Schlieren

Die zwei wurden berühmt-berüchtigt durch ihren Muskelwahn

Miguel Bieger und Jenny Dietschweiler wurden mit einem Dok über Nacht berühmt – und berüchtigt. Schauplatz: das Fitnessmekka «David Gym» in Schlieren.

«Jeder will ein bisschen besser aussehen als der andere, jeder will ein bisschen mehr»: Mit diesem Satz hat die Schweiz Miguel Bieger kennen gelernt. Eine halbe Million Zuschauer haben ihm am 7. Januar beim Schwitzen, Stöhnen und Müesli-Wägen zugesehen.

Weitere 110 000 haben Hanspeter Bänis SRF-Dok «Mein Körper, mein Werk» online gesehen. Bieger und seine Freundin Jenny Dietschweiler spielen darin zwei der drei Hauptrollen – und wurden über Nacht zu Ikonen der Oberflächlichkeit, zu Stellvertretern für eine körperbesessene Jugend, die ihre Tage und Nächte im Fitnessstudio verbringt, immer darauf bedacht, wie sich das Äussere noch weiter modellieren lässt.

Die ersten Minuten des SRF-Doks «Mein Körper, mein Werk» zum Thema Körperkult.

Die ersten Minuten des SRF-Doks «Mein Körper, mein Werk»

Der Schauplatz einer guten Portion des Films: das Fitnessmekka «David Gym» in Schlieren, das einen nach dem Gang durch unscheinbare Flure in einer riesigen Halle an der viel befahrenen Zürcherstrasse erwartet. Auf 4000 Quadratmetern finden Kraftsportler wie Miguel und Jenny alles, was sie zum Frisieren ihres Körpers brauchen: Unzählige Gewichte, Kraftgeräte und Tretmühlen breiten sich in der Halle aus; an der Bar gibt es Früchte und Proteindrinks.

Job, Training, Essen

Die zwei jungen Menschen, die mir in der Lounge des Gyms gegenübersitzen, kommen vernünftiger daher, als ich es nach dem ersten Kennenlernen im Dok-Film erwartet hätte. Der 24-jährige Miguel, der sich als Maler selbstständig gemacht hat, musste seine Termine herumschieben, um für das Gespräch mit der Limmattaler Zeitung Zeit zu finden; Jenny hat an diesem Freitag frei, weil sie am Samstag wieder in der Apotheke in Altstetten stehen muss, wo sie als Pharmaassistentin arbeitet.

Die 23-Jährige erzählt munter von der ersten eigenen Wohnung, die sie bald in Bergdietikon bezieht – um näher bei ihrem Unterengstringer Freund, aber auch dem Gym in Schlieren und der Arbeit in Altstetten zu sein als heute, wo sie mit ihrer Mutter in Uetikon am See lebt.

Von heiligem Eifer ist bei beiden wenig zu spüren. «Das Krafttraining hat schon Suchtpotenzial», sagt Miguel.

Mit den ein bis zwei Stunden, die sie hier fünf bis sechs Mal die Woche verbringen, würden sie aber noch nicht mal zu den Besesseneren zählen.

Jenny lacht, als ich ihr sage , was mir vom Dok am meisten geblieben ist: ihr nicht enden wollendes «70 Gramm Reis und 160 Gramm Poulet für vor dem Training, 70 Gramm Reis und 160 Gramm Poulet für nach dem Training» – sie rattert den Essplan den halben Film hindurch wie ein Mantra immer und immer wieder herunter. Es gebe schon noch mehr in ihrem Leben als Kalorienzählen, sagt sie.

Als Bäni sie zwischen April und Oktober gefilmt hatte, steckte sie mitten in der Vorbereitung für einen Wettkampf – bei dem sie in der ersten Runde ausschied.

«Da musst du eben auf jedes Gramm achten, sonst kannst dus gleich sein lassen», sagt sie.

Mittlerweile esse sie wieder normal – also schon fettarm und proteinreich, aber das Hungern, das ihr der Wettkampftrainer im Film verschrieben hatte, sei bis auf weiteres Vergangenheit.

Denn auf die Wettbewerbswelt habe sie keine Lust mehr, sagt Jenny, und auch Miguel, der schon Schweizer Meister im Junioren-Bodybuilding war, will vorläufig wieder «nur für mich» trainieren.

