Die mutmassliche Liebesbeziehung zwischen dem verurteilten Vergewaltiger Hassan Kiko und der Gefängnisaufseherin Angela Magdici bewegt derzeit die Schweiz. Sie verhalf dem Verbrecher zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon. Am Mittwoch vermutete die Zürcher Kantonspolizei die beiden in Italien. Vielen stellt sich die Frage, wie es möglich ist, sich in einen Vergewaltiger zu verlieben.

Dass sich gewisse Frauen von Mördern und Vergewaltigern angezogen fühlen, ist jedoch kein neues Phänomen. Massenmörder Charles Manson wurde durch seine Taten in den 1960er-Jahren zu einem Medienstar, der Fans um sich scharte. Erst im vergangenen Jahr ehelichte der heute 81-Jährige eine junge Frau namens Star. Die 26-Jährige sei sein grösster Fan, hiess es in US-Medien. Dabei handelt es sich jedoch um ein extremes Beispiel.

Weitaus verbreiteter ist das Phänomen Brieffreundschaft. Frauen starten den Schriftwechsel mit Häftlingen und suchen so die Nähe zu Männern hinter Gittern. Mehrere Studien haben diese Thematik bereits beleuchtet.

Elmar Habermeyer, Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, sagt, dass Laien oft positiv überrascht seien, wenn sie zum ersten Mal auf einen Schwerverbrecher treffen.

Herr Habermeyer, was haben Verbrecher an sich, dass sie auf gewisse Frauen attraktiv wirken?

Elmar Habermeyer: Die Gefahr, die von diesen Männern ausgeht, rückt oft in den Hintergrund. Viel eher nehmen die Frauen ein charmantes und gewinnendes Wesen wahr. So ist es beispielsweise auch möglich, dass die Inhaftierten den Frauen weismachen, sie seien unschuldig.

Mörder und Vergewaltiger spielen also das Unschuldslamm?

Verbrecher sind nicht durchgängig 24 Stunden am Tag böse. Sie sind Menschen wie Sie und ich. Wenn Laien Schwerverbrecher kennen lernen, sind sie oft positiv überrascht darüber, wie sympathisch sie sind.

Was lässt sich über die Frauen sagen, die sich auf einen Straftäter einlassen? Sind sie leichtgläubig oder naiv?

Es gibt einige Studien über Frauen, die Beziehungen oder Brieffreundschaften mit Gefangenen eingehen. Dabei kam zutage, dass es sich oft um Frauen handelt, denen in Partnerschaften oder in der Familie Gewalt angetan wurde. Auffallend ist darüber hinaus, dass die Fantasie eine grosse Rolle spielt. Denn: Da die Männer im Gefängnis sind, kommt es nicht zu einer echten Beziehung. Viel eher entsteht eine Illusion, die von den Frauen romantisiert wird, den Alltagstest jedoch nicht bestehen würde.

Oft würden die Inhaftierten (im Bild: Hassan Kiko) ihren Angebeteten weismachen, sie seien in Tat und Wahrheit unschuldig, sagt Forensiker Elmar Habermeyer.

Oft würden die Inhaftierten (im Bild: Hassan Kiko) ihren Angebeteten weismachen, sie seien in Tat und Wahrheit unschuldig, sagt Forensiker Elmar Habermeyer.

Kann man von einer Realitätsflucht sprechen?

Ein Stück weit. Für mich hat es aber auch eine schwärmerische Komponente. Vergleichbar mit dem Schreiben von Fanpost an einen Sänger oder Schauspieler in den Teenagerjahren. Eine Beziehung mit dem jeweiligen Star ist für die jungen Mädchen ebenfalls ausser Reichweite.

Ist es auch so, dass diese Frauen die Hoffnung haben, ihren Angebeteten wieder auf den richtigen Weg zu bringen und ihn zu einem guten Menschen zu machen?

Neben denjenigen Frauen, die selber Gewalt erfahren haben, sind solche mit einem grossen Drang zu helfen, ebenfalls empfänglich für eine solche Beziehung. Sie haben die Vorstellung, dass genügend Zuneigung und Liebe jemanden heilen könne. Dies ist sehr naiv, da Kriminalität und Gewaltbereitschaft in der Regel keinen isolierten Auslöser haben, der allein mit Liebe ausgeglichen werden kann.

Dass Verbrecher eine grosse Gefolgschaft von Groupies erhalten können, ist seit Charles Manson bekannt. Wurden auch Fälle von weiblichen Straftätern untersucht, die für Männer begehrenswert sind?

Dass Männer über Brieffreundschaften Beziehungen mit weiblichen Sträflingen eingehen, ist mir als Phänomen nicht bekannt. Dies entspricht wohl nicht der üblichen Weise, wie in der in Freiheit lebende Männer mit dem anderen Geschlecht in Kontakt treten. Aber die psychologischen Mechanismen sind grundsätzlich in umgekehrten Geschlechterrollen denkbar. Die mediale Aufarbeitung des Falls der erstinstanzlich wegen Mordes verurteilten Amerikanerin Amanda Knox könnte hier als Beispiel beigezogen werden. Es würde mich nicht überraschen, wenn es auch hier zu ähnlichen Konstellationen gekommen wäre.