Persönlich

Luftsprünge in der Londoner U-Bahn

«Make it a summer to remember...»: Studiengang-Werbung in der Londoner «metro».

Als ich gestern Morgen Whatsapp öffnete, sprangen mir mein Freund, seine beiden Schwestern, sein Vater und meine Wenigkeit entgegen. Darunter die Überschrift: «Make it a summer to remember.» Zu Deutsch: «Machen Sie sich einen unvergesslichen Sommer.» Mein Freund verriet mir, dass er unser Bild auf dem Arbeitsweg in der Londoner U-Bahn im britischen Pendlerblatt «Metro» entdeckt hatte. Auf dem Foto springen wir in die Luft anlässlich der Studienabschlussfeier meines Freundes. Ein wahrer Freudentag, damals vor zwei Jahren. Abgelichtet hat uns ein Fotograf der Universität. Als Erinnerung, dachte ich zumindest. Dass die Uni unser freudestrahlendes Foto nun als ideale Bebilderung für ihre Studiengang-Werbung nutzt, verblüffte mich. Niemals hätte ich damit gerechnet, einmal in der britischen Presse gezeigt zu werden: nicht zu diesem Thema, nicht springend und nicht in einem kurzen Kleidchen. Wenn ich mir überlege, dass meine nackten Schenkel an diesem Morgen in britischen U-Bahnen, Bussen und Zügen von Tausenden von Menschen begutachtet werden, muss ich tief ein- und ausatmen. «Metro» ist eine der meistgelesenen Zeitungen in Grossbritannien und hat eine Auflage von knapp 1,5 Millionen. Wenn ich das jedoch ignoriere, freue ich mich auch ein wenig. Es ist schön, dass genau wir von der Uni als Sinnbild für eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung auserkoren wurden. Wenn die Verantwortlichen nur wüssten, wie viele schlaflose Nächte und Durchsetzungsvermögen das meinen Freund, die Familie und mich gekostet hat. Doch im Nachhinein denkt man natürlich lieber an die Luftsprünge. Mitgenommen hat mein Freund die Zeitung nicht. Als Journalistin kann ich darüber nur die Stirn runzeln. «Wir haben das Foto ja selbst», verteidigte er sich.

Verwandte Themen:

Autor

Sibylle Egloff

Meistgesehen

Artboard 1