Gesamtschau

«Ich muss bei Dir sein und Du bei mir»: Ohne Maria kein Max Gubler

Das Kunstmuseum Bern widmet dem hiesigen Maler Max Gubler die erste echte Gesamtschau — inklusive Spätwerk, das lange unter Verschluss blieb. Mittelpunkt der Ausstellung: seine Frau Maria.

«Maria Gubler war der einzig mögliche Mensch als Frau und Begleiterin für Max Gubler»: Der Kunsthistoriker Gotthard Jedlicka, der das Schaffen des Künstlers als Freund und Förderer — andere würden sagen: zuletzt auch als Hinderer — eng begleitet hat, dürfte es wissen. Max Gubler ist zum Zeitpunkt, als diese Zeilen in Buchform erscheinen, noch am Leben. Doch die Pinsel hat er 1970 schon längst niedergelegt. Endstation Burghölzli: Hier wartet der Maler damals, neun Jahre nach Marias Tod, auf seinen eigenen.

Aufenthalte in Heilanstalten prägen da bereits seit mehreren Jahren das Leben des 1898 geborenen und 1973 verstorbenen Künstlers, der in Unterengstringen seine fruchtbarsten Schaffensphasen erlebte. Die innere Unruhe und die depressiven Verstimmungen, die Gubler seit seiner Jugend schon plagten, gipfeln 1958 in Paranoia, Gewaltausbrüchen, Wahnvorstellungen, Selbstmordversuchen — und der Einweisung in die Klinik. Seine Malerei erlebt in dieser Zeit eine radikale Hinwendung zur Moderne. Lange waren diese späten, die als «krank» bewerteten Werke unter Verschluss gehalten worden; die Familie befürchtete, mit ihrer Veröffentlichung den guten Ruf des Malers zu ruinieren.

Der ganze Gubler

Erst jetzt werden die Spätwerke allmählich aus einer anderen Prämisse heraus betrachtet als aus der eines krankheitsbedingten kreativen Niedergangs. Die Neuentdeckung Gublers begann im vergangenen Jahr, als in Schaffhausen erstmals die «verbotenen» Werke der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Das Kunstmuseum Bern will den zu Lebzeiten anerkannten und kommerziell durchaus erfolgreichen Künstler mit einer ersten wahren Gesamtschau seiner Werke nun endgültig rehabilitieren — und zwar nicht nur den späten Gubler, sondern den ganzen Gubler.

Es ist die erklärte Absicht der Kuratoren, Gublers Werk aus diesem Würgegriff der Krankheitsnarrative zu erlösen. Sie wollen den Künstler – von seiner frühen, expressiv-neusachlichen Zeit bis zu den späten, von einer radikalen Modernität getriebenen Werken – in all seinen Facetten zeigen. Vor allem wollen sie aber vom biografischen Ansatz wegkommen. Und dem Maler Gubler näher.

Es ist ein überfälliger Schritt: Zu Lebzeiten wahlweise als «Munch der Schweiz», «Van Gogh der Schweiz» oder als «neuer Hodler» gehandelt, hat es Gubler verdient, dass sein Gesamtwerk aus einer seriösen kunstgeschichtlichen Perspektive betrachtet wird. Die Gesamtschau zeigt auch, dass die Versuche, ihn als «neuen» oder «Schweizer» irgendwas zu verkaufen, ihm nicht gerecht werden. Sein Werk zeichnet, und das wird spätestens in der umfassenden Präsentation in Bern ersichtlich, allem voran eine grosse Eigenständigkeit aus.

Dennoch: Sein Werk selbst macht es schwierig, das Persönliche von der Kunst so fein säuberlich zu trennen, wie es seine «kranken» von den «gesunden» Bildern lange wurden. Für Max Gubler gab es nur eine Welt, und in dieser verschmolzen Leben, Malen und die Familie zu einem. Leben war für ihn Malen, Malen war für ihn Leben, Lieben und Verzweifeln – und das nicht erst, nachdem die Krankheit überhandgenommen hatte. «Was ihm an Liebe und Zuneigung geschenkt wird, das gibt er mit seinem Werk zurück», hielt schon der 1965 verstorbene Jedlicka in seinen Schriften fest. Auch in Bern ist ein ganzer Raum dieser Verschmelzung von privater und kreativer Sphäre gewidmet: Unter dem Titel «Tat-Raum» hängen darin verschiedene Gemälde, die Künstler und Familie im Unterengstringer Atelier zeigen. Darin hat er, so Jedlicka, «wie in einer Festung gelebt: mit seiner Gattin und den Katzen».

Jedes Bildnis: Maria

Seine Gattin Maria: Sie war Gubler bis zu ihrem Tod im Juni 1961 — dem 34. Heiratstag des Paars — Lebens- und Schaffensmittelpunkt. Mindestens 261 Bilder hat er von ihr gemalt, in denen sich die ganze Palette seiner malerischen Entwicklung zeigt. 1919 hat er die gleichaltrige Maria Gronenschild im Dunstkreis des Zürcher Sozialisten Fritz Brupbacher kennen und lieben gelernt. Fortan verband die beiden eine symbiotische Beziehung.

In der Gesamtschau im Kunstmuseum Bern steht Maria Gubler folgerichtig auch räumlich im Mittelpunkt: Die Treppenhalle, um die sich die übrigen sechs Räume gruppieren, ist ganz dem Motiv der Gattin gewidmet. Keiner der Räume kommt jedoch ganz ohne ihre Gestalt aus. Denn «eigentlich sind alle Bildnisse Gublers Marias Bildnis», wie Kurator Daniel Spanke gestern vor den Medien erklärte. Es ist einerlei, ob die Bilder auf den ersten Blick einen Jüngling zeigen oder eine erwachsene Frau – Marias Züge sind im Werk des Gatten allgegenwärtig. Mit dem Malen Marias habe Gubler sich auch mit sich selbst auseinandergesetzt, war Jedlicka überzeugt: «In jedem Bildnis der Gattin des Malers ist ein Selbstbildnis enthalten; Mann und Frau sind einander gegenseitig zum Schicksal geworden.»

Ohne Maria Gubler kein Maler Max Gubler: Dies wird nicht nur im Werk ersichtlich. Bekannt sind längst auch Max Gublers verzweifelte Ausbrüche nach ihrem Tod, die Jedlicka aufgezeichnet und veröffentlicht hat. Er schildert, wie der Maler, getrieben von Trauer und Selbstvorwürfen, Maria ruiniert zu haben, selbst zum Ausdruck bringt, welch untrennbare Lebenswelten seine Ehe und die Kunst für ihn bewohnten: «Nicht ich habe meine Bilder gemalt!», habe Gubler geschrien, «‹Maria hat meine Bilder gemalt!› Und dabei traten Tränen in seine Augen.»

Es ist daher kaum Zufall, dass an prominenter Stelle in der Treppenhalle eine Serie von Maria Gubler hängt, in der sie den Arm in rätselhafter Pose angewinkelt hat – so, als würde sie vor der Staffelei stehen und den Pinsel führen, nicht ihr Mann. Profanere Ansätze erklären die Haltung mit der Tatsache, dass Maria eine starke Raucherin war und ausserhalb des Bildrands wohl gerade eine Zigarette abäschert. In einem der «verbotenen» Bilder der «kranken Jahre» taucht die Figur erneut auf. Nur: Hier können selbst die Experten nicht beurteilen, ob es sich dabei nun um Max oder Maria Gubler handelt.

Mit Maria starb der Künstler Max

Das wohl eindrücklichste Testament der Abhängigkeit des Malers Gubler von seiner Frau bleibt aber die Tatsache, dass mit ihrem Tod auch seine Pinsel für immer verstummten. Anflüge der Malmüdigkeit haben Gubler sein ganzes Leben lang geplagt. Bis zu Marias Tod sind aber auf alle Phasen der Malabstinenz — die sich in den Jahren, da er zwischen psychiatrischen Einrichtungen und Unterengstringen pendelte, häuften — teils heftige, fast manische Phasen enormer Produktivität gefolgt. Nach Marias Tod wollte, konnte und musste Gubler nicht mehr malen. «Es muss für ihn auch eine Erlösung gewesen sein», so Spanke.

So zentral Maria Gublers Rolle für das Schaffen ihres Mannes: Sie bleibt eine Hieroglyphe. Wer sich mit Gublers Werk und Leben befasst hat, kam zwar nie um sie herum. Von ihr zeichnet aber nicht nur er immer wieder andere Bilder. Zeitzeugen bezeichnen sie als «sehr einfaches, unansehnliches Mädchen»; als «bescheidene und gütige Frau». Aber auch als «munter und ehrgeizig», als «ungewöhnlich kraftvolle Frau», wie auch als «Mensch, der in dieser Beziehung vielleicht der stärkere ist: hart, unerbittlich gefühllos, und dort, wo sie es ungestraft sein kann, brutal.» Max Gubler beschwört in seinen Briefen an sie ihre unerschütterliche innere Ruhe, deren heilende Wirkung ihn zum Fazit bringt: «Ich muss bei dir sein und du bei mir.»

Einigen können sich Gubler-Kenner auf eines: dass Maria sich für ihren Mann aufgeopfert hat, mit dem zu leben alles andere als immer einfach gewesen sein muss. Im Buch, das zur Ausstellung der Spätwerke erschienen ist, werden erschütternde Szenen geschildert. Etwa: «Mai 1958: Bei Maria Gubler wird ein Herzanfall diagnostiziert. Max hält sie für gesund, bedroht sie mit dem Messer.» Oder: «Ende Mai 1959: Angriffe Max Gublers auf seine Frau. Er hindert sie am Einkaufen und Essen. Zunehmende Verwahrlosung. Nächtlicher Herzanfall von Maria Gubler. Max ohrfeigt sie vor den Augen des Arztes.» Ein paar Tage später gibt sie ihr Einverständnis zur Einweisung Gublers in die Heilanstalt Bellevue in Kreuzlingen. Max Gubler plagen nach ihrem Tod Gewissensbisse. Nicht nur wegen der krankheitsbedingten Ausbrüche. Auch weil sie auf seinen Wunsch im zweiten Jahr ihrer Beziehung auf das Austragen des gemeinsamen Kindes verzichtet habe. Und weil er das Verhältnis erst acht Jahre nach dem Kennenlernen mit der Heirat legalisiert hatte.

Die Autoren beäugen die Beziehung der beiden — die allem voran auf «Verzicht beruhte, um ihm seine Kunst zu ermöglichen, der sich alles unterzuordnen hatte» — und besonders Marias Rolle darin, kritisch: Stets werde auf Marias Tüchtigkeit und ihrer Fähigkeit, «aus dem Nichts doch etwas auf den Tisch zu zaubern», beharrt. Doch: «Ihre Überlebenskunst ist die Grundlage seines Künstlertums, aber auch seiner fehlenden Praxis, mit dem Alltag zurechtzukommen», so die Autoren.

Romantischer zeichnet Maria der Freund und Förderer, der mit dem späten Max Gubler weder persönlich noch künstlerisch mehr zurechtkam: Gotthard Jedlicka. Bescheiden habe sie sich der Kunst des Gatten untergeordnet, «trug gleichsam alles, was sie brauchte, mit sich» — und das war eigentlich so gut wie nichts. «Eine Zigeunerin» nennt er sie anderswo, «sie liebte über alles die Ungebundenheit.» Vor allem aber habe sie ein ausgezeichnetes Auge für die Kunst ihres Mannes, über jedes Werk und jeden Entwurf stets den Überblick gehabt.

So schwierig Maria Gubler einzuordnen ist, eines ist unbestritten: Ohne sie hätte es den Max Gubler, der der Nachwelt nun endlich umfassend vorgestellt wird, nicht gegeben. 40 Jahre lang war sie ihm Muse und Modell und Ermöglicherin eines Werks, das eine – wenn auch späte – Würdigung verdient hat.

«Max Gubler: Ein Lebenswerk» Vom 13. März bis 2. August im Kunstmuseum Bern. Eröffnet wird die Ausstellung heute um 18.30 Uhr. Der Katalog erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess.

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