Gesundheit

Seniorenbewilligung für Ärzte entfällt – diese wehren sich: «Unsere Berufserfahrung wird behördlich weggeworfen»

30 Jahre hat Walter Grete als Hausarzt in Bachenbülach praktiziert. Nun wehrt er sich für die Ärzte im Ruhestand.

30 Jahre war Walter Grete Hausarzt. Bald darf er nicht einmal mehr sich selbst mit rezeptpflichtigen Medikamenten versorgen. Das dürfe man nicht hinnehmen, findet er

Für Walter Grete ist klar: Es gibt bedeutendere Probleme im Gesundheitswesen als die Befindlichkeit älterer Ärztinnen und Ärzte: «Und doch, Unsinn darf man nicht hinnehmen, denn Unsinn erzeugt laufend weiteren Unsinn», sagt er. Mit Unsinn meint der ehemalige Hausarzt und einstige Präsident der kantonalen Ärztegesellschaft die Abschaffung der Seniorenbewilligung für Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand.

Diese erlaubt es ihm heute, seine Familie und sich selbst kostenlos medizinisch zu behandeln und bei Bedarf rezeptpflichtige Medikamente zu verschreiben. «So konnte ich meinem Enkel schon öfters helfen und ein Rezept für ein Medikament ausstellen, das seine Mutter nur noch in der Apotheke zu holen brauchte.» Er findet es auch befremdend, wenn er seine Frau für Medikamente an einen anderen Arzt verweisen müsste. Geht der 75-jährige Mediziner auf eine Gruppenreise, ist stets seine Notfallapotheke dabei, die er danach neu bestückt.

Der Arzt muss zum Arzt

Doch damit ist nach dem 12. Mai Schluss. Dann erlischt Gretes Seniorenbewilligung. Brauchen er und seine Familie danach ein verschreibungspflichtiges Medikament, müssen sie einen anderen Arzt oder gar eine Notfallstation aufsuchen, kostenpflichtig für die Krankenkasse. Just um dies zu vermeiden, sei 1995 die Seniorenbewilligung geschaffen worden. Sie berechtige die Inhaber, einen kleinen Personenkreis unentgeltlich zu betreuen. «Ich musste sie ab 70 alle drei Jahre mit einem ärztlichen Zeugnis erneuern», erklärt Grete. Im vergangenen Jahr hat die kantonale Gesundheitsdirektion entschieden: Es gibt keine Seniorenbewilligungen mehr. Wer eine besitzt, kann sie nicht mehr verlängern; er kann jedoch wieder eine Berufsausübungsbewilligung erwerben – mit allen gesetzlichen Vorgaben für erwerbstätige Ärztinnen und Ärzte.

Bei der Gesundheitsdirektion heisst es auf Anfrage, die Seniorenbewilligung habe weder im Bundesrecht noch im kantonalen Recht eine gesetzliche Grundlage. Es seien bei der Erteilung für diese bestimmte Gruppe von Ärztinnen und Ärzten keinerlei Voraussetzungen oder Berufspflichten überprüft worden. Dies sei mit dem Gebot der Rechtsgleichheit nicht vereinbar. «Auch wenn sie nur für die Behandlung von nächsten Angehörigen und Personen aus dem engsten Freundeskreis gedacht war, berechtigte sie zu sämtlichen ärztlichen Tätigkeiten.»

«Ohne dass die Gesetze geändert haben, wurden wir Ärzte im Ruhestand zu medizinischen Laien degradiert», sagt Grete. Wollen sie ihre Nächsten weiter betreuen, müssen sie fortan die gleichen Voraussetzungen erfüllen wie berufstätige Kollegen: «Selbst wenn die Auflagen durch die Standesorganisation reduziert werden, sind sie unverhältnismässig. Wir sind eine eigene Ärztegruppe. Wir sind nicht mehr im öffentlichen Gesundheitswesen tätig. Wir stellen keine Rechnungen. Unsere Tätigkeit beschränkt sich auf die Familie und den engsten Freundeskreis. Wir besitzen keine Praxisinfrastruktur.»

Der Unmut unter den 750 Ärzten im AHV-Alter im Kanton Zürich ist sehr gross. Sie wehren sich mit Rekursen. Der Erfolg blieb bis heute aus, und der Widerstand formierte sich. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gaby Igual, einst Hausärztin in Effretikon, und weiteren Gleichgesinnten hat Grete deshalb Anfang April die IG Seniorenärzte gegründet. 111 Ärztinnen und Ärzte nahmen an der Gründungsversammlung teil, heute zählt der Verein 228 Mitglieder und hat einen Juristen beauftragt.

Kanton hat weniger Arbeit

Dieser prüft die Zulässigkeit der Seniorenbewilligung. Im September 2018 hatten drei Kantonsrätinnen eine Interpellation zum Thema eingereicht. Der Regierungsrat schreibt, er sehe keinen Handlungsbedarf. Er führte zudem ins Feld, es habe Probleme mit Seniorenärzten gegeben, so wie mit jüngeren Ärzten. So habe es auch in dieser Gruppe aufsichtsrechtliche Verfahren und Bewilligungsentzüge gegeben.

Walter Grete hat keine Kenntnis von diesen Fällen. Er vermutet noch einen anderen Grund für die Abschaffung der Bewilligung. «Die Gesundheitsdirektion muss derart viele Bewilligungen für eine Berufsausübung prüfen, speziell auch von Medizinern mit Diplomen aus dem Ausland, dass man froh ist, eine Liste weniger führen zu müssen.»

Der Verein will nun die Diskussion im Kantonsrat abwarten und dann weitere Schritte prüfen – und das schweizweit. Für ihn, so Grete, habe das Ganze auch mit dem Thema Altersdiskriminierung zu tun. «Ältere Berufsleute haben einen unglaublichen Erfahrungsschatz: In unserem Fall wird diese reiche Berufserfahrung behördlich weggeworfen.»

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