Zunächst nahm ich das Surren am Morgen in der S-Bahn auf dem Weg zum Büro kaum wahr. «Das stammt bestimmt vom Zug», ging mir kurz durch den Kopf, bevor ich mich wieder der Zeitung in meinen Händen widmete. Doch es liess mich nicht los. Der Klang kam mir bekannt vor, aber er passte nicht hierhin. Irritiert erhob ich mich kurz und blickte herum. Da erspähte ich den jungen Mann im Anzug. Hastig fuhr er sich mit dem Rasierer durchs Gesicht und trimmte seinen Bart. Ob die S-Bahn-Rasur zu seiner täglichen Morgenroutine gehört? Oder war er nur spät dran für ein Meeting und packte vor dem Verlassen der Wohnung noch schnell den Rasierer ein, um präsentabel auszusehen.

Ob Schminken oder Nägel schneiden: Menschen, die ihre Körperpflege in den Zug verlegen, sind kein Einzelfall. Auf dem Weg nach Hause sah ich auch mal zwei Teenagerinnen, die sich als Vorbereitung auf den Ausgang gegenseitig die Haare glätteten. Der Stromanschluss am Sitzplatz soll ja nicht umsonst sein.

Ich muss gestehen, auch ich verlege gerne einen Teil meiner Morgenroutine auf die Schienen. Ich geniesse morgens häufig ein kleines Frühstück im Zug. Ist die Zug-Rasur demzufolge in unserer schnelllebigen Welt nur die logische Fortsetzung davon? Werden wir künftig zwecks Effizienzsteigerung alle am Morgen als eben erst aufgewachte Zombies in die S-Bahn ein- und als frische und motivierte Arbeitskräfte am Zielort wieder aussteigen? Neben Ruhe- und Kinderwagen könnten die SBB dann auch Badezimmer-Wagen mit Spiegelwand einführen, damit der Morgenroutine im Zug genug Platz eingeräumt wird. Denn die Konkurrenz auf der Strasse schläft nicht: Spätestens wenn selbstfahrende Autos in Mode kommen, werden bestimmt auch immer mehr Autofahrer sich erst auf dem Arbeitsweg rasieren.