Ständeratswahlen

Grün, jung und gut ausgebildet: Sind diese zwei Umweltfrauen eine Gefahr für das amtierende Ständeratsduo?

Tiana Angelina Moser (GLP) ist Umweltwissenschafterin und Fraktionschefin im Nationalrat. Marionna Schlatter (Grüne) ist Soziologin, Kantonsrätin und kantonale Parteipräsidentin.

Die Themen Klima und Gleichstellung haben Hochkonjunktur. Die beiden Umweltpolitikerinnen Tiana Angelina Moser (GLP) und Marionna Schlatter (Grüne) könnten den beiden amtierenden Männern im Zürcher Ständerat gefährlich werden.

Unter normalen Umständen wäre diese Ständeratswahl langweilig. Denn für den Kanton Zürich treten am 20. Oktober zwei Bisherige an: Daniel Jositsch (SP) und Ruedi Noser (FDP). Die 2015 neu Gewählten haben nichts falsch gemacht und scheinen miteinander zu harmonieren. Eine Wiederwahl müsste eigentlich problemlos sein. Dies umso mehr, als die letzte Abwahl im Zürcher Ständerat 52 Jahre zurückliegt. Damals, 1967, traf es überraschend den früheren Zürcher Finanzdirektor Rudolf Meier von der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), der Vorläuferin der SVP. Das Volk wählte gleich zwei Neue in den Ständerat: Den späteren Bundesrat Fritz Honegger (FDP) und Albin Heimann (LDU).

Das Wahljahr 2019 ist insofern ungewöhnlich, als es im Zeichen von Klima und Frauen steht. Im Nachgang zu den weltweiten Schülerprotesten befinden sich Grüne und Grünliberale im Höhenflug. Zudem hat die Schweiz einen Frauenstreiktag erlebt, der so viele Frauen wie noch nie auf die Strasse brachte. Diese Grosswetterlage könnte im Herbst für die beiden Männer, die den Stand Zürich in Bern vertreten, gefährlich werden. Im grossen Feld der Bewerberinnen und Bewerber fallen zwei Frauen auf, die fast alle Merkmale auf sich vereinen, die politisch hoch im Kurs sind: Sie sind grün eingefärbt, jung, gut ausgebildet und verstehen ihr politisches Handwerk: Die 40-jährige Nationalrätin und Fraktionschefin Tiana Angelina Moser (GLP) und die 39-jährige Neo-Kantonsrätin und Parteipräsidentin Marionna Schlatter (Grüne).

Natürlich gibt es im Feld der Bewerberinnen und Bewerber noch andere qualifizierte Leute wie etwa CVP-Kandidatin Nicole Barandun. Sie haben aber in der jetzigen Konstellation als Angehörige von Kleinparteien kaum Chancen. Und bei SVP-Kandidat Roger Köppel dürfte mit seiner Anti-Klima- und Anti-Europa-Kampagne ist fraglich, ob er ausserhalb der eigenen grossen Partei genug Anklang findet für eine Wahl.

Wer ist der Wackelkandidat?

Dass im Klimawahljahr selbst im bürgerlichen dominierten Kanton Zürich das vermeintlich Unmögliche geschehen kann, bewies im März die Wahl von Martin Neukom (Grüne) in den Regierungsrat. Er verdrängte zwar keinen Amtierenden, stand aber dem freisinnigen Hoffnungsträger Thomas Vogel (FDP) vor der Sonne. Im Ständerat ist die Eintrittshürde noch etwas höher: Hier müssen Schlatter oder Moser einen Bisherigen verdrängen, um Ständerätin zu werden. Ob Jositsch oder Noser besser im Sattel sitzt, ist schwierig zu sagen. Einiges spricht für Jositsch. Der eingemittete Sozialdemokrat schaffte es schon 2015 im ersten Wahlgang, Noser erst im zweiten. Zudem fehlt Noser, zumindest im ersten Wahlgang, die Unterstützung der SVP. Wenn man also von einem Wackelkandidaten sprechen will, dann trifft dies eher auf Noser als auf Jositsch zu.

Moser und Schlatter rechnen ebenso wie die meisten Beobachter mit einem zweiten Wahlgang – wegen des breiten Kandidatenfeldes. Wird im ersten jemand gewählt, was anzunehmen ist, dürfte es Jositsch sein. Er ist im SP-Lager unbestritten und mobilisiert bis weit in die bürgerlichen Parteien hinein. Um die Wurst geht es also im zweiten Wahlgang am 17. November. Dann gilt nicht mehr das absolute, sondern das relative Mehr: Die Kandidatin oder der Kandidat mit den meisten Stimmen macht das Rennen.

Wie bei zweiten Wahlgängen üblich, werden sich die chancenlosen Leute der Kleinparteien zurückziehen, sodass es zu einer Flurbereinigung kommt. Im einfachsten Fall bleiben Köppel, Noser und die beiden Frauen Moser und Schlatter im Rennen. In diesem Vierkampf müsste rein rechnerisch die Person gewinnen, die am meisten Wählerprozente auf sich vereinigen kann. Dies wäre Marionna Schlatter mit gut 31 Prozent gemäss jüngsten Kantonsratswahlen. Sie hätte nebst den Grünen Wählern (11,9 Prozent) auch jene der SP (19,3 Prozent) im Rücken.

Gebündelte Frauenstimmen

Sollte Köppel aber aufgeben und alle SVP-Wähler (24,5 Prozent) zu Noser wandern, käme dieser mit seiner FDP-Hausmacht (15,7) und der CVP (4,3) auf 44,5 Prozent. Um die Frauenwahl wäre es dann geschehen – wenn sich die beiden Favoritinnen und ihre Parteien nicht auf eine einzige weibliche Kandidatur – Schlatter oder Moser – einigen könnten. Könnten sie es aber, ergäbe sich ein Wählerpotenzial von 51,4 Prozent, was den addierten Prozenten von SP (19,3), GLP (12,9), Grüne (11,9), EVP (4,2) und AL (3,1) entspricht. Noser wäre geschlagen. Statt ihm wäre eine der beiden grün eingefärbte Frauen Ständerätin – das wäre dann eine Sensation.

In den sauren Apfel beissen

Unmöglich ist ein solches Szenario nicht, obwohl es vielen Linken sehr schwer fallen dürfte, gegebenenfalls die GLP-Kandidatin auf den Wahlzettel zu schreiben, sollte diese im ersten Wahlgang mehr Stimmen machen als Schlatter. Sie würden es allenfalls mit der nüchternen Überlegung tun, dass ihnen die GLP wegen ihrer grünen Merkmale doch ein bisschen näher liegt als der FDP-Mann. Entfernt erinnert dieses Szenario an die Situation von 2007. Damals zog sich im zweiten Wahlgang SP-Kandidatin Chantal Galladé (heute GLP) zugunsten von Verena Diener (GLP) zurück, um einen SVP-Ständerat Ueli Maurer zu verhindern. Galladé biss in den sauren Apfel, obwohl sie im ersten Wahlgang 10 000 Stimmen mehr machte als Diener.

Können sich Schlatter und Moser heute vorstellen, sich im zweiten Wahlgang zugunsten der Konkurrentin zurückzuziehen, wenn diese mehr Stimmen in der ersten Runde macht? Schlatter sagt nach längerem Zögern ja, Moser will sich dazu nicht äussern. Natürlich werde man dann reden miteinander, schiebt sie nach. Beide pochen im Gespräch weniger auf ihre Gemeinsamkeiten in Umwelt- und Geschlechterfragen als auf ihre Differenzen – die Differenzen eben zwischen GLP und Grünen, zum Beispiel in der Wirtschafts-, Sozial- und Europapolitik. Die GLP befürwortet etwa die Umsetzung der Staf-Vorlage (Steuerreform und AHV-Finanzierung) im Kanton Zürich, die im September an die Urnen kommt. Die Grünen lehnen sie ab. Die Grünen pochen wie die SP auf einen strikten Lohnschutz im Rahmenabkommen mit der EU. Die GLP gewichtet den Rahmenvertrag stärker als die Details des Lohnschutzes.

«Nichts ist mehr unmöglich»

Beide Frauen sind sich einig, dass in diesem Wahljahr nichts unmöglich scheint. «Entscheidend ist die Mobilisierung», sagt Schlatter. Und: «Es herrscht Aufbruchstimmung, die Wählerinnen und Wähler haben Lust auf neue Gesichter.» Das spreche mehr für sie als für Moser, findet Schlatter. Und zur Links-rechts-Frage: «Es ist wichtig, dass alle Parteien Frauen aufstellen, aber am Ende finde ich es entscheidend, ob jemand links oder rechts steht.»

Moser will mit ihrem Erfahrungsschatz als Fraktionschefin und ihrem «Leistungsausweis in der Umwelt - und Aussenpolitik» punkten. Der Ständerat müsse die ganze Bevölkerung repräsentieren, sagt sie. «Ich finde deshalb, dass eines der beiden Zürcher Ständeratsmandate einer Frau zusteht.» Der Grossaufmarsch am Frauenstreiktag habe gezeigt, wie breit die Bewegung mittlerweile sei. Entsprechend hofft sie auch auf die Unterstützung von Frauen aus dem übrigen bürgerlichen Lager.

FDP-Frauen halten zu Noser

Bei den FDP-Frauen scheint Moser aber an der falschen Adresse zu sein. «Nein, Frau Moser ist keine Option für uns», sagt Sibylla Stoffel-Hahn, Präsidentin der FDP-Frauen Kanton Zürich. «Das Parteiprogramm der GLP passt nicht zu uns.» Die FDP-Frauen stünden geschlossen hinter Noser. «Er hat sich in den letzten Jahren immer für unsere Anliegen eingesetzt.» Die FDP-Frauen planten extra eine ergänzende Unterstützungskampagne für ihn. «Aber wenn er einst aufhört, setzen wir alle Hebel in Bewegung, dass die FDP eine Frau aufstellt», sagt Stoffel-Hahn.

Auch für SP-Kantonsrätin Michèle Dünki-Bättig, die sich als Feministin bezeichnet, zählt bei Personenwahlen das Parteibuch letztlich mehr als das Geschlecht. Wenn sie beim Ständerat zwischen einem linken Mann und einer bürgerlichen Frau wählen könnte, würde sie den linken Mann wählen, sagt die Präsidentin der Gewerkschaft Vpod, die auch Mitglied der kantonalen Gleichstellungskommission ist. «Jositsch liegt mir auch näher als Schlatter.» Für sie sei es selbstverständlich, die amtierende SP-Kandidatur zu unterstützen.

Sollte sie aber die Wahl zwischen Ruedi Noser und Tiana Angelina Moser haben, würde sie die GLP-Frau Moser vorziehen. Lachend sagt sie: «Noch lieber wäre mir in diesem Fall allerdings Marionna Schlatter.» Ausser Frage steht für Dünki-Bättig, dass ein Mann und eine Frau Zürich im Ständerat vertreten sollten. Und dass bei Listenwahlen jeweils 50 Prozent Frauennamen stehen müssten – bei allen Parteien.

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