Als der 50-Jährige im Februar vom Statthalteramt einen Strafbefehl erhielt, zahlte er als pflichtbewusster Bürger die 300 Franken Busse unverzüglich ein. Auf Anraten eines Bekannten erhob er aber anschliessend Einsprache gegen den Strafbefehl, der ihm die «Vornahme einer Verrichtung, welche die Bedienung des Fahrzeuges beeinträchtigt» zur Last legte. Dieser Tage musste der Mann nun vor dem Dietiker Einzelrichter Bruno Amacker antraben.

Konkret lautete der Vorwurf gegen ihn, zwei Kantonspolizisten hätten an einem Samstag im Oktober letzten Jahres beobachtet, wie der Mann als Lenker eines Pw «mit 50 bis 60 km/h anstatt der erlaubten 100 km/h» auf der Autobahn «während 4 bis 5 Sekunden mit der rechten Hand das Mobiltelefon hielt und mit dem Daumen bediente».

Das Handy in der Hand, um es seiner Frau zu reichen

Ja, er habe, bestätigte der Beschuldigte vor Gericht, das Handy kurz in der Hand gehabt, es jedoch nicht bedient, sondern lediglich seiner Frau auf dem Beifahrersitz gereicht.

Der Mann – dunkle Haare, Viertage-Bart, Brille, Jeans und Jeanshemd – ist seit rund 30 Jahren eingebürgert. Mit Akzent beantwortet er die Fragen des Richters äusserst höflich und zuvorkommend.

Als Autohändler sei er sehr viel am Steuer unterwegs, fahre aber stets vorsichtig – «ich hab schliesslich Familie» – und würde niemals während der Fahrt eine Whatsapp lesen oder gar schreiben. «Ich könnte das allein schon darum nicht, weil ich dazu meine Brille ausziehen müsste.»

Die Polizisten, so der Richter, hätten ebenfalls festgehalten, er sei «komisch gefahren», was er – meinte der Richter – allerdings schon «etwas komisch findet». Im Rapport stehe nämlich nicht, was die Beamten mit «komisch fahren» gemeint hatten.

Der Beschuldigte seinerseits lieferte die Erklärung: «Das Auto hatte plötzlich zu stottern begonnen. Das war mir unheimlich, und ich bin bei der nächsten Ausfahrt raus und nach Hause gefahren.» Der Mechaniker habe prompt einen Schaden festgestellt, der auf eine teure Reparatur hinauslief, worauf er das Auto dann abgestossen habe.

Laut Untersuchungsakten hatte der eine Polizist gesehen, wie der Beschuldigte «eine bis drei Sekunden auf dem Handy herumdrückte», während der andere Beamte nur festgestellt hatte, dass «der Lenker das Handy mehrere Sekunden in den Händen hielt»; dass er es bediente, habe er nicht gesehen. Diese unterschiedlichen Aussagen zum Sachverhalt waren ausschlaggebend für einen Freispruch. «Kommt hinzu, dass die im Strafbefehl aufgeführten ‹4 bis 5 Sekunden›, die der 51-Jährige das Handy in Händen gehalten haben
soll, offensichtlich willkürlich sind», sagte Richter Amacker.

Zudem zitierte er einen Bundesgerichtsentscheid, in dem ein Autofahrer freigesprochen wurde, der sein Handy während der Fahrt 15 Sekunden in den Händen gehalten hatte. «Am Steuer rauchen, das Radio bedienen oder einen Schluck trinken ist schliesslich nicht verboten. Wobei es aber immer auf die Situation und den gesunden Menschenverstand ankommt, ob man es tut: Auf einer Autobahn oder Überlandstrasse, warum nicht? Vor einem Schulhaus oder auf einer kurvenreichen Bergstrasse aber keinesfalls.»

So glücklich kann ein Freispruch machen

Der Autohändler konnte sein Glück kaum fassen. «Bin ich wirklich frei?», fragte er immer wieder und strahlte wie ein 12-Jähriger mit einer Glace in der Hand.

Freuen kann er sich auch auf die 300 Franken Busse, die er zurückerstattet bekommt, sobald das Urteil rechtskräftig ist. Dass das Statthalteramt den Bezirksgerichtsentscheid vor das Obergericht zieht, ist ja ziemlich unwahrscheinlich.