Weiningen
Kurz vor dem WM-Auftritt: Akrobatikturner Dario Speidel erzählt von seiner Leidenschaft

Mit seiner Partnerin Cécile Schön startet der Weininger Dario Speidel Anfang Juli an den Weltmeisterschaften im Akrobatikturnen. Die beiden gehen nicht nur sportlich gemeinsame Wege, sie sind auch privat ein Team.

Ruedi Burkart
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Seit 2018 turnt Dario Speidel gemeinsam mit Cécile Schön.

Seit 2018 turnt Dario Speidel gemeinsam mit Cécile Schön.

Harald Von Mengden

Dario Speidel kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auf die Frage des Journalisten, ob es im Akrobatikturnen eigentlich eine Singlebörse gibt für Männer oder Frauen, die ein Mixed-Team gründen wollen, wartet er ein paar Sekunden mit der Antwort. Er unterdrückt ein Lachen, dann sagt er: «Nein, zumindest wäre mir so etwas nicht bekannt.» Der 25-Jährige kennt sich im Akrobatikturnen aus wie kaum ein anderer in der Schweiz. Er ist mit einem kurzen Unterbruch seit über zehn Jahren aktiv und hat schon zahlreiche Erfolge errungen.

Der in Weiningen aufgewachsene Speidel startete seine Turnkarriere im örtlichen Turnverein. Schon früh fand er gefallen an der Randsportart Akrobatikturnen und wechselte den Klub. Der erste Erfolg stellte sich ausgerechnet ein, als sein Verein KTV Dietikon das 100-Jahr-Jubiläum feierte. 2013 war das, und Speidel holte zusammen mit Vanja Dunkel an den Schweizer Mixed-Meisterschaften bei den Junioren die Silbermedaille. Notabene hinter einem anderen Dietiker Paar, Alisha Thaller und Raffael Koch.

Gilbert Gress sagte Ja, Bligg zog den Hut

2014 turnte Speidel erstmals zusammen mit der fünf Jahre jüngeren Alisha Thaller und gewann im Alter von 17 Jahren die Schweizer Meisterschaft bei den Erwachsenen. Ein Jahr später doppelten die beiden nach. 2016 schliesslich hatte das Paar einen grossen TV-Auftritt in der SRF-Sendung «Die grössten Schweizer Talente». Die beiden begeistern Publikum und Jury mit schwindelerregender Sportakrobatik und wurden von der Prominenz geadelt. Es gab dreimal ein «Ja» von Jonny Fischer, Gilbert Gress, Susanne Kunz und gar ein «Ja, Chapeau» von Bligg.

Dann war fürs Erste Schluss mit lustig, der Weininger legte sich eine Wettkampfpause auf. Mit ein Grund für den Rückzug aus der Turnhalle: Der Dienst am Vaterland. «Ich absolvierte die Rekrutenschule. Zudem holte ich nach Abschluss meiner Lehre als Zeichner die Berufsmatur nach», erklärt Speidel, der mittlerweile in Winterthur wohnt. Zurzeit studiert er Wirtschaftsingenieurwissenschaften, der Abschluss ist für diesen Sommer geplant. Daneben arbeitet er in einem Teilzeitpensum.

Rund eineinhalb Jahre dauerte sein Turn-Sabbatical. «Irgendwann kribbelte es wieder und ich fühlte mich bereit, wieder ins Akrobatikturnen einzusteigen», blickt Speidel zurück. Anfang 2018 war das. Das Feuer war zwar wieder zurück, ein grosses Problem stellte sich dennoch: Turnen ja, aber mit wem? «Alisha wechselte während meiner Pause die Disziplin. So musste ich mich neu orientieren.»

Eine Mischung aus Choreografie und Akrobatik

«Ohne Gerät arbeiten die Athleten in Harmonie und Vertrauen, jeder ist für seinen Partner verantwortlich», beschreibt der Schweizer Verband Federation Swiss Gymnastics Acrobatics (FSGA), eine Untersektion des Schweizerischen Turnverbands (STV), Akrobatikturnen auf seiner Website. Die Übungen werden in einer Halle auf einem 12 mal 12 Meter grossen Gymnastikboden durchgeführt. Von den Athleten werden Kraft, Beweglichkeit, Flexibilität, Balance und akrobatische Fähigkeiten verlangt.
Akrobatikturnen wurde in den 1950er-Jahren in Europa entwickelt, insbesondere in Bulgarien, Polen und Russland. Die ersten Weltmeisterschaften fanden 1974 in Moskau statt. Seit 1997 steht Akrobatikturnen auf dem Programm der World Games, welche die nicht olympischen Disziplinen zusammenführen. Seit 2015 ist die Disziplin Teil der Europäischen Spiele, dem entsprechenden Anlass auf europäischer Ebene. Das Akrobatikturnen war 2018 erstmals an den Youth Olympic Games vertreten.
Zwischen dem 21. Juni und dem 4. Juli finden in Genf die Weltmeisterschaften für Junioren und Erwachsene – so genannte Senioren – statt. Geturnt wird in den Kategorien Mixed Paar, Damen Paar, Damen Gruppe, Herren Paar, Herren Gruppe.

Und so kommt nun die anfangs angesprochene Singlebörse ins Spiel. «Wie gesagt, so etwas gibt es bei uns nicht», wiederholt Speidel.

«Aber man kennt sich in der Szene. Und so fanden Cécile und ich zusammen.»

Die beiden waren sich gleich von Beginn weg sympathisch, es knisterte nicht nur in der Turnhalle. Seit einiger Zeit sind sie auch privat ein Paar.

Nach dem Neustart 2018 und einem Aufbaujahr 2019 wollten Speidel und Schön letztes Jahr eigentlich durchstarten. Doch dann kam im März 2020 Corona – und alles stand plötzlich still. «Der erste Lockdown war auch für uns wirklich schwierig. Die Turnhallen waren geschlossen, wir trainierten phasenweise draussen und bei irgendjemandem in der Garage», erinnert sich Speidel. Der zweite Lockdown im vergangenen Herbst und Winter sei weniger einschneidend gewesen. Weil sie als Spitzensportler gelten, durften die Elite-Athleten der Schweizer Akrobatikturner einigermassen normal trainieren.

Dario Speidel und Cécile Schön in Aktion.

Dario Speidel und Cécile Schön in Aktion.

Harald Von Mengden

Jetzt geht alles wieder seinen geordneten Gang. Den ersten Wettkampf dieses Jahr haben Speidel und Schön bereits hinter sich – einen Sieg an der Schweizer Meisterschaft. Und was liegt an der Weltmeisterschaft Anfang Juli in Genf drin? Speidels Prognose:

«Eine Voraussage ist schwierig. Wir sind sicher nicht die ersten Anwärter auf eine Medaille.»

Wie im Kunstturnen sind auch im Akrobatikturnen die üblichen Verdächtigen vorne dabei: Russland und die USA. Die ebenfalls grossen Nationen Japan und China fehlen heuer an der Weltmeisterschaft.