Uitikon
«Lachen die Premiere-Zuschauer an den richtigen Stellen, ist es eine grosse Erleichterung»

Wegen Corona muss die Waldegg-Bühne auf die Vorstellungen von diesem Jahr verzichten. Zum 30-Jubiläum widmete die Gemeinde dem Traditionsverein aber einen Weihnachtskurier, in dem sie auf seine bewegte Geschichte zurückblickt.

Alex Rudolf
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Bei «Mord on Backstage» stand die Truppe der Waldeggbühne zuletzt auf der Bühne. Bevor das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kam, fand Anfang März 2020 die Premiere statt. Weitere Vorstellungen mussten abgesagt werden. Initiierten die Waldeggbühne: das Ehepaar Carl und Silvia Hirrlinger (ganz links) sowie Sonny Herdener (ganz rechts). Auch die Bühnenbilder (hier im Stück «Liebesküsse aus Moskau» aus dem Jahr 2017) werden mit viel Liebe zum Detail gebaut.

Bei «Mord on Backstage» stand die Truppe der Waldeggbühne zuletzt auf der Bühne. Bevor das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kam, fand Anfang März 2020 die Premiere statt. Weitere Vorstellungen mussten abgesagt werden. Initiierten die Waldeggbühne: das Ehepaar Carl und Silvia Hirrlinger (ganz links) sowie Sonny Herdener (ganz rechts). Auch die Bühnenbilder (hier im Stück «Liebesküsse aus Moskau» aus dem Jahr 2017) werden mit viel Liebe zum Detail gebaut.

Joël Decurtins Bild: zvg Bild: Daniel Diriwächter

Es brauchte eine Infoveranstaltung beim Theaterverein des Nachbardorfs, um die Waldegg-Bühne zu gründen. In etwa so liesse sich die Entstehung der Uitiker Institution überspitzt zusammenfassen. Denn die heutige Vizepräsidentin Sabine Steigmeier hatte 1989 Lust, Theater zu spielen, und wollte einem öffentlichen Aufruf der Theatergruppe Birmensdorf, die neue Talente suchte, folgen. «Am besagten Termin war ich jedoch verhindert und meine Mutter ging für mich an die Veranstaltung, um einen Eindruck zu bekommen», sagt Steigmeier. Schnell habe sich gezeigt, dass ihre Mutter, Sonny Herdener, eine andere Vorstellung von Laientheater hat als die Birmensdorfer.

Herdener lernte an der Veranstaltung aber das Ehepaar Silvia und Carl Hirrlinger kennen, mit dem sie sich gut verstand. Daher entschieden sich die drei, einen Aufruf zur Gründung einer Uitiker Theatergruppe zu lancieren.

Obwohl das Echo zuerst ausblieb, liessen sich total 15 Laienschauspielerinnen und Laienschauspieler finden, die den Grundstein für eine bislang 30-jährige Erfolgsgeschichte legten. Anlässlich dieses Jubiläums veröffentlichte Historikerin Sonja Furger im aktuellen «Weihnachtskurier» ein Porträt des Vereins, der zu Uitikon gehöre, wie es der Kirchturm tue, heisst es auf der Website der Waldegg-Bühne. Der Weg dahin war jedoch lang.

Auch die Bühnenbilder (hier im Stück «Liebesküsse aus Moskau» aus dem Jahr 2017) werden mit viel Liebe zum Detail gebaut.

Auch die Bühnenbilder (hier im Stück «Liebesküsse aus Moskau» aus dem Jahr 2017) werden mit viel Liebe zum Detail gebaut.

Joël Decurtins Bild: zvg Bild: Daniel Diriwächter

Nach der Gründung im Februar 1990 wurde sogleich mit der Planung des ersten Stückes, das im darauffolgenden Herbst Premiere feierte, begonnen. Dabei übernahm Carl Hirrlinger die Regie. Seit seiner Schulzeit stand er regelmässig für das damalige Theater Altstetten auf der Bühne und übersetzte über 40 Theaterstücke aus dem deutschen, holländischen und englischen Sprachraum ins Schweizerdeutsche. Seine Frau Silvia übernahm derweil das Vereinspräsidium und kümmerte sich um das Organisatorische und die Medienkontakte. «Die Waldegg-Bühne Uitikon profitiert ungemein von den Erfahrungen und Kontakten der beiden Hirrlingers wie auch vom Enthusiasmus aller Vereinsmitglieder – mit und ohne Bühnenerfahrung», schreibt Furger im «Weihnachtskurier».

