Oregano, Thymian oder Schnittlauch: Wer in Bergdietikon mit diesen Kräutern kochen möchte, muss ab diesem Frühsommer nicht mehr in den Supermarkt gehen. Denn vor dem katholischen Pfarreizentrum Bergli werden die Kräuter für jedermann angepflanzt. «Sie werden für alle zur Verfügung stehen», sagt Michael Jablonowski, Seelsorger der Katholischen Kirchgemeinde Bergdietikon. Die Idee, Kräuter für alle zu pflanzen, habe seine Frau gehabt. Die Gemeinde sei begeistert gewesen: «Kaum war das Projekt ausgesprochen, bekamen wir schon die ersten Spenden.» Vor dem Pfarreizentrum stehen bereits einige Kübel mit Kräutern.

Noch ist das Garten-Projekt im Anfangsstadium. Auf der rund 120 Quadratmeter grossen Wiese vor dem Zentrum ist ein Teil abgesperrt. Statt Rasen ist dort aufgewühlte Erde. «Hier soll der Kräutergarten dann hinkommen», sagt Jablonowski. Die Pfarrei plane, handelsübliche Kräuter zu pflanzen: Thymian, Schnittlauch, Oregano und Salbei. Weitere Kräuter seien noch in Überlegung. «Wir sind da momentan noch nicht ganz festgelegt», sagt der Seelsorger. Die angedachten Kräuter haben zwar auch eine heilende Wirkung, auf spezielle Heilkräuter will Jablonowski indes verzichten, denn «das könnte gefährlich werden». Schliesslich müsse man bei manchen Kräutern sehr auf die Dosierung achten, «das kommt für uns nicht infrage.» Die Auswahl der Kräuter sei gut durchdacht: «Sie sollen sowohl den heilenden als auch den würzenden Charakter zum Ausdruck bringen», sagt Jablonowski.

Vertrauen in die Menschen

Die Kräuter sollen jederzeit zugänglich sein. Eine Überwachung soll es keine geben. «Wir vertrauen den Leuten und gehen davon aus, dass keiner kommt und sich einen Jahresvorrat an Kräutern zulegt», sagt Jablonowski. Die Verantwortliche des Pfarreizentrums sei dafür zuständig, nach dem Rechten zu schauen und die Kräuter regelmässig zu giessen, damit sie gedeihen können.

Der Garten soll aber nicht nur Kräuter bieten: Es werde einen mit Platten gekennzeichneten Weg und drumherum einen Barfussweg geben. Bereits letztes Jahr hatte das Pfarreizentrum während der Schöpfungszeit im September einen solchen Weg. «Zu der Zeit gilt es, die Natur und die Schöpfung in den Blick zu nehmen», sagt Jablonowski. Jedes Jahr bietet das Zentrum zu dieser Zeit verschiedene Projekte an. «Letztes Jahr war das Motto ‹tasten› – da ist ein Barfussweg natürlich perfekt», sagt der Seelsorger. Der Weg war provisorisch – die gesamte Schöpfungszeit lang.

Für den Weg wurden verschiedene Materialien benutzt: Sand, Kies, Tannenzapfen, Moos und Wasser. «Es geht darum, die Unterschiede zu spüren: Vom weichen Moos auf den Split – das spürt man wieder ganz anders», sagt Jablonowski. Man solle die Schöpfung und die Natur anders wahrnehmen. Die Idee sei sehr gut angekommen. «Als wir den Barfussweg wieder abbauten, haben sehr viele Leute darum gebeten, einen neuen anzubieten.» Also entschied sich die Pfarrei dazu, einen dauerhaften Barfussweg zu bauen. Dieser werde in den Boden eingelassen – mit einer Holzrahmung, damit er stabil ist. Das Material kann so dauerhaft im Boden bleiben. «Da wir mit unterschiedlichen Naturmaterialien arbeiten, kann es sein, dass nächstes Jahr etwas ausgetauscht werden muss, aber das ist nicht der Plan», sagt Jablonowski.

Eine neue Art zu predigen

Die katholische Kirchgemeinde sieht im Garten «eine Art Predigt», sagt Jablonowski. An diesem Ort könne man sehr gut nachdenken. «Hier geht es ums Menschsein.» Der Barfussweg zeige einzelne Lebensabschnitte: «Es gibt Zeiten im Leben, da läuft es gut – ganz sanft und rund. Und es gibt Zeiten, da kommt man auf harte Erde, da muss man sich durchbeissen – und so ist der Boden auch.» Zum Menschsein gehöre auch das gute Essen, genauso wie das Heilen und sich selbst Gutes tun. «Das steckt alles in unserem Projekt und somit ist das Ganze eine architektonische Predigt», sagt der Seelsorger. Der Garten lade zum Verweilen ein. Egal ob gross oder klein. «Alle haben Spass daran», sagt Jablonowski. Letztes Jahr habe er viele Grossmütter mit ihren Enkelkindern gesehen. Jugendliche, aber auch ältere Menschen. «Es interessiert nicht, wer kommt. Die Erfahrung zählt. Die Kinder lernen die Natur auf ihren Füssen auf kindliche Art kennen und die Älteren erinnern sich an die verschiedenen Texturen, die es gibt.»

Wann genau der Garten fertig sein wird, ist noch offen. Im Mai soll weitergebaut werden, die Pflanzen werden spätestens im Juni angesetzt. Bereits im Sommer könne man auf dem Weg laufen und die Kräuter nutzen – das sei der Plan. «Zu Maria Himmelfahrt, am 15. August, soll der Garten eingeweiht werden», sagt Jablonowski. Das Datum ist nicht zufällig gewählt: An Maria Himmelfahrt werden traditionell Kräuter gesegnet. «Das passt also ganz gut», sagt der Seelsorger. Er habe beschlossen, den Gottesdienst im Aussenbereich zu halten. «Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.»