Urdorf

Von Einführung der Schulleitung bis Pandemie – für sie endet nach über 30 Jahren nicht nur das Schuljahr

Heute ist ihr letzter Arbeitstag: Nach über 30 Jahren verlassen Heidi Dällenbach (links) und Trudi Müller Blau die Schule Urdorf.

Heute ist ihr letzter Arbeitstag: Nach über 30 Jahren verlassen Heidi Dällenbach (links) und Trudi Müller Blau die Schule Urdorf.

Trudi Müller Blau, Schulleiterin der Sekundarschule Moosmatt, und Heidi Dällenbach, Schulleiterin der elf Urdorfer Kindergärten, treten nach über 30 Jahren im Dienst der Schule Urdorf in den Ruhestand. Als Schulleiterinnen der ersten Stunde waren die beiden massgeblich an der Gestaltung und Entwicklung der Schule Urdorf beteiligt. Heute bestreiten sie ihren letzten Arbeitstag.

Champagner-Gläser füllen sich mit Mineralwasser. «Wir haben bereits so viele Gläser für den Abschied gebraucht, dass wir nur noch diese übrig haben», sagt Trudi Müller Blau, Schulleiterin der Sekundarschule Moosmatt. Heidi Dällenbach sitzt am runden Tisch im Büro ihrer Kollegin und nimmt einen Schluck. «Auf etwas anzustossen, hätten wir ja», sagt die Schulleiterin Kindergarten und lacht. Die beiden Frauen haben heute ihren letzten Arbeitstag und werden nach über 30-jährigem Einsatz an der Schule Urdorf pensioniert. Trudi Müller Blau zeigt auf ein Buch. «Wenn Wissen in Pension geht», steht in grossen Lettern auf dem Deckel. «Als ich den Ratgeber 2009 veröffentlichte, habe ich irgendwie nicht gedacht, dass es mich auch mal trifft.»

Für Kinder und Lehrkräfte geht heute das Schuljahr zu Ende, für Sie beide ist es mehr, sie verabschieden sich für immer von der Schule Urdorf. Wie fühlen Sie sich?

Heidi Dällenbach: Mir geht es gut. Ich hatte etwas Panik davor, bei der Übergabe an alles zu denken.

Trudi Müller Blau: Ich habe gemischte Gefühle. Ich freue mich darauf, nicht mehr 1000 Dinge im Kopf zu haben. Gleichzeitig werde ich meinen vielfältigen und bunten Beruf vermissen. Ich habe immer etwas dazugelernt – bis zum Schluss. Es ist schon Wehmut da.

Dällenbach: Dem kann ich mich nur anschliessen. Doch ich kann beruhigt gehen, weil wir für die Leitung der elf Urdorfer Kindergärten mit Regula Schaub eine tolle Nachfolgerin gefunden haben.

Müller Blau: Auch ich bin mit der internen Lösung für die Sekundarschule zufrieden. Heinz Kühnis und Christine Schwab, die beide bereits an der Schule unterrichten, werden die Leitung übernehmen. Besonders schön für mich ist, dass Christine Schwab selbst einmal eine Schülerin von mir war.

Die Pandemie forderte Sie im Endspurt Ihres Arbeitslebens nochmals besonders. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Müller Blau: Rückblickend muss ich sagen, dass es eine spannende Zeit war, in der wir uns immer wieder fragen mussten, wie wir uns organisieren und wie wir die Massnahmen umsetzen. Die Zusammenarbeit im Team hat während der Krise eine neue Dimension erreicht.

Dällenbach: Wir hatten einen guten Krisenstab. Mit der Technik kamen wir zurande. Neben meiner Funktion als Schulleiterin arbeitete ich nach wie vor auch als Kindergartenlehrerin. Es war mir ein Anliegen, dass wir mit den Kindern und ihren Eltern während des Corona-Lockdown in Kontakt stehen. Das ist uns über Videochatgruppen gut gelungen.

Das Coronavirus war bestimmt nicht die einzige Herausforderung in den letzten drei Jahrzehnten. Was hat Sie als Schulleiterinnen besonders beschäftigt?

Müller Blau: Herausforderungen gehörten zu unserem Alltag. Es gab in all den Jahren nie eine Zeit, in der man sich hätte zurücklehnen können. Die letzte grosse Herausforderung, die ich selbst wählte, war die Umsetzung der Lernlandschaften 2019.

Dällenbach: Es kamen laufend neue Gesetze, Regelungen und Projekte auf uns zu, die wir befolgen und umsetzen mussten. So etwa die Einführung der Schulsozialarbeit, der Fünf-Tage-Woche, des Lehrplans 21 und des Mittagstischs oder die Kantonalisierung der Kindergärten. Die Besetzung von freien Stellen war für mich im Kindergarten besonders belastend. Früher gingen 50 Bewerbungen ein, in den letzten Jahren erhielten wir jedoch immer weniger. Teilweise fanden wir erst eine Woche vor Beginn der Sommerferien Lehrpersonen für das folgende Schuljahr. Diese Entwicklung ist leider naheliegend, wenn man bedenkt, dass Kindergartenlehrpersonen die gleiche Ausbildung wie Primarlehrkräfte absolvieren, aber wesentlich weniger verdienen.

Heidi Dällenbach

Die 63-Jährige hat im Frühjahr 1988 ihre Stelle im Doppelkindergarten Weihermatt angetreten. Im August 2000 übernahm Dällenbach mit Christina Fröhlich als Hauptleiterin die neu geschaffene Co-Schulleitung für die Kindergartenstufe. Berufsbegleitend absolvierte sie die einjährige Schulleiter-Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Nach der Pensionierung ihrer Stellenpartnerin übernahm sie im August 2012 die Schulleitung der Kindergartenstufe. Daneben arbeitete sie all die Jahre weiterhin als Kindergartenlehrerin. Dällenbach lebt seit zehn Jahren in Urdorf.

Die 63-Jährige hat im Frühjahr 1988 ihre Stelle im Doppelkindergarten Weihermatt angetreten. Im August 2000 übernahm Dällenbach mit Christina Fröhlich als Hauptleiterin die neu geschaffene Co-Schulleitung für die Kindergartenstufe.

Berufsbegleitend absolvierte sie die einjährige Schulleiter-Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Nach der Pensionierung ihrer Stellenpartnerin übernahm sie im August 2012 die Schulleitung der Kindergartenstufe. Daneben arbeitete sie all die Jahre weiterhin als Kindergartenlehrerin. Dällenbach lebt seit zehn Jahren in Urdorf.

Sie beide sind Schulleiterinnen der ersten Stunde. Vor der Jahrtausendwende wurden Schulen durch Hausvorstände administrativ betreut und von der Schulpflege geleitet. Im Jahr 2000 starteten die ersten Volksschulen im Kanton Zürich das Projekt «Teilautonome Volksschule» und führten Schulleitungen ein. Von Anfang an dabei war die Schule Urdorf. Können Sie sich noch daran erinnern?

Dällenbach: Zu Beginn konnte sich niemand etwas unter einer Schulleitung vorstellen. Einige Lehrpersonen und künftige Schulleiter wehrten sich eher dagegen. Man hatte Angst, Freiheiten zu verlieren.

Müller Blau: Wir kannten die Kultur von geleiteten Schulen nicht, hatten keine Vorbilder, auf die wir uns hätten berufen können. Wir erhielten zwar eine Schulleiter-Ausbildung, doch was uns tatsächlich erwarten würde, konnte uns niemand zeigen. Es war ein äusserst intensiver Prozess. Da Urdorf sehr früh am Projekt teilnahm, hatten wir ersten Schulleiterinnen und Schulleiter die Möglichkeit, uns einzubringen und Einfluss zu nehmen.

