«Völlig sinnlos» sei der Grund für die kriminellen Taten gewesen, sagt der Gerichtspräsident am Ende der Verhandlung. Und der Beschuldigte nickt zu dieser Aussage zustimmend. Tatsächlich ist es schwierig zu begreifen, wieso der Ex-Angestellte der Gemeinde Kilchberg einem Konsortium und der Gemeinde über 100'000 Franken abgenommen hat.

Er erklärt es so: Lange Jahre habe er Kokain genommen, er sei süchtig gewesen. Ihm sei es dann aber gelungen, von der Drogensucht loszukommen. Dies habe er für seine Familie getan. Doch frei war er dennoch nicht: Er habe eine Ersatzhandlung für den Rausch gefunden – das masslose Bestellen von Waren im Internet, sagt der Mann vor dem Bezirksgericht Horgen.

Gebraucht hat er das Zeug, das er online kaufte, nicht wirklich, wie er vor Gericht weiter sagte. Denn seine Frau, der er das Leben mit Luxus verschönern wollte, war an den bestellten Gütern überhaupt nicht interessiert. «Als wir einmal auf einem Flug die Businessclass nahmen, hat sie sich dafür geschämt», sagt der Beschuldigte. Im Estrich stehen viele der Waren noch originalverpackt herum. Heute könne er sich die vielen Käufe selber nicht mehr erklären, meinte der Mann.

Um genügend Geld für diese sinnlosen Bestellungen zu haben, stellte der 41-Jährige falsche Rechnungen am Computer her: Diese lauteten auf den Namen bekannter Unternehmen. Die darin aufgeführten Arbeiten, für die er Geld verlangte, waren fiktiv. Doch die angegebenen Kontodaten gab es – es waren jene des 41-Jährigen.

Neun dieser Rechnungen sandte er der Gemeinde Kilchberg zu. Neun weitere gingen an ein Konsortium mehrerer Gemeinden. Eigentlich habe er immer damit gerechnet, aufzufliegen, sagte der Beschuldigte. Ja, er habe sich dies sogar erhofft. Um seinen Betrügereien ein Ende zu setzen, habe er schliesslich seine Stelle bei der Gemeinde Kilchberg gekündigt. Noch während der Kündigungsfrist flog er aber auf und wurde fristlos entlassen.

Der Bengel schlägt den Engel

Was er sich gedacht habe, als er die erste Rechnung gefälscht hatte, wollte der Gerichtspräsident wissen. «Ich hatte einen ‹Engel› und einen ‹Bengel› auf der Schulter», antwortete der Beschuldigte. Der Bengel gewann die Überhand: Er habe sich gesagt, dass es in einer Gemeinde, die schon einmal 80 Millionen Franken Steuern in einem Jahr einnehme, nicht so schlimm sei, wenn etwas Geld fehle. Auch aus Minderwertