Winter 2018, ein Freundschaftsspiel in Wädenswil. Die Junioren D2 des FC Wädenswil messen sich mit dem FC Oerlikon/Polizei. Zwei der 11- bis 13-jährigen Nachwuchskicker geraten aneinander. Schiedsrichter und Trainer versuchen, den Streit zu beenden. Plötzlich stürmen drei Zuschauer auf den Platz, ein Zürcher und zwei Wädenswiler. Der Zürcher ist der Vater eines Streithahns, die beiden Wädenswiler sind Vater und Onkel des anderen.

Was dann genau passiert, ist schwierig nachzuvollziehen. Sicher ist nur, dass der Vater aus Zürich einen Nasenbeinbruch und einen Jochbeinbruch davonträgt, während sich der jüngere der Wädenswiler Brüder mit einem ausgerenkten Schultergelenk im Spital meldet. Die Staatsanwaltschaft hat sich des Falls angenommen und die drei Streithähne wegen Raufhandels angeklagt. Die beiden Brüder sollen Freiheitsstrafen von elf Monaten bedingt kassieren, ihr Kontrahent neun Monate.

Am Prozess vor dem Bezirksgericht Horgen vertritt der Staatsanwalt die eher happigen Anträge nicht. Gemäss seiner Anklageschrift hat der ältere Bruder dem Kontrahenten einen Faustschlag verpasst. Und einer der beiden Brüder hat dem Zürcher Vater ins Gesicht getreten. Die drei Beschuldigten bringen am Donnerstag nicht viel Klarheit in die Sache. Jeder behauptet, der andere sei an allem schuld.

Der andere ist schuld

So lautet die Version der Brüder: Der Zürcher sei Richtung Spieler gerannt und habe den Wädenswiler gepackt. Daraufhin rannte der jüngere Bruder dazu, in grosser Sorge um seinen Neffen. Kaum da, packte ihn der Zürcher und warf ihn zu Boden. Weiter habe er sich nicht an der Auseinandersetzung beteiligt. Er habe sich ja die Schulter ausgerenkt. «Ich hatte starke Schmerzen und musste weggehen», sagt der 31-Jährige.

Sein älterer Bruder wiederum sah, dass er zu Boden ging, und wollte helfen. Der Kontrahent sei sehr aggressiv gewesen und sofort auf ihn losgegangen. Er habe sich gegen den Angriff gewehrt und «meine Hand in seinem Gesicht gespürt». Der Richter interveniert: «Bei einer Einvernahme haben Sie von einem Schlag gesprochen.» Zuschlagen könne man das nicht nennen, antwortet der 36-Jährige. Sein Verteidiger präzisiert, dass er nie von einem Schlag mit der Faust gesprochen habe.

Alles genau gesehen

Ganz anders stellt der 55-jährige Kontrahent aus Zürich die Streitereien dar. Um die Junioren habe sich ein Knäuel gebildet, mit grossen Schritten sei er daraufhin auf den Platz gegangen. Plötzlich sei einer von rechts aufgetaucht und habe ihm die Faust ins Gesicht geschlagen. Am Boden liegend sei er noch getreten worden. Die zahlenmässig weit überlegenen Wädenswiler Zuschauer hätten ihm regelrecht aufgelauert.

Wer ihm Tritt und Schlag versetzt habe, will der Richter wissen. Kurz vor dem Schlag habe er den Jüngeren gesehen, der Tritt sei aber vom Älteren gekommen, sagt der 55-Jährige überzeugt. «Den Tretenden haben Sie am Boden liegend doch gar nicht sehen können», hakt der Richter nach. «Doch, doch, der war es ganz sicher», bekräftigt der Zürcher. Das hätten ja Zeugen bestätigt. Alle Beteiligten fordern Freisprüche.

Der Einzelrichter folgt diesen Wünschen. Aus Mangel an Beweisen und weil zu unklar ist, wie sich die Auseinandersetzung genau abgespielt hat. Zuerst redet er allen Beteiligten ins Gewissen. «Es geht nicht, dass sich Zuschauer an einem Fussballspiel so einmischen», hält er fest.

Beschämendes Verhalten

Der Freispruch vom Raufhandel ist juristisch interessant. Denn ein solcher kann nur zwischen mindestens drei Personen stattfinden. Nach Ansicht des Richters kann dem jüngeren Bruder aber nicht nachgewiesen werden, eine strafrechtlich relevante Handlung vollzogen zu haben. Bleiben nur noch die beiden Väter. Diesen könnte einfache Körperverletzung vorgeworfen werden. Doch das sei nicht beweisbar, zu unklar sei die Sachlage, meint der Richter.

Für ihn sei klar, dass sich die Beteiligten die Verletzungen beim Streit zugezogen haben. Doch wer wann wen verletzt hat, sei für ihn nicht nachzuvollziehen. Das passende Schlusswort liefert der Anwalt des Zürchers: «Es ist beschämend, dass sich so etwas an einem Freundschaftsspiel von Kindern ereignet. Dabei ging es um nichts. Ich finde es bedauerlich, dass sich ein Gericht damit beschäftigen muss.»