1054 Kinder wurden im letzten Jahr im Kanton Zürich sexuell misshandelt. Bei der Zahl handelt es sich aber ausschliesslich um die Fälle, die eine Anzeige nach sich zogen. Dazu kommt eine grosse Dunkelziffer. So wird jedes siebte Kind vom 1. bis zum 16. Lebensjahr Opfer sexueller Gewalt. Deshalb haben die Dietiker Primarschulen Fondli und Steinmürli ein Präventionsprogramm an ihre Schulen gebracht. Es handelt sich dabei um das Projekt «Mein Körper gehört mir». Es wurde von der Stiftung Kinderschutz Schweiz und dem Zürcher Präventionsbüro Limita geplant.

«Uns gefällt, dass das Projekt dreiteilig ist. Ich denke, dass wir nur auf diese Weise alle zusammen sensibilisiert werden können», sagte Susanne Weinmann, die Schulleiterin der Primarschule Fondli, kürzlich am Elternabend zum Thema. Zuerst war die Lehrerschaft weitergebildet worden. Nun werden die Kinder der 2. bis 4. Klassen beider Schulen bis zum 19. April einen moderierten Parcours besuchen. Dieser besteht aus verschiedenen Lernstationen. «Den Kindern soll nicht Angst gemacht werden. Sie sollen Spass haben und lernen, auf ihr Gefühl zu hören. Das Thema sexuelle Gewalt wird im Parcours nicht direkt angesprochen», betonte Ute Spiekermann, die Fachmitarbeiterin der Fachstelle Limita.

Sexuelle Straftaten sind geplant

Die Kinder können beispielsweise bei der Station «Ich darf Nein sagen» ihren Kopf in eine Pyramide stecken und erst leise und dann laut und deutlich Nein sagen. «Eltern sollen ihre Kinder unterstützen und ihnen erklären, dass sie ein Recht haben, sich zu wehren und Nein zu sagen», sagte Spiekermann. Sie möchte Erwachsene zum Denken bringen.

Am Elternabend stellte die Fachmitarbeiterin der Limita den anwesenden Eltern eine interessante Frage: Können Kinder immer Nein sagen? Die Eltern waren erstaunt, als Spiekermann verneinte. «Die wenigsten Kinder trauen sich, einem Erwachsenen Nein zu sagen, weil es ein Machtgefälle gibt und sie keinen Ärger verursachen wollen», sagte Spiekermann. Die Verantwortung liege deshalb immer beim Erwachsenen, dem Kind zu zeigen, dass dessen Abweisung akzeptiert wird.

«Jede sexuelle Straftat ist genau geplant», erklärte Spiekermann. Das Kind und das Umfeld werden vorgängig manipuliert. Meistens würden die Täter den Kindern Schuldgefühle machen. «Die Schuld fällt nur weg, wenn man sich klarmacht, dass jede Tat geplant ist», sagte Spiekermann.

Der Parcours soll den Kindern eine Sprache für dieses Thema geben. So können die Kinder bei einer Station üben, gute, schlechte und komische Berührungen voneinander zu unterscheiden. Auch lernen sie, wie sie verschiedene Situationen erkennen und einordnen können. Sie setzen sich mit Gefühlen auseinander und erhalten Informationen, wo sie sich Hilfe holen können. «Der Parcours stärkt Kinder in ihrem Selbstbewusstsein und gibt ihnen ein Feld, wo sie merken, dass man über viele Sachen reden kann», sagte Spiekermann.

Eltern werden sensibilisiert

Spiekermann sieht den Parcours als Türöffner zu den Eltern und Schulen, um diese zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, wie sie ihren Kindern helfen können, damit sie besser geschützt sind. «Sensibilisierung hat aber noch kein Kind gerettet», sagte Spiekermann.

Was muss ich folglich machen, wenn mir ein Kind von einem strafrechtlich relevanten Vorfall erzählt? «In solchen Situationen darf man dem Kind keine Suggestivfragen dazu stellen. Natürlich beginnt man zu interpretieren und möchte verstehen. Aber genau dadurch könnte jede Aussage des Kindes beeinflusst und deshalb nicht mehr vor Gericht zugelassen werden», erklärte Spiekermann. Man solle das Kind nicht ausfragen und durch die eigene Fassungslosigkeit und Angst verunsichern. «Man kann stattdessen sagen: ‹Ich glaube dir und ich möchte dir helfen›», betonte Spiekermann.

Schulleiterin Weinmann ist begeistert vom Projekt. «Wir erhoffen uns, dass durch den Elternabend und das ganze Projekt Diskussionen zum Thema entstehen. Wir möchten Wissen streuen und so alle sensibilisieren», sagte Weinmann. «Ich glaube, der Parcours wird meiner Tochter helfen und ihr zeigen, was erlaubt ist und was nicht. Vor allem das mit den unterschiedlichen Berührungen finde ich besonders hilfreich. Bei allen Stationen wurde der Nagel auf den Kopf getroffen», sagte Sabina Killer, eine anwesende Mutter.