Dietikon/Bergdietikon

So verleiht Els Grieder den Steinen neue Formen

Els Grieder arbeitet an Alabasterskulpturen in ihrem Garten: Die Dietikerin stellt nun in der Galerie Bachlechner aus

Els Grieder arbeitet an Alabasterskulpturen in ihrem Garten: Die Dietikerin stellt nun in der Galerie Bachlechner aus

Die Dietiker Künstlerin Els Grieder verfügt über ein idyllisches Atelier - meist arbeitet sie draussen in ihrem eigenen Garten. Nun stellt die 71-Jährige in der Bergdietiker Galerie Bachlechner aus.

Idyllisch. Mit diesem Ausdruck lässt sich der Arbeitsplatz von Els Grieder am besten beschreiben. Inmitten ihres Gartens bearbeitet die Dietiker Künstlerin an einem Holztisch stehend einen Alabaster-Stein. Unter ihren Schlägen spicken Bröckchen weg, es stiebt. Ihre Bergenien bekommen auch etwas ab. «Geschadet hat es ihnen bisher nicht», sagt die 71-Jährige und klopft sich lachend den Staub aus der Bluse.

Sie fährt mit ihrer Hand über die Wölbungen des Steins. «Ich höre darauf, was der Stein mir sagt», sagt Grieder. «Und ich versuche, die Form herauszuholen, die in ihm steckt.» Wählt sie einen Stein aus, ob sie ihn nun kauft oder in der Natur findet, dann sei seine Form ausschlaggebend – nicht etwa seine Farbe. Während des Schleifens sehen die Steine grau aus. «Die echte Farbe ist das Geschenk am Schluss», so Grieder. Sie betupft den Stein, an dem sie arbeitet, mit etwas Wasser. «Hellgrün», stellt sie mit einem Lächeln fest.

Gesichter sind ein wiederkehrendes Motiv

Bei schönem Wetter arbeitet Grieder wenn möglich draussen in ihrem Garten, bei schlechtem schleift oder malt sie in ihrer Waschküche. Sie arbeitet zurückgezogen, «in der Introversion», wie sie sagt. Wäre es anders, würde sie nicht so viel arbeiten können. In Ausstellungen hatte sie immer wieder Einblick in ihr Schaffen gewährt. Ab morgen wird sie eine Auswahl ihrer Bilder und Skulpturen, zum ersten Mal, in der Kunstgalerie Bachlechner im Wiesental zeigen.

1982 zog Grieder mit ihrem Mann nach Dietikon. Hier sind auch ihre drei Söhne aufgewachsen. Die Kunstwerke in Grieders Haus, die nicht von ihr selbst stammen, kann man an einer Hand abzählen. Von jeder Treppenstufe blickt einem eine Skulptur entgegen. Gesichter, das fällt auf, sind ein wiederkehrendes Motiv.

In Gesichtern, so Grieder, finde sich «seelische Tiefe». Diese Tiefe fasziniert die Künstlerin so sehr, dass sie ihr Schaffen auf die Suche nach ihr ausrichtet. «Ich beschreibe das gern mit der Bewegung auf einer Spirale, in Richtung Zentrum. Immer wieder kommt man an einem ähnlichen Ort an und dennoch ist es jedes Mal ein bisschen anders.»

Grieder wurde von ihren Eltern künstlerisch gefördert. Nach der Diplom-Mittelschule hatte sie vor, die Kunstgewerbeschule zu besuchen. Doch beim Berufsberater hiess es: «Machen Sie Kunst als Hobby und lernen Sie etwas Anständiges.» Und so machte Grieder die Lehre als Laborantin in der Forschungsanstalt Wädenswil. Doch, selbst hier, in einem Beruf, der von der Kunst weit entfernt war, öffnete sich der kreativen jungen Frau eine faszinierende Welt: «Pilzkrankheiten sind unter dem Mikroskop unglaublich farben- und formenreich», sagt Grieder mit einem Augenzwinkern.