Das liegt wohl auch daran, dass er mit einer Aussage im Film die Bodybuilding-Szene verärgert hat: Er habe auch schon Zusatzpräparate vom Schwarzmarkt in der Wettkampfs-Vorbereitung genommen, sagt er da frisch von der Leber weg. Kontrollen gebe es schon, aber eben nur stichprobenartig.

Das kam nicht gut an: weder beim Dachverband noch bei den Kollegen im Gym, von denen ihn nach der Ausstrahlung viele angehauen hätten, wieso er so etwas in der Öffentlichkeit erzähle.

Miguel verteidigt sich: Er sei halt ein ehrlicher Typ, er sehe auch nicht ein, wieso man wegen eines solch offenen Geheimnisses ein derartiges Drama veranstalten müsse.

«Vielleicht hätte ich mir damals ein bisschen mehr überlegen sollen», räumt Miguel ein, heute würde er wohl alles etwas vorsichtiger formulieren.

«99,9 Prozent» schlucken etwas

Jenny regt sich über die negativen Reaktionen auf. Sie finde es stark von ihrem Freund, dass er ehrlich geblieben ist.

«99,9 Prozent» würden vor Wettkämpfen illegale Präparate zu sich nehmen, auch Härteres als die Entwässerungsmittel, die Miguel damals für eine kurze Zeit genommen habe – als einmaliger Versuch, versichert er.

«Schau dir die Leute auf der Bühne doch mal an: Die wollen einem doch nicht im Ernst weismachen, dass das alles nur vom Pouletessen kommt», sagt Jenny.

Die Bodybuilder müssten letztlich selber wissen, was sie zu sich nehmen wollen und was nicht, auch wenn sie einräumt, dass im Muskelwahn viele von ihnen Präparate schlucken, von denen sie nicht wüssten, was drin stecke.

Sie nervt sich aber auch über die Doppelmoral vieler Menschen. «Die Leute haben nie genug von Rekorden, alles muss immer schneller und grösser und besser werden» – da könne man nicht nur den dopenden Sportlern die Schuld am Problem geben, findet sie.

Die Frage, wie schädlich der Körperkult werden kann, wird im Dok von Experten beantwortet. Ein Arzt warnt vor Arterien, die bei jungen Präparate-schluckern denen eines 60-Jährigen glichen, ein Psychologe warnt vor den Begleiterscheinungen der Sucht nach Bestätigung.

Dass sie nun zum Posterpärchen einer Welt der Oberflächlichkeit und versteckten Minderwertigkeitskomplexe wurden, begeistert Jenny und Miguel nicht gerade.

Sie seien «sehr überrascht» gewesen, als sie den fertig geschnittenen Film über den Bildschirm flimmern sahen.

«Er wirft schon kein gutes Bild auf uns», sagt Jenny, über die negativen Reaktionen könne sie aber mittlerweile lachen. «Man sieht dem fertigen Film halt auch nicht an, wie er entstanden ist.»

Der Vorwurf der Oberflächlichkeit perlt an ihr ab wie der Schweiss beim Trainieren. «Wenn man uns nur oberflächliche Fragen stellt, kriegt man halt nur oberflächliche Antworten», sagt sie.

Sie würdens wieder machen

Bereuen würden sie es nicht, beim Film mitgemacht zu haben. Wohl würden sie heute auf einen Vertrag bestehen, der ihnen ein gewisses Mitspracherecht einräumt, sagt Miguel. Aber ehrlich ist er auch heute: Es schmeichle ihm halt schon, wenn ihm eine halbe Million beim Muskelflexen zuschaue, sagt er und lächelt.

Auch Jenny geniesst es, dass sie seit der Ausstrahlung von verschiedensten Leuten angesprochen wird – meist mit Bewunderung, nicht Herablassung.

Sogar finanziell habe der Film sich für sie gelohnt: Sie werde mit Anfragen für Ernährungs- und Fitnessberatung überhäuft; so sehr, dass sie neben Anstellung und Selbstständigkeit fast zusehen muss, dass sie selbst noch zum Trainieren kommt.

Aber nur fast: Das Training hat Vorrang, auch als Miguel und ich uns von ihr verabschieden. Sie hebt an ihrem freien Morgen noch etwas Gewichte, während wir zurück an die Arbeit gehen.

Sehen Sie hier den ganzen Dok «Mein Körper, mein Werk» mit Miguel und Jenny.

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