In Umfragen geben zwischen 10  und 15  Prozent der Muslime ein intensives Verhältnis zu ihrer Religion an und sagen, dass sie diese praktizieren. Aufgrund der Altersstruktur der Muslime stellen Forscher nun allerdings fest, dass die Religion ein neues Gewicht bekommt. In den letzten Jahren wurden laut einer Studie aus dem Jahr 2012 in der Schweiz nämlich knapp 100 muslimische Jugendorganisationen gegründet.

Etwa 80 davon entstanden aus bestehenden religiösen Vereinigungen heraus. Gut ein Dutzend von ihnen hat aber keine Verbindung zu bestehenden Moscheen. Bei Letzteren rücken die ethnischen, nationalen und sprachlichen Merkmale der Mitglieder im Vergleich zu den rund 350 traditionellen muslimischen Vereinen in der Schweiz immer mehr in den Hintergrund, so die Studie. So findet der Austausch auch meist auf Deutsch statt. Stattdessen rückt bei diesen Organisationen der islamische Glaube stärker ins Zentrum.

Moscheen fördern Dialog

Nachdem Medien vermehrt über radikalisierte Jugendliche berichtet hatten, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat anschlossen, stand bald die Frage im Raum, ob auch in den muslimischen Jugendorganisationen in der Schweiz ein Radikalisierungspotenzial besteht. Die Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich (VIOZ) erklärt auf Anfrage, dass bei Gruppierungen, die aus einem etablierten muslimischen Verein heraus entstanden sind, diesbezüglich kaum ein Risiko bestehe. Den Moscheen weist denn auch der Bund in einem Bericht aus dem Jahr 2013 eine «immer wichtigere Rolle» bei der Lancierung von Initiativen zum interreligiösen Dialog zu.

«Radikalisierungsgefahr besteht»

Anders beurteilt die VIOZ jene neuen Jugendorganisationen, die politische und Glaubensfragen losgelöst von der religiösen Deutungshoheit eines korankundigen Imams debattieren: «Wenn eine Organisation in die üblichen Strukturen nicht eingegliedert ist, kann man durchaus sagen, dass eine Gefahr der Radikalisierung besteht», so die Jugendkommission der Vereinigung.

Als «völlig unproblematisch» schätzt sie hingegen den muslimischen Jugendtreff ein, den das bosnische Dzemat in Schlieren seit Ende 2014 anbietet (die Limmattaler Zeitung berichtete). Denn: «Es ist unter Beobachtung der bestehenden Strukturen der Moschee», schreibt die VIOZ.

Doch warum ist eine solche Institution wichtig? Die Jugendlichen hätten dort die Möglichkeit, sich zu treffen, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass sie anders sind, so die Vereinigung: «Weil sie etwa keinen Alkohol trinken.» Doch erschwert die Abschottung in diesem Jugendtreff nicht die Integration der jungen Muslime in die Gesellschaft? Im Gegenteil, findet die VIOZ: «Muslimische Jugendliche finden in solchen Angeboten Halt und Unterweisung.» Dies ermögliche es, dass sie auf Widersprüche zwischen ihrer Lebensweise und den gesellschaftlichen Normen in der Schweiz gemässigt, vernünftig und nicht extrem reagieren.