Schlieren
Exklusiv: «Rotstift»-Star Jürg Randegger führt durch Schlieren

Am Donnerstag und Freitag hat das Musiktheater über das «Cabaret Rotstift» ein Heimspiel im Schlieremer Salmensaal. Vorab nahm Jürg Randegger mit auf eine Reise in seine Erinnerung.

Raphael Biermayr
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Jürg Randegger (l.) und Produzent Christian Jott Jenny zu Besuch im Singsaal des Hofacker-Schulhauses. Mario Heller

Jürg Randegger (l.) und Produzent Christian Jott Jenny zu Besuch im Singsaal des Hofacker-Schulhauses. Mario Heller

Mario Heller

Es ist ein kurzer Spaziergang für die Menschheit. Aber ein langer für Jürg Randegger. In Schlieren geht es vom Restaurant Salmen zum Schulhaus Hofacker und retour. Für den 80-jährigen Randegger ist es ein Flanieren in die Vergangenheit. Die Geschichten sprudeln aus ihm heraus. Schliesslich wird er feststellen: «Es ist, als wäre es gestern gewesen, dass wir hier waren.»

Noch Karten erhältlich

Für die beiden Auftritte im Schlieremer Salmensaal am 15. und 16. Oktober sind noch Karten an der Abendkasse vor Ort erhältlich. (bier)

«Wir», das ist das Cabaret Rotstift. Jene Combo also, die in wechselnder Besetzung ab 1954 während Jahrzehnten das Publikum in Sälen und Hallen landauf, landab und später auch am TV begeisterte und deren beste Sprüche Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden haben. 2002 traten die «Rotstifte» zum letzten Mal auf. 13 Jahre später gibt es ein Stück, das sich um die Geschichte des Cabarets dreht, mit Jürg Randegger in der Hauptrolle. Heute und morgen Abend lädt er mit «Rotstift Reloaded» in den Salmensaal.

Häuser und eine Dampflok

Randegger stiess 1965 zum Cabaret Rotstift in Schlieren. In der Anfangszeit sei er häufig mit dem Fahrrad von seinem Wohnort in Zürich-Enge oder später dem Römerhof gekommen, schildert er. Vorgestern Mittag steigt er aber aus dem Wagen von Christian Jott Jenny. Dieser ist Initiant und Produzent des Stücks «Rotstift Reloaded», bei dem er mit Randegger und Andreas Matti auch auf der Bühne steht.

«Es war vor genau 50 Jahren, als wir uns im Salmen das erste Mal trafen», sagt Randegger und schreitet vorneweg in Richtung des Schulhauses, in dessen Singsaal das Ensemble einst probte. Er geht so schnell, dass der Fotograf ihn um Drosselung bittet. «Dabei haben wir uns vorher gerade über Entschleunigung unterhalten», wirft Jenny lachend ein.

Randegger fügt sich, wenn auch widerwillig, angetrieben vom Rausch der Erinnerungen, die ihn die Hände nach links und rechts werfen lassen: Häuser, die schon vor Jahrzehnten standen, eine Dampflok, die einem Spielplatz weichen musste.

Er hat seine eigenen Bilder bewahrt von dieser kleinen Welt in Schlieren, die immer ausschliesslich mit dem Cabaret Rotstift verknüpft war: Entgegen diverser Interneteinträge hat Randegger zu seiner Zeit als Lehrer nie hier Schule gegeben, sondern stets in Zürich. Auch seine Ausbildungszeit hat er andernorts absolviert, in Küsnacht.

Heinz Lüthis Absage

Seit April läuft «Rotstift Reloaded». Produzent Jenny musste mehrere Jahre lang Überzeugungsarbeit leisten, ehe Randegger zusagte. Auch den Weininger Heinz Lüthi, «Rotstift»-Mitglied von 1977 bis 2002, fragte er an, als Darsteller und/oder als Drehbuchschreiber. «Es war eigentlich eine Bedingung von mir, dass Heinz dabei ist», sagt Randegger. Schliesslich kam es anders, Lüthi habe sich – auch wegen eigener Projekte – dagegen entschieden. «Es ist gut, wie es gekommen ist.

Ich hatte Bedenken, neben zwei Rotstiftlern unterzugehen», führt Jenny aus. Bedenken hatte auch Jürg Randegger – in Bezug auf den Inhalt des Programms. Denn es ist nicht ein reines Nachbeten der zeitlosen Nummern, sondern ein eigenständiges, musik- und gesanggetragenes Stück. «Ich hätte nie gedacht, dass es ohne unsere Sketches funktioniert», sagt Randegger. Er irrte: Die 31 bisherigen Vorstellungen waren gemäss Jenny allesamt ausverkauft. In Zürich, Basel, Baden und Dübendorf spielten sie in Lokalitäten vor 250 bis 400 Zuschauern.

In den Raum, den Randegger erstmals nach Jahrzehnten wieder betritt, passt ein Bruchteil davon. «Aber die Ambiance hier drin, die war irrsinnig!», sagt er sichtlich berührt, als er den Singsaal im Hofacker-Schulhaus abschreitet. Das Vorhaben der Besichtigung hat an den Ferien zu scheitern gedroht. Doch eine arbeitsame Lehrerin ermöglicht den Zugang. Später sieht Schulleiterin Verena Kocher nach dem Rechten und freut sich über den bekannten Besucher. «Ich kenne viele, die am Freitag zu Ihrem Auftritt kommen und bin selbst auch dabei», sagt sie zu Randegger. Den freut das schampar, wie er entgegnet.

Mini-Garderobe

Das gilt nicht nur für diese Ankündigung. Er hüpft geradezu auf die Bühne des Singsaals. «Hier ist alles noch genau wie damals!», frohlockt er. «Diese Elemente mussten wir vor jedem Auftritt so rausziehen», sagt er, während bereits die nächste Erinnerung aufflackert. «Das muss ich euch jetzt zeigen!» Randegger öffnet eine Tür und geht in ein Kabuff. Es ist eine ehemalige Garderobe des Cabaret Rotstift, wo sich zwei der Mitglieder für die Nummern umzogen.

«Es war schaurig heiss hier drin», sagt Randegger, streicht über eine Wand und sagt: «Hier befestigte ich mein eigenes Brett mit den Kleiderhaken, dort war das von Werni von Aesch.» Jener gehörte zu den Gründern des Cabarets und initiierte den Kinderchor «Schlieremer Chind». Er unterrichtete 38 Jahre lang im Hofacker-Schulhaus, wodurch die «Rotstifte» auch dort proben und spielen durften. Von Aesch starb im Dezember 2008 mit 81 Jahren.

Vor dem Eingang zum Schulhaus Hofacker blickt Randegger in die Ferne und bleibt am Fussballplatz hängen. «Hier trainierte jeden Dienstag der inoffizielle 1. FC Rotstift, ab und zu hatten wir auch Freundschaftsspiele.

Es gab manchen Match, wo es höher zu- und herging als letztens bei der Schweizer Nati», höhnt der Anhänger des FC Red Star. Über den Rotstiftweg, den die Stadt Schlieren ihrem prominenten Einwohner von Aesch einst gewidmet hatte, geht es zurück zur Beiz, wo alles begann, dem «Salmen».

Randeggers Selbstironie

Der angeschlossene Saal ist eine der grössten Lokalitäten, in denen «Rotstift Reloaded» gezeigt wird. Christian Jott Jenny will einen Vorabaugenschein nehmen, geht mit Randegger auf den nichts ahnenden Kellner im Restaurant zu und sagt todernst: «Wir würden den Saal gern für eine Abdankungsfeier buchen.» Schwarzer Humor vom Feinsten: Die Abschiedsfeier von Werner von Aesch fand im Januar 2009 in jenem Saal statt, Jenny und Randegger nahmen daran teil. Letzterer schmunzelt, und Jenny sagt: «Ohne Jürgs Selbstironie wäre das ganze Projekt nicht möglich gewesen.» Wo die Grenzen liegen, ist schwer zu sagen. Randegger, einst auch 24 Jahre lang Moderator des «Samschtig-Jass», ist ein Showman durch und durch. Aber ein nahbarer, einer, der gern «ds Chalb» macht.

Ein Stück Kalb in Form eines Wiener Schnitzels liegt wenig später auf einem Teller vor ihm. Im Restaurant Amadeus beim Schlieremer Bahnhof endet die Begegnung. Dieses Lokal ist von Jenny gewählt worden: Neben dem Projekt «Rotstift Reloaded» sei es seine Verbindung mit Schlieren. Hier hat er für das Cabaret Rotstift die Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart geschlagen.

Jenny ass mit Bekannten zu Abend, als ihn einer seiner Begleiter darauf aufmerksam gemacht habe, dass am Nebentisch der Schlieremer Stadtrat sass. «Ich sprach etwas lauter über das Projekt, bis die zuhörten», erzählt das Multitalent lachend. Darüber hinaus ist er auch Unternehmer. Als solcher muss er das Risiko verteilen, denn die Aufführungen seien wegen der vielen Technik teuer. Schliesslich sprach der Stadtrat einen Kredit in der Höhe von 30 000 Franken für die beiden Aufführungen.

Etwas Bleibendes geschaffen

Jürg Randegger nippt am Grünen Veltliner. Damals, vor vielen Jahren im Singsaal Hofacker, suchte man Heerscharen von Licht- und Tontechnikern vergeblich. Auf dem Weg ins «Amadeus» ist ihm wieder vor Augen geführt worden, wie viel sich verändert hat.

Als er die Zürcherstrasse via Unterführung passiert, sagt er halb witzelnd, halb melancholisch: «Damals konnte man über die Strasse gehen, ohne nach links und rechts zu schauen.» Auf seinen Eindruck von Schlieren angesprochen, hält er allgemeingültig fest: «Eine Stadt verändert sich schnell.» Seine Freunde und er vom Cabaret Rotstift haben hingegen etwas Bleibendes geschaffen. Das hat der Spaziergang gezeigt.

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