Die beiden Aufführungen von «De Brütigam vo minere Frau» seien erfolgreich über die Bühne gegangen. Es hätten rund 900 Zuschauerinnen und Zuschauer verzeichnet werden können. Die Bühne habe sich während des Applauses zum Schluss jeweils in ein Blumenmeer verwandelt, hiess es damals im Dietiker «Bezirks-Anzeiger». Fortan hatten die Mitglieder des Waldegg-Bühne-Ensembles Lust auf mehr und brachten jährlich ein neues Stück auf die Bühne. Zwar sei es nicht immer einfach gewesen, ein solches auf die Beine zu stellen. Denn die Besetzung habe sich von Saison zu Saison aufgrund von persönlichen, familiären oder beruflichen Gründen stets verändert. Dennoch blieb ein Kernteam über die Jahre bestehen. Furger erklärt dies mit der Herangehensweise an Theaterstoffe. Diese zeichne sich durch die «Mischung aus spielerischem Experimentieren und intensiver Auseinandersetzung mit Spass und Ernst» aus.

Für Steigmeier bildet die Inszenierung von 1993 unter dem Titel «Gschtürm im Stägehuus» ein besonderer Meilenstein, da sie darin ihre erste Hauptrolle erhielt. «Eigentlich war ich damals noch zu jung für diese Figur, ich wuchs jedoch über all die Proben in sie hinein», sagt sie. Habe man eine der Hauptrollen, trage man auch grosse Verantwortung. «So sollte man möglichst an allen Proben teilnehmen und den Text rasch auswendig lernen.»

Bei «Mord on Backstage» stand die Truppe der Waldeggbühne zuletzt auf der Bühne. Bevor das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kam, fand Anfang März 2020 die Premiere statt. Weitere Vorstellungen mussten abgesagt werden. Initiierten die Waldeggbühne: das Ehepaar Carl und Silvia Hirrlinger (ganz links) sowie Sonny Herdener (ganz rechts). Auch die Bühnenbilder (hier im Stück «Liebesküsse aus Moskau» aus dem Jahr 2017) werden mit viel Liebe zum Detail gebaut.

Bei «Mord on Backstage» stand die Truppe der Waldeggbühne zuletzt auf der Bühne. Bevor das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kam, fand Anfang März 2020 die Premiere statt. Weitere Vorstellungen mussten abgesagt werden. Initiierten die Waldeggbühne: das Ehepaar Carl und Silvia Hirrlinger (ganz links) sowie Sonny Herdener (ganz rechts). Auch die Bühnenbilder (hier im Stück «Liebesküsse aus Moskau» aus dem Jahr 2017) werden mit viel Liebe zum Detail gebaut.

Joël Decurtins Bild: zvg Bild: Daniel Diriwächter

Diese Saison war noch aus einem anderen Grund denkwürdig. Obwohl die Stücke der Waldegg-Bühne üblicherweise nicht auswärts aufgeführt werden, wagte man damals dieses Experiment. «Gschtürm im Schtägehuus» wurde nämlich auch im Hotel Geroldswil aufgeführt. Das Bühnenbild sei eine komplexe Struktur gewesen, die es zu transportieren galt. «Trotz grossem Erfolg erwies sich der Aufwand insgesamt als dermassen hoch, dass die Waldegg-Bühne Uitikon inskünftig von Auswärtsverpflichtungen absah», schreibt Furger dazu.

Etwa fünf bis sechs Monate vor der Premiere beginnen die Theatermacher mit den Vorbereitungen. Dazu braucht es neben Spielfreude noch viel mehr. Neben seriösem Rollenstudium und disziplinierter Probenarbeit gehört auch viel Verlässlichkeit dazu. Einige Ensemble-­Mitglieder gehen sehr weit, um ihrer Rolle die extra Portion Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Cony Seres etwa, die andere Tochter von Waldegg-Bühne-­Initiantin Herdener, hatte einmal eine demenzkranke Greisin zu spielen. Über Wochen habe sie sich deren langsame Art des Gestikulierens angeeignet, in dem sie sich Gewichte an Handgelenk und Unterarme gelegt habe.

Umfrage ergab, dass das Publikum Lustspiele sehen will

«Liest man das Stück erstmals, ist es oft gute Unterhaltung. Nachdem man aber rund 50 Proben absolviert hat, kennt man sämtliche lustigen Stellen und muss nicht mehr lachen», sagt Steigmeier. Mit der Zeit werde man gar unsicher und wisse nicht, wie und vor allem ob das Publikum auf gewisse Witze reagieren werde. «Lachen die Premiere-Zuschauer an den richtigen Stellen, ist es eine grosse Erleichterung.»

Wie werden die Stücke ausgesucht, denen sich das Ensemble annimmt? Seit 1992 setzt der Verein eine vier- bis fünfköpfige Stückwahlkommission ein. Eine im Jahr zuvor durchgeführte Umfrage beim Uitiker Publikum hatte ergeben, dass das Lustspiel das favorisierte Genre ist. «Man will sich amüsieren und lachen, liebt temporeiche Verwechslungskomödien, witzige Wort­gefechte, boshafte Intrigen», schreibt Furger.

Welcher Stoff schliesslich auf die Bühne gebracht werden sollte, sorgte hin und wieder für hitzige Diskussionen. Mitte der 1990er-Jahre zog sich das Ehepaar Hirrlinger gar aus dem Verein zurück. Steigmeier erinnert sich, dass unterschiedliche Auffassungen bestanden hätten und man sich nicht gefunden habe. Ihre Mutter, Sonny Herdener, blieb bis zu ihrem Tod 2015 dabei.
Auf der Bühne stehen Laiendarstellerinnen und Laiendarsteller, doch kommt es nicht selten vor, dass ein Profi auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Sebastian Dietschi, Harry Sturzenegger und Jürg Maier sind Namen, die gleich bei mehreren Stücken Regie führten. Letzterer wirkte seit 1995 an insgesamt acht Inszenierungen mit und wurde bereits für das nächste Stück verpflichtet.

Dass es im kleinen Uitikon eine derart produktive Theatergruppe gibt, ist auch dem Gemeinderat nicht entgangen. So richtete der damalige Gemeindepräsident Martin Wehrli 1992 folgende Worte an den Verein und brachte damit seinen Dank zum Ausdruck: «Sie haben massgebend mitgeholfen, das kulturelle Leben in der Gemeinde zu bereichern und einen Schwerpunkt zu setzen.» Diese Haltung geht auch mit finanzieller Unterstützung einher. Furger schreibt, dass zu den günstigen

Nutzungsvereinbarungen für den grossen Saal vom Üdiker-Huus auch einmalige oder wiederkehrende Beiträge an spezielle Anschaffungen oder ans Vereinsbudget hinzu gekommen seien. Einen grösseren Kredit für die Anschaffung von Kulissen gab es beispielsweise im Jahr 1991. Diese beanspruchen viel Platz: Sind sie aufgebaut, kann die Bühne gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt von anderen genutzt werden. In Erinnerung bleibe dabei wohl die aufwendige Drehbühne, die für «En fatale Liebesbrief» im Jahr 2015 zum Einsatz kam. Dabei sei der Einsatz von viel Muskelkraft notwendig gewesen. Besonders im letzten Akt, wo das gesamte Stück nochmals im Schnelldurchlauf aufgeführt wurde. «Es resultierte ein Spektakel: Wortlos, begleitet von temporeicher Musik, rannten die Spielerinnen und Spieler hin und her, während die Drehbühne in Bewegung blieb», schreibt Furger. Steigmeier erinnert sich, dass das Publikum begeistert war, aber etwas Zeit gebraucht habe, um das Geschehen zu durchschauen.