Die Techniken ändern sich im Lauf der Zeit

Nach einer Lebenskrise anfangs der 1990er-Jahre orientierte sich Grieder neu – und widmete sich gänzlich der Kunst. Mit dem «Steinen» habe alles angefangen. Eine Ausstellung von Inuit-Specksteinfiguren – «ich sehe sie vor mir, als wäre es gestern gewesen» – bewegte Grieder, sich die Bildhauerei selbst beizubringen. Zunächst schuf sie kleine, dann immer grössere Figuren. Oder sie kreierte Glasfenster mit Antik-Glas, bis sie die Dämpfe des Epoxyharzes nicht mehr vertrug. Sie schälte mit der Motorsäge Skulpturen aus Baumstämmen, bis sie eine «innere Bremse» zum Aufhören bewog.

«Es ist ein stetiger Prozess des Sterben-und-Werdens», so Grieder. Während sie sich von den einen Techniken löste, sind andere geblieben. So auch die Ikonentechnik. Dabei wird mit Kasein-Leim und Naturpigmenten auf mehreren Kreideschichten gemalt. «Die Kreidebeschichtung ist so fein; es ist, als würde man auf Haut malen», so Grieder.

Auch in den 1990er-Jahren entstanden Grieders 64 «I Ging»-Bilder, von denen einige in der Galerie Bachlechner gezeigt werden. Das chinesische Weisheitsbuch «I Ging» lieferte Grieder die textliche Grundlage für ihr Projekt gleichen Namens. Das Buch zeige auf, wie man sich verhalten kann, wenn man nach dem Sinn einer Situation sucht, so Grieder. Die Tuschebilder sind zum Beispiel so betitelt: Die Begeisterung. Der Rückzug. Das Schöpferische. Das Warten.

Das letzte Bild zeigt ein Gesicht mit übergrosser Nase und Ohren. «Wenn man Warten muss, verstärkt sich Geruchs- und Gehörsinn», erklärt Grieder.

Von Träumen führen lassen

Die Symbolik ist in Grieders Schaffen zentral. Oft lässt sie sich von Träumen leiten, nach dem Schweizer Psychologen C. G. Jung. «Der Traum ist mir ein Wegweiser», so Grieder. Einmal träumte sie von einem Steinbruch im Jura – und reiste prompt dorthin. Sie erinnert sich: «Plötzlich schien da die Sonne durch den Nebel und ich sah einen Stein.» An diesem arbeitete sie während einiger Jahre. Am Boden sitzend, weil der Stein zu schwer war, um ihn auf einen Tisch zu hieven.

Kunst ist für Grieder kein Hobby, wie es ihr der Berufsberater damals nahelegte. «Kunst ist zu meiner inneren Aufgabe geworden.» Sie arbeite ständig, auch in Gedanken. «Mein Körper sagt mir dann schon, wenn Zeit für eine Pause ist», sagt sie. Mittlerweile merke aber auch sie den Rücken. Darum steht neben ihrem Holztisch im Garten auch ein Stuhl. Doch Bildhauern brauche vor allem Ausdauer. «Und Ausdauer habe ich noch reichlich», sagt Grieder und lächelt.

Eine Doppelausstellung zweier Künstlerinnen

Die Vernissage von Els Grieders «I Ging» findet am Samstag, 21. September, ab 18 Uhr in der Kunstgalerie Bachlechner im Wiesental in Bergdietikon statt. Auch Els Gassmann aus Buchs LU wird Werke ausstellen. Sie zeigt Bilder zum Thema «Bettgeflüster II» und Skulpturen, von denen jedes einzelne Stück ein Unikat ist. Gassmanns künstlerisches Schaffen reicht von der Textilkunst bis zur Malerei, Objektkunst, Raumgestaltung und Logodesign. «Probieren geht über Studieren», wird Gassmann in der Einladung zur Ausstellung zitiert. «Ich habe viel zu viele Ideen. Um alle umsetzen zu können, werde ich nie alt genug.» Die Ausstellung der beiden Künstlerinnen dauert bis am 20. Oktober 2019

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