Feminismus

Professorin Patricia Purtschert: «Feminismus soll als Chance anerkannt werden»

Patricia Purtschert.

Patricia Purtschert ist Professorin für Geschlechterforschung an der Universität Bern. Sie stellt ein steigendes feministisches Bewusstsein in der Schweiz fest.

Sie beschäftigen sich unter anderem mit der Geschlechtertheorie und Fragen zu Rassismus und Geschlecht. Was entgegnen Sie jemandem, der feministische Anliegen in der Schweiz als Luxus-Probleme einstuft?

Patricia Purtschert: Menschen mit solchen Ansichten halte ich das Demokratieverständnis unseres Landes vor Augen. Es beruht auf Gerechtigkeit und Partizipation. Und doch haben wir in vielen Bereichen strukturelle Ungleichheiten. Sie sind oftmals auf das Geschlecht zurückzuführen. Frauen erhalten etwa weniger Lohn und Rente als Männer. Diesen steht hingegen fast kein Vaterschaftsurlaub zu. Geschlechterforschung stellt das Wissen bereit, um solche Ungleichheiten zu verstehen und zu zeigen, wie sie verändert werden können.

Spätestens mit der «MeToo»-Debatte ist der Feminismus wieder in aller Munde. Trotzdem haben viele Mühe, zu beschreiben, was damit gemeint ist. Wie definieren Sie den Begriff?

Unter Feminismus versteht man diverse soziale Bewegungen, die eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben und dafür bei der Geschlechterfrage ansetzen. Zentral ist dabei die Frage, wie wir auf eine gute Weise zusammenleben können.

Wie steht es um den Feminismus in der Schweiz?

Da gibt es unterschiedliche Tendenzen. Zum einen herrscht ein grosses feministisches Bewusstsein. Das zeigt sich derzeit etwa im Vorfeld des nationalen Frauenstreiktags vom 14. Juni. Da wird aktiv darüber verhandelt, wie wir die Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit anders organisieren könnten, nicht nur zwischen Frauen und Männern, sondern auch zwischen oftmals migrantischen Arbeiterinnen und Arbeitern in Tieflohnberufen. Es gibt zudem diverse jüngere Initiativen wie etwa das Frauenzentrum «Fraum» in Zürich. Erwähnenswert ist auch das feministische Netzwerk «Black She», das von schwarzen Frauen in der Deutschschweiz gegründet wurde. Andererseits sind Vorstellungen von Geschlecht und Familie in der Schweiz im internationalen Vergleich noch immer sehr konservativ. Die Folgen des erst 1971 eingeführten Frauenstimmrechts prägen uns bis heute.

Was muss sich ändern?

Ich wünsche mir, dass man Feminismus als Chance anerkennt, als Chance für eine vielfältige Gesellschaft mit diversen Familien- und Lebensmodellen. Er soll den Leuten dazu dienen, sich zu überlegen, wie sie ihr Leben führen wollen. Damit diese Vielfalt möglich wird, ist jedoch ein gesellschaftlicher Prozess und die Veränderung von Machtverhältnissen nötig.

Am Montag stellen Sie Ihr Buch «Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte der weissen Schweiz» im Rahmen der Anlassreihe Kosmopolitics mit dem Feministischen Salon im Kulturhaus «Kosmos» vor. Was haben Kolonialismus und Feminismus gemein?

Lange hatte man das Gefühl, dass die Schweiz mit dem Kolonialismus nichts zu tun hatte. Die Forschung der letzten fünfzehn Jahre zeigt jedoch, dass Schweizer Geschichte nicht ohne Kolonial- und Geschlechtergeschichte geschrieben werden kann. Bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit, Männlichkeit und Familie sind mit kolonialen Bildern verknüpft. Das zeigen Werbungen in Zeitschriften der 1930er-Jahre, die die Rolle der Frau als Hausfrau legitimieren, indem sie deren Vorzüge im Vergleich zu angeblich weniger zivilisierten Frauen im Süden hervorheben. Diese Bilder beeinflussen noch heute das Denken in der Schweiz. Die Schnittstelle zwischen Kolonialismus und Geschlecht ist wichtig, um die Situation in der Schweiz zu verstehen. Denn Rassismus ist in unserem Land nach wie vor sehr präsent.

Verwandtes Thema:

Autor

Sibylle Egloff

Meistgesehen

Artboard 1