Grün, grau, gross, winzig, flauschig, stachelig, wild, bizarr: Der Anblick beim Betreten des Gewächshauses ist eine Wucht. Sukkulenten, soweit das Auge reicht. Durch die Pflanzen hindurch schlängeln sich Männer in grünen T-Shirts und die Sonne brennt durch die Glasdächer. Ein Paar kommt etwas erschöpft beim Eingang der Sukkulenten-Sammlung Zürich an. Es schleppt eine Tasche. Daraus drängen grüne Sprossen. «Das ist ein Bogenhanf. Er zählt derzeit zu den beliebtesten Zimmerpflanzen», sagt Balz Schneider. Der Obergärtner der Sukkulenten-Sammlung Zürich empfängt an diesem Morgen einige Kakteen-Züchterinnen und -Züchter. «Sie bringen Pflanzen für den Kakteenmarkt vorbei», sagt Schneider. Diesen Samstag werden die Gewächshäuser der Sukkulenten-Sammlung noch besser besucht sein als sonst. Zum 26. Mal findet dort der Kakteenmarkt statt, der von der Zürcher Kakteengesellschaft organisiert wird.

Der Kakteenmarkt ist ein Publikumsmagnet. Letztes Jahr zählte man über 2500 Besucherinnen und Besucher. Was macht den Anlass so populär?

Balz Schneider: Die Leute schätzen das vielfältige Angebot. Am Kakteenmarkt gibt es Pflanzen, die es im Handel nicht zu kaufen gibt. Und das zu attraktiven Preisen von 1 bis zu 120 Franken. Zudem ist es ein Ort, an dem sich Liebhaber austauschen können und Raritäten finden, während Anfänger das Markttreiben geniessen und Beratung erhalten. Die Besucherzahl und der Umsatz haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Begonnen hat 1993 alles mit einem Aktionstag, um eine Privatsammlung zu veräussern. Da das so gut ankam, hat man sich entschieden, den Anlass jährlich durchzuführen. Anfangs war er nur etwas für Liebhaber. Inzwischen hat er sich zu einem Event für viele Zürcher, aber auch ausserkantonale und sogar ausländische Besucher etabliert.

Diese Entwicklung erstaunt nicht. Die Pflanzen liegen im Trend. In den sozialen Medien wird der Kaktus zelebriert. In Wohnzimmern, Restaurants, Schaufenstern, auf T-Shirts und Kissen trifft man ihn ständig an. Was hat der Kaktus, was andere Pflanzen nicht haben?

Der Kaktus ist eine Persönlichkeit. Kakteen und Sukkulenten allgemein sind sehr charakteristische Pflanzen. Sie sagen etwas aus, haben eine exotische, bizarre und markante Erscheinung. Das gefällt vielen Leuten. Was auch für ihre Beliebtheit spricht, ist die Tatsache, dass sie sehr pflegeleicht und anspruchslos sind. Die meisten brauchen viel Licht, im Sommer moderate Wassergaben und im Winter mögen sie es weitgehend trocken. Ein weiterer Faktor ist die Ästhetik. Die Pflanzen sind dekorativ und passen in die heutigen modernen, minimalistischen Einrichtungen.

Durch den Hype erhält die Sukkulenten-Sammlung Zürich mehr Beachtung. Sind Sie froh darüber?

Es ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen freuen wir uns, dass wir durch diesen Werbeeffekt mehr Personen anziehen. Zum andern kommen diese neuen Besucher mit ganz anderen Interessen zu uns, als das normale Publikum, das sich für die Materie und die Pflanzen begeistert. Die Instagrammer bleiben nur kurz und suchen sich den besten Hintergrund für ihre Fotos aus. Manchmal lassen sie sich auch mit Produkten ablichten. Die Grenze zwischen Privatem und Kommerziellem verschwindet da schnell. Zudem befremdet ihr Vorgehen vielfach das normale Publikum. Wenn sie zum Beispiel mit ihren riesigen Foto-Ausrüstungen den Weg versperren und sich hemmungslos vor den Pflanzen inszenieren. Für uns ist es in solchen Situationen schwierig, angemessen zu reagieren. Wir müssen sie manchmal zurechtweisen und gleichzeitig wollen wir sie als Besucher nicht vergraulen. Doch mit diesem Phänomen müssen wir wohl noch eine Zeit lang leben. Es zeichnet sich bis jetzt nämlich nicht ab, dass der Kaktus-Trend abflaut.

Der Kaktus ist der prominenteste Vertreter der Sukkulenten. Vielen ist dieser Begriff fremd. Können Sie aufklären?

Jeder Kaktus ist ein Sukkulent, aber nicht jeder Sukkulent ist ein Kaktus. Die Kakteen machen mit ihren knapp 2000 Arten nur einen kleinen Teil der rund 15'000 bekannten Sukkulenten aus. Dickblattgewächse, Aloen, Agaven, Wolfmilchsgewächse und Orchideen sind zum Beispiel auch sukkulent. Sukkulenz stammt vom lateinischen Wort «succus» zu Deutsch Saft. Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit einer Pflanze, im Stamm, in den Blättern oder auch in den Wurzeln während der feuchten Jahreszeit Wasser zu speichern, das sie dann während der Trockenzeit zum Wachsen, Blühen oder Fruchten nutzen kann. Durch diese Strategie gelingt es ihnen, sich dem Lebensraum anzupassen. Sukkulenz sagt aber nichts über die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Pflanzen aus.

Die Sukkulenten-Sammlung Zürich ist aber nicht nur Austragungsort des Kakteenmarktes. Welche Aufgaben übernimmt sie?

Wir betreuen die wissenschaftliche Sammlung seit 1931. Sie gehört mit rund 5500 Arten zu einer der grössten und bedeutendsten Spezialsammlungen sukkulenter Pflanzen. Dazu gehört ein Herbar mit rund 28 000 Belegen. Zudem führen wir eine Spezialbibliothek mit über
4500 Büchern und wissenschaftlichen Publikationen. Mein fünfköpfiges Team und ich kümmern uns dabei nicht nur um die Schausammlung, sondern auch um den nicht öffentlich zugänglichen Bereich. Dort vermehren und verjüngen wir die Pflanzen. Die Sammlung ermöglicht zudem eine erlebnisreiche Bildung und dient als Erholungsraum für die Bevölkerung und Touristen, als eine Oase der Ruhe. Letzteres dürfen Besucherinnen und Besucher am Samstag aber nicht erwarten, da es erfahrungsgemäss einen grossen Ansturm geben wird. Wer sich für die Besichtigung der Sammlung interessiert, ist an einem anderen Tag wohl besser bei uns aufgehoben.