Dällenbach: Es ist schon unglaublich wie neu und fremd das damals für uns alle war. Und heute haben sich Schulleitungen so etabliert, dass sie sich niemand mehr wegdenken kann.

Speziell ist nicht nur, dass Sie zur ersten Generation von Schulleiterinnen und Schulleitern gehören, sondern auch, dass Sie bis zu ihrer Pensionierung am gleichen Ort geblieben sind.

Dällenbach: Das stimmt. Wir sind tatsächlich Urgesteine. Generell gibt es in unserer Branche viele Wechsel, daher ist es schon etwas Besonderes, dass wir der Schule Urdorf so lange treu geblieben sind.

Müller Blau: Das spricht für die Schule Urdorf. Die durchschnittliche Verweildauer von Schulleitungen beträgt etwa siebeneinhalb Jahre, das ist etwas mehr als bei Lehrpersonen. Wir haben die Stellung seit dem Jahr 2000 gehalten. Und nicht nur wir, sondern auch Roger Bösch. Er übernahm zur gleichen Zeit die Leitung der Primarschule Urdorf und wird nächstes Jahr pensioniert. Gemeinsam arbeiteten wir drei als Schulleitende 61 Jahre an der Schule Urdorf, das ist schon aussergewöhnlich. Der Umstand, dass wir drei gleichzeitig die Schulleitung in Angriff genommen haben, hat uns zusammengeschweisst. Wichtig war uns deshalb auch der Austausch der einzelnen Schulen und die Durchführung gemeinsamer stufenübergreifenden Projekte wie etwa der Weihnachtsbasar 2018.

Dällenbach: Der gemeinsame Start machte uns zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Uns drei lag es am Herzen, dass die Schule Urdorf einen roten Faden vom Chindsgi bis zur Sek bildet. Ein Gewinn war auch, dass uns die Schulpflege all die Jahre über Ernst genommen hat und wir eine gute Zusammenarbeit pflegten.

Was hat sich in all den Jahren neben den zahlreichen Reformen denn sonst in der Schule Urdorf verändert?

Müller Blau: Der Schulbetrieb hat sich gewandelt. Als ich 1987 zum Team der Sekundarschule Urdorf stiess, hatte man als junge Lehrperson und Frau nicht sehr viel zu melden. Man verhielt sich an Sitzungen am besten ruhig und hörte zu. Als in den 1990er-Jahren mehr Frauen Teil des Teams wurden, schlossen wir uns zusammen und bereiteten uns gemeinsam auf die Sitzungen vor, damit unsere Stimmen bei Entscheiden ein grösseres Gewicht erhielten. Später als Schulleiterin war mir die Arbeit am Schulhausklima sehr wichtig. Es ging mir darum, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln und eine Autorität durch Beziehung zu etablieren. Auch gesellschaftlich hat sich viel geändert, das widerspiegelt sich in der Schule. Wir leben in einer heterogeneren Gesellschaft. Die Ansprüche sind vielfältiger geworden. Die Zusammenarbeit mit Fachpersonen wie Logopäden, Therapeuten und Schulsozialarbeitenden wurde immer bedeutender. Dadurch ist unsere Arbeit interessanter, aber auch komplexer geworden.

Trudi Müller Blau

Mitte August 1987 startete die 64-Jährige als Lehrerin an der Sekundarschule Moosmatt in Urdorf. Nach 13 Jahren Unterrichtserfahrung vorwiegend in Sprachfächern übernahm sie zusammen mit Peter Camenzind die Leitung der Sekundarschule. Berufsbegleitend absolvierte sie im Jahr 2000 die einjährige Schulleiter-Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. 2009 verabschiedete sich ihr Kollege in den Ruhestand und Müller Blau amtete seitdem allein für die Sekundarschule. Sie hat einen erwachsenen Sohn und wohnt mit ihrem Ehemann in Rifferswil.

Mitte August 1987 startete die 64-Jährige als Lehrerin an der Sekundarschule Moosmatt in Urdorf. Nach 13 Jahren Unterrichtserfahrung vorwiegend in Sprachfächern übernahm sie zusammen mit Peter Camenzind die Leitung der Sekundarschule.

Berufsbegleitend absolvierte sie im Jahr 2000 die einjährige Schulleiter-Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. 2009 verabschiedete sich ihr Kollege in den Ruhestand und Müller Blau amtete seitdem allein für die Sekundarschule. Sie hat einen erwachsenen Sohn und wohnt mit ihrem Ehemann in Rifferswil. 

Dällenbach: Die Integration von Sonderschülern beschäftigt mich bis zu meinem heutigen letzten Arbeitstag. Früher war es üblich, dass Sonderschüler eine separate Schule besuchen. Heute ist die Integration das Ziel. Man will nicht alle Kinder, die aus der Norm fallen, in eine Sonderschule schicken, sondern sie in der Volksschule unterbringen. Unsere Aufgabe ist es abzuklären, was wir als Volksschule schaffen und wo unserer Grenzen liegen. Ich stelle eine Verlagerung von der Gemeinschaft hin zum Individuum fest. Kinder erlebe ich heutzutage mehrheitlich als selbstbewusster und fordernder. Sie sind mehr auf sich bezogen und wissen bereits im Kindergartenalter, was sie wollen und was nicht.

Was wird Ihnen am Schulalltag am meisten fehlen?

Dällenbach: Die vielen sozialen Kontakte. Dazu gehören auch die Schulbesuche in den Kindergärten. Mir gefiel es, einen Einblick in die verschieden gestalteten Lektionen zu erhalten und gleichzeitig den Lehrpersonen und den Kindern zu begegnen. Wie mir die Kleinen mit Freude ihren Chindsgi zeigten, an das werde ich mich immer gerne zurückerinnern.

Müller Blau: Es war schön, die Entwicklung der Jugendlichen in all den Jahren mitzuerleben und ihre Fortschritte zu sehen, vor allem bei Schülerinnen und Schülern, die zunächst grosse Schwierigkeiten hatten, dann aber erhobenen Hauptes die Schule abschliessen konnten. Ich werde die Vielfalt und die zahlreichen Arbeitsbeziehungen zum Team, zur Schulpflege, zu den Schülern, Eltern und anderen Stellen vermissen. Sich Ziele zu setzen und im Team Lösungen zu entwickeln, war für mich immer ein spannender Prozess. Auch das wird mir künftig fehlen.

Was wünschen Sie Ihren Nachfolgern und der Schule Urdorf für die Zukunft?

Müller Blau: Ich hoffe, dass man weiterhin gute Lösungen für die Schülerinnen und Schüler und die vielen Bedürfnisse findet. Ich wünsche der Schule, dass sie das, was auf sie zukommt, mit Freude anpackt.

Dällenbach: Ich wünsche allen viel Durchhaltewillen und Kraft sowie Freude, sich Neuem zu stellen.

Welche Pläne hegen Sie für den Ruhestand?

Dällenbach: Ich habe noch keine festen Pläne. Ich werde aber sicher mehr Sport treiben, wandern und golfen gehen. Zudem haben es mir Tierbeobachtungen in freier Natur vor allem in Afrika angetan. Ich werde bestimmt ein paar Safari-Reisen unternehmen. Überdies kann ich mir gut vorstellen, mich als Freiwillige für Hilfsprojekte zu engagieren.

Müller Blau: Auch ich habe mir alles offengelassen und keine grossen Projekte geplant. Ich freue mich, mehr Zeit für meine Familie und Freunde zu haben. Die frei werdende Zeit werde ich zudem nutzen, um Velofahren zu gehen, Städte zu bereisen und um mich um meinen Garten zu kümmern.

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