auch, dass wir hier Anlässe veranstalten. Wir haben zum Beispiel vor, am Mittwochnachmittag Malkurse für Kinder und Erwachsene zu organisieren oder kreative Treffen für künstlerische Projekte durchzuführen», sagt Huwiler. Die Galerie solle ein Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler werden. Dazu gehören für die Galerie-Betreiber auch Freizeit-Künstler und junge Talente.
Dass die Eröffnung in die Coronazeit fällt, stört die drei nicht. Für die nötigen Schutzmassnahmen sei am Samstag gesorgt, sagt Hägni. Es gibt Masken, Listen für das Contact-Tracing und statt einem Buffet wird das Restaurant Grottino 83 aus Zürich Altstetten italienische Spezialitäten servieren. «Das Virus geht nicht weg, wir müssen lernen, damit zu leben», sagt Hägni. Wenn man ein Fussballstadion wieder füllen dürfe, könne man auch eine Galerie eröffnen. «Kultur ist Leben und wir kämpfen dafür.»

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