Dietikon

Falsch investiert oder Geld veruntreut? Gericht brütet über Urteil

Hat ein Mann Millionen veruntreut - oder bei den Investitionen einfach Pech gehabt? Das Dietiker Bezirksgericht brütet über einem Urteil.

Er hatte rentable, aber risikoreiche Investments im Angebot - nun droht ihm eine teilbedingte dreijährige Freiheitsstrafe: Ein 68-Jähriger soll 4,5 Millionen Franken veruntreut haben. Er pocht vor dem Dietiker Bezirkgsgericht auf einen Freispruch.

Der Mann, der lange als selbstständiger Versicherungs- und Krankenkassenberater tätig war, rutschte zufällig in die Finanzbranche hinein, wie er vor dem Bezirksgericht Dietikon erklärte. Mit dem Aufkommen des Internets hätten sich völlig neue Möglichkeiten ergeben, Geld in diversen Investment-Plattformen anzulegen. Diese probierte der heute 68-Jährige für sich selber aus.

Seine ersten Versuche zahlten sich gleich aus. Er erzielte mit seinem privaten Einsatz satte Gewinne. Die Renditen fielen derart hoch aus, dass ihn immer mehr Kollegen baten, doch auch ihr Geld anzulegen. Werbung habe er nie gemacht, alles habe auf Mundpropaganda basiert, führte der Mann vor Gericht aus.

Sein Kundenstamm wuchs, das bei ihm angelegte Vermögen ebenfalls. Zwei Jahre lang führte er die Listen über Ein- und Rückzahlungen sowie über Gewinnausschüttungen von Hand nach, dann stieg er auf ein Computerprogramm um. Er lancierte Internetplattformen, auf denen seine Kunden investieren konnten. Er betreute sie zunächst über sein in Zypern domiziliertes Unternehmen, später über eine in Spanien gegründete Gesellschaft.

Veruntreuung oder Freispruch?

Diese Entwicklung führte den Mann nun vor das Gericht. In den Jahren von 2004 bis 2013 soll er Gelder seiner Kunden veruntreut haben. Die Staatsanwältin, die in fünf Jahren Untersuchung mehr als 60 Bundesordner mit Akten füllte, kommt in ihrer Aufstellung auf einen Deliktsbetrag von gegen 4,5 Millionen Franken. Sie beantragte vor dem Bezirksgericht Dietikon, dass der Mann mit einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 3 Jahren bestraft wird, wovon er 10 Monate hinter Gitter absitzen soll.

«Angesichts der dicken Anklageschrift, die 35 Seiten umfasst, könnte man ja glauben, dass ein grosser Wirtschaftskrimineller vor Gericht steht», sagte der Verteidiger des 68-Jährigen. «Aber mein Mandant ist ja nicht einmal ein kleiner.» Er verlangte deshalb einen vollumfänglichen Freispruch.

Für die Staatsanwältin ist aber klar: Der Mann habe das ihm anvertraute Geld zweckwidrig eingesetzt. So habe er ab 2003 die eingegangenen Überweisungen oder die in bar übergebenen Beträge meist nicht in die von ihm propagierten hochrentierlichen Investments gesteckt. Das Geld habe er gleich anderweitig verwendet: Statt zu investieren habe er mit den erhaltenen Beträgen frühere Kunden ausbezahlt. Damit, so lautete der Vorwurf, habe der Mann einfach Löcher stopfen wollen, um sein Geschäft am Laufen zu halten.

«Im Gesamten geht es schon auf»

Dass er die Einlagen von neuen Kunden nicht direkt investiert, sondern an alte Kunden überwiesen habe, stellte der Mann nicht in Abrede. Daran sei aber nichts falsch gewesen. Denn er habe im Gegenzug die Zinserträge und Kursgewinne, die dem alten Kunden zugestanden hätten, auf dem Investment stehengelassen und dem neuen Kunden zugerechnet. In der Gesamtsumme sei es damit aufgegangen, wollte der Mann damit sagen. Auch dessen Verteidiger meinte, dass so ein unnötiges Hin- und Herüberweisen von Geldern habe vermieden werden können. Das sei halt einfacher gewesen.

Für die Staatsanwältin war diese Rechnung aber zu einfach. Der Mann habe gar keinen Überblick über alle Investitionen gehabt. Und damit Kunden ihr eingesetztes Geld wieder hätten zurückerhalten können, hätte es neue Kunden gebraucht. «Das war ein klassisches Schneeballsystem», sagte die Staatsanwältin.

Unbestritten war, dass das Geschäftsmodell gestottert hatte. Der Beschuldigte und dessen Verteidiger führten dies insbesondere auf «Gauner» in der Internet-Finanzbranche zurück. Der 68-Jährige vertraute demnach auf verschiedene Investment-Vehikel, deren Betreiber sich seriös präsentiert und hohe Renditen versprochen hatten. Doch einige von ihnen stellten plötzlich ihre Rendite-Zahlungen ein und verschwanden – mitsamt des investierten Geldes.

Auch bei einem letzten Sanierungsversuch habe sich der heutige Pensionär übers Ohr hauen lassen, hielt der Verteidiger in seinem Plädoyer fest. Sein Mandant habe auf einen Treuhänder gesetzt, dessen erste Geschäftsidee gescheitert war und der mit dem zweiten Projekt eine sichere Rendite von 300 Prozent in Aussicht stellte. Vom investierten Geld sah der 68-Jährige – und vor allem seine Kunden – nur noch einen Bruchteil.

Von Risiken und Bedenken

Dass Geldanlegen risikobehaftet sei, hätten seine Kunden gewusst, meinte der Beschuldigte vor Gericht. Er habe sich nach seinem besten Wissen und Gewissen bemüht, für sie Gewinne zu erzielen. Mit der Arbeit seien die ehemaligen Kunden zufrieden gewesen, führte auch der Verteidiger in seinem Plädoyer aus. Dies habe einerseits eine nachträgliche Befragung ergeben. Anderseits hätten sich bloss 44 der 170 Geschädigten im Verfahren als Privatkläger konstituiert. Sein Mandant, der sich selber nicht bereichert und nie in Saus und Braus gelebt habe, möge im Berufsleben Fehler gemacht haben, doch seien diese strafrechtlich nicht relevant.

Die Staatsanwältin verwies hingegen darauf, dass der Beschuldigte eingeräumt hatte, dass er gewisse Bedenken gehabt habe, ob das eingesetzte Geld bei den Investment-Vehikeln noch vorhanden war. Dennoch habe er über Jahre hinweg einfach weitergemacht, in der Hoffnung, dass schon noch alles gut komme. «Das war einfach Phantasie, Wunschdenken und Hoffen.»

Das Bezirksgericht wird das Urteil in der kommenden Woche fällen.

Meistgesehen

Artboard 1