Mindestens 20 Kinder scharen sich im schmalen Durchgang zwischen Schulhaus Reitmen und Turnhalle. Auf Velos, mit Kickbords oder zu Fuss waren sie unterwegs und vergnügten sich kurz vor dem Zubettgehen im Quartier, bis die 53 Musizierenden der Harmonie Schlieren am vergangenen Montag die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Mit ihren Instrumenten in den Händen sind die Damen und Herren in Viererreihen aufgestellt, Dirigent Tobias Zwyer blickt kritisch zur Formation. Zuvorderst die Tambouren, es folgen die Saxofonisten und das sogenannte mittlere Blech.

«Zum zweiten und letzten Mal vor dem Sechseläuten trifft sich die Harmonie Schlieren zum Üben der Marschmusik. Das muss reichen», sagt Präsident Marco Lucchinetti. Er ist als Trompeter im hinteren Drittel des vergnügten Trosses angesiedelt. Es geht los: Per Majorsstab-Zeichen gibt Zwyer den Befehl und im Gleichschritt marschieren die Männer und Frauen musizierend Richtung Pausenplatz. Gleich tun es ihnen die Kinder. Sie imitieren die Grossen mit übertriebenen Arm- und Beinbewegungen und begleiten den Tross auf der Seite.

Für die Harmonie Schlieren markiert das diesjährige Sechseläuten einen Meilenstein der Vereinsgeschichte. 2018 jährt sich nämlich die Zusammenarbeit mit der Zunft zum Widder zum 50. Mal. Dies könnte einer der Gründe sein, warum sich die Musikanten besonders fokussiert der Marschübung hingeben. Am Jubiläum soll alles reibungslos über die Bühne gehen.

Dass die Harmonie Schlieren 1968 zur Zunftmusik wurde, hat mit dem Dirigenten Arthur Bopp zu tun, wie der Vize-Zunftmeister Max Frei in Gesprächen mit älteren Mitgliedern herausgefunden hat. «Bei uns war man mit dem damaligen Zunftspiel ‹Alte Garde› nicht mehr zufrieden und machte sich auf die Suche nach einer neuen Musik», sagt Frei. Der damalige Musikchef des Kinderumzugs, Fridolin Büntner, empfahl die Harmonie Schlieren unter Dirigent Bopp. «Er lobte ihn in höchsten Tönen und verwies darauf, dass die Musik über viele junge und motivierte Musiker verfügt», so Frei. 1968 bestritt die Harmonie Schlieren erstmals einen für Zünfter ebenfalls wichtigen Anlass, das Martinimahl.

Zutritt für eine Frau

Damals habe das Orchester lediglich ein weibliches Mitglied gehabt. Überliefert wurde auch, dass eine der Bedingungen der Musiker für das Engagement war, dass die weibliche Musikantin ebenfalls Zutritt zur Zunftstube erhält. Diesen Umstand könne Frei jedoch nicht abschliessend bestätigen.

«Zwischen der Zunft zum Widder und der Harmonie ist seither eine tiefe Freundschaft entstanden», so Frei. 1973 wurde anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Harmonie eine Gönnervereinigung ins Leben gerufen. Das dadurch eingenommene Geld wird etwa für die Anschaffung von Instrumenten, Probewochenenden und Uniformen ausgegeben. Der Musikverein wurde bis heute von der Gönnervereinigung mit rund 500'000 Franken unterstützt.

Da diese zu rund der Hälfte aus Mitgliedern der Zunft besteht, stellt sich die Frage: Keine Widder-Zunft, keine Harmonie Schlieren? «Musikalisch würden wir sicherlich weiterbestehen. Aber der gesellschaftliche Aspekt, der für ein Orchester sehr wichtig ist, wäre eingeschränkt», so Lucchinetti. Auch sei es eine riesengrosse Ehre eine der 26 Zunftmusiken zu sein. Eine Ehre, die dem Grossteil der zahlreichen Schweizer Orchester nicht zuteil wird.

Es ist ein strenger Tag

Doch auch ausserhalb des Sechseläutens gab es für die Schlieremer Musiker dank den Zünftern viel Denkwürdiges zu erleben. Etwa im Jahr 1991, als das Land 700 Jahre Schweizerische Eidgenossenschaft zelebrierte, fanden in Brunnen die Hauptfestivitäten statt. Am damaligen Umzug wurde ein Mini-Sechseläuten nachgestellt. Die Harmonie war auch hier Teil der Darbietung.

Der Montag wird zwar ein Highlight für die Musiker, doch handelt es sich um einen strengen Tag. Bereits zum Apéro vor dem Mittagessen spielt die Harmonie Schlieren auf dem Münzplatz ihr erster Konzert. Beim Einzug der Vorsteherschaft in den Zunftsaal spielen sie den Sechseläutenmarsch. Es folgt der Schweizerpsalm, zu diesem wird auch gesungen, und anschliessend der Berner Marsch. Zu diesem Stück veranstalten die Kinder mit einer als Bär verkleideten Person draussen einen kleinen Umzug durch den Zunftsaal. Danach bereiten sich Musiker und Zünfter auf den Umzug vor, an welchem sie durch die Zürcher Innenstadt ziehen: «Von den Musikern wie auch von den Zünftern wird viel Ausdauer verlangt», erklärt Frei schmunzelnd.

Ein Hauch von Sechseläuten in Schlieren West: Die kleinen Zuschauer waren mit von der Partie beim Üben der Marschmusik am vergangenen Montag.

Ein Hauch von Sechseläuten in Schlieren West: Die kleinen Zuschauer waren mit von der Partie beim Üben der Marschmusik am vergangenen Montag.

Für Lucchinetti ist der Umzug der absolute Höhepunkt. Doch dürfe das Musizieren nicht unterschätzt werden. «Nicht jeder Musiker hat Sicht auf den Dirigenten, darum müssen die akustischen Befehle gut einstudiert sein. Zudem gibt es am Strassenrand sehr viel Ablenkung», erklärt er. Fällt einem Musikanten das Notenbuch zu Boden, müsse er oder sie darauf hoffen, dass es zurückgebracht werde. «Ein plötzlicher Stopp könnte fatale Folgen haben», so Lucchinetti.

Harmonie erhält Flagge

Dass am Sechseläuten noch so viel Wert auf den Erhalt von Traditionen gelegt wird, ist für Lucchinetti besonders wichtig. «Auf Wunsch der Zunft verzichten wir auch bei starkem Sonnenschein auf Sonnenbrillen, da dies nicht traditionell wäre», so Lucchinetti. Oder verzichte man bei Nieselregen auf das Tragen von Plastikmänteln. Diese trage man nur, wenn es richtig regnet. «Für manche ist dies wohl ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber ich finde es etwas Schönes.»

Die Zünfter zeigen sich nicht nur im Rahmen des Gönnervereins grosszügig. Zum 40. Jubiläum der Zusammenarbeit schenkten sie der Harmonie ein Schlagzeug. In der Regel seien es Instrumente, wie Frei sagt. Dieses Jahr habe man vonseiten der Harmonie jedoch einen anderen Wunsch geäussert. «Da die Fahne der Harmonie in die Jahre gekommen ist, wünschten sie sich eine neue und wir schenken ihnen eine.» Wie diese genau aussehen wird, stehe bereits fest, da eine eigens einberufene Fahnenkommission einen Entscheid gefällt habe. Doch dauere die Herstellung der Flagge noch einige Wochen. Erst für den 25. November plant der Musikverein die offizielle Weihe, verrät Frei.

Eröffnungskonzert auf dem Lindenhof

Einen weiteren Höhepunkt erlebten die Musiker am gestrigen Freitag. Sie bestritten auf dem Lindenhof ein einstündiges Zunftspiel, das Eröffnungskonzert des Sechseläutens schlechthin. Dass die Zunft zum Widder ausgerechnet im Jubiläumsjahr ihre Harmonie Schlieren auf dem Lindenhof auftrumpfen lassen kann, kommt nicht von ungefähr. «Eigentlich wären nicht wir, sondern eine andere Zunft mit dem Ausrichten an der Reihe gewesen», so Frei. Wegen des Jubiläums setzten wir uns aber dafür ein, dass die Harmonie Schlieren an der Eröffnung spielen darf.

Nachdem der Kopf des Böög am kommenden Montag explodiert ist, schreiten Musiker und Zünfter zurück in den Widder, wo sie ihr Nachtessen einnehmen. Gegen 21 Uhr folgen die Auszüge, an welchen jeweils drei andere Zünfte besucht werden. Welche dies sind, ist noch streng geheim. Bei den Besuchen kommen nicht alle Musiker in die Zunftstube mit, die restlichen spielen üblicherweise ein Platzkonzert vor dem Lokal der jeweiligen Zunft. Es folgt die Rückkehr ins Widder-Lokal, wo Würste verteilt werden und die Harmonie Schlieren zum grossen Finale aufspielt. «Vergangenes Jahr tanzten die Zünfter und die Gäste teils auf den Stühlen», erinnert sich Frei.