Dietikon

Energiewende konkret: Warum die Silbern der perfekte Standort für die erste grosse Power-to-Gas-Anlage ist

In der Silbern wird im grossen Massstab erprobt, wie sich erneuerbare Energie speichern und damit die Energiewende meistern lässt. Am Freitag ist der Spatenstich zur ersten industriellen Power-to-Gas-Anlage in der Schweiz erfolgt. Das Limmattaler Regiowerk Limeco wird sie bauen und betreiben.

Beim offiziellen Baustart zum 14-Millionen-Projekt sind gestern in Dietikon viele grosse Worte gefallen: In Referaten wurde unter anderem auf den erreichten «Meilenstein» hingewiesen und von einer «Schlüsseltechnologie» gesprochen, es war gestern Freitag auch mehrmals die Rede von einem «Leuchtturmprojekt» und einem «Vorzeigevorhaben», das ausstrahle.

Diese grossen Worte kommen nicht von ungefähr. Das Projekt, das auf dem Areal des Limmattaler Regiowerks Limeco in Dietikon erstellt wird, gilt als bis anhin grösste Power-to-Gas-Anlage in der Schweiz, allenfalls – die Angaben dazu sind unterschiedlich – auch europa- oder sogar weltweit. Es soll sich als Mosaikstein erweisen, mit dem sich die Energiewende umsetzen lässt, so die Hoffnung.

Mit der Power-to-Gas-Anlage wird mehr als ein Versuchsballon gestartet: «Das ist kein Testlauf, das ist kein Pilotprojekt», sagte etwa SP-Nationalrat Eric Nussbaumer. Das Projekt habe nichts mit blossen Demozwecken zu tun, meinte auch Tomas Peyer von Swiss­power, der strategischen Allianz von 21 Schweizer Stadtwerken und regionalen Unternehmen der Versorgungswirtschaft. Denn die Limeco will die Anlage mindestens auf 15 Jahre hinaus betreiben. «So lassen sich im Hinblick auf die Energiewende wertvolle Erkenntnisse gewinnen», sagte Nussbaumer. «So kann der Nachweis erbracht werden, wie und unter welchen Rahmenbedingungen eine solche Anlage technisch und wirtschaftlich betrieben werden kann», sagte Peyer.

Ein Bioreaktor «mit vielen neuen Limeco-Mitarbeitern»

In der Power-to-Gas-Anlage wird, wie es der englische Name sagt, Energie in Gas umgewandelt. Das zentrale Element bildet ein Bioreaktor, in welchem sogenannte Archaeen – einzellige Mikroorganismen, wie sie auch in den Tiefen des Ozeans vorkommen – Methan produzieren.

Die Archaeen seien seine vielen, vielen neuen Mitarbeiter, sagte Thomas Di Lorenzo, Leiter Abfallwirtschaft bei Limeco, gestern schmunzelnd. Diese würden im Bioreaktor nach herumschwirrenden CO2- und Wasserstoffmolekülen greifen und diese in Methan umwandeln, erklärte er das Verfahren für die anwesenden Journalisten vereinfachend. Das Methan kann anschliessend in das bestehende Gasnetz eingespeist werden.

«Wir haben die perfekten Voraussetzungen, um dieses grüne Gas zu produzieren», sagte Stefano Kunz (CVP), Limeco-Verwaltungsratspräsident und Schlieremer Bau- und Planungsvorstand, gestern. Denn die beiden Zutaten, die für das Power-to-Gas-Rezept erforderlich sind, stehen der Limeco vor Ort sozusagen gratis zur Verfügung. Der benötigte Wasserstoff wird mittels Elek­trolyse mit erneuerbarem Strom aus der Kehrichtverwertungsanlage hergestellt. Das Klärgas aus der Abwasserreinigungsanlage besteht zu zwei Dritteln aus Methan und zu einem Drittel aus CO2 und wird dem Bioreaktor direkt zugeführt. So, hält die Limeco auf ihrer Website fest, werde «aus Abfall und Abwasser ein CO2-neutraler Energieträger gewonnen».

Das Methan, das durch diese biologische Methanisierung hergestellt wird, gleicht chemisch dem Erdgas. Wird es verbrannt, entsteht in beiden Fällen CO2. Im Unterschied zum fossilen Erdgas ist das Limeco-CO2 jedoch Teil des natürlichen Stoffkreislaufs; es war nur kurzzeitig in pflanzlichen Nahrungsmitteln gebunden und gelangte über die menschliche Verdauung in die Abwasserreinigung und ins Klärgas.
Mit der Dietiker Power-to-Gas-Anlage werde also ein Schritt zur sogenannten Dekarbonisierung geleistet, sagte Thomas Peyer. Indem CO2-neutrales Methan dem Gasnetz zugeführt werde, müsse weniger fossiles Erdgas importiert werden.

Die Limeco verfügt – neben dem Vorliegen beider benötigter Ingredienzien – über einen weiteren Pluspunkt; ihr Fernwärmenetz. Indem sie die Abwärme aus den Power-to-Gas-Prozessen nutzt und als Fernwärme abgibt, kann sie den Gesamtwirkungsgrad auf 80 Prozent erhöhen. Ohne Abwärmenutzung wird ein Wirkungsgrad von knapp 45 Prozent erreicht.

Ein Beitrag zum Umbau des Schweizer Energiesystems

In der Schweiz soll gemäss Energiestrategie 2050 bekanntlich Strom aus Kernkraft durch Solar-, Wasser- und Windkraft ersetzt werden. Damit wird in Zukunft im Sommer noch mehr Strom produziert, als verbraucht wird. Im Winter, wenn der Energiebedarf grösser ist, muss die Schweiz hingegen Strom importieren, da sich Energie nur beschränkt speichern lässt.

Die sogenannte Sektorkopplung stellt für diese Herausforderung einen ganzheitlichen Ansatz dar: Die Energiesektoren Strom, Wärme und Mobilität werden nicht einzeln und isoliert betrachtet, sondern als Gesamtsystem. Power-to-Gas sei eine Schlüsseltechnologie, um überschüssigen erneuerbaren Sommerstrom saisonal zu speichern, hielt Thomas Peyer von Swisspower gestern fest. Aus überschüssigem erneuerbarem Strom produziertes Gas wird ins bestehende Gasnetz eingespeist und steht genau dann und dort zur Verfügung, wenn es gebraucht wird.

Von den Erkenntnissen des Dietiker Leuchtturmprojekts sollen andere Stadtwerke und Energieversorger profitieren können. Das Potenzial sei grundsätzlich gross, heisst es dazu in einer Swisspower-Studie. Alleine die 100 grössten Schweizer Abwasser­reinigungsanlagen, welche wie die ­Limeco einen idealen Standort für Power-­to-Gas-Anlagen darstellen würden, «könnten in Zukunft den Energieverbrauch von über 250'000 Personen decken», heisst es.

Damit Power-to-Gas-Anlagen ihre Vorteile im Energiesystem der Zukunft ausspielen können, braucht es aber gemäss den Projektverantwortlichen noch andere Elemente. Zum einen seien grosse Gasspeicher nötig, die das erneuerbare Gas im Sommer aufnehmen und im Winter ins Netz abgeben können. Zum anderen müsse der regulatorische Rahmen so ausgestaltet sein, dass Power-to-Gas-Anlagen als Speichertechnologie wirtschaftlich betrieben werden können, forderte Thomas Peyer gestern.

Diesbezüglich verfügt die Limeco über einen weiteren Vorteil: Denn in Dietikon entfällt die Netznutzungsgebühr, weil der Strom für die Elektrolyse direkt aus der Kehrichtverwertungsanlage auf dem Areal bezogen werden kann. «Nicht alle geeigneten Power-to-Gas-Standorte in der Schweiz haben diesen Vorteil», sagte Peyer.

Nach dem Spatenstich vom Freitag werden bereits am Montag die Baumaschinen auf dem Limeco-Areal auffahren, um den dreigeschossigen Holzbau, der auf einem Sockel steht, zu erstellen. Der weitere Terminplan sieht vor, dass der Probebetrieb im Herbst 2021 aufgenommen wird und der industrielle Betrieb gegen Ende 2021. Eine offizielle Einweihung erfolgt nach dem erfolgten Probebetrieb.

Gemäss Limeco-Angaben wird die Anlage jährlich rund 18000 Kilowattstunden erneuerbares Gas liefern. Dies führe zu einer CO2-Reduktion von 4000 bis 5000 Tonnen pro Jahr, was dem Ausstoss von rund 2000 Haushalten entspreche.

Finanziert wird das Leuchtturmprojekt, das die Limeco bauen und betreiben wird, durch acht Schweizer Energieversorger. Eniwa AG, Energie Zürichsee Linth AG, St. Galler Stadtwerke, Energie Wasser Bern, Gas- und Wasserversorgung Dietikon, Gas- und Wasserversorgung Schlieren, SWL Energie AG und Industrielle Betriebe Interlaken kaufen Zertifikate für das produzierte Gas. In einem Jahr werden sie ihren Kunden synthetisches erneuerbares Gas aus der Schweiz liefern. Als Technologie- und Entwicklungspartner für die Anlage in Dietikon sind die Schmack Bioenergie GmbH (Viessmann-Gruppe) und die Siemens Energy Schweiz AG an Bord. Mitinitiiert hat das Projekt die Stadtwerke-Allianz Swisspower. Das Bundesamt für Energie unterstützt es im Rahmen seines Pilot- und Demonstrationsprogramms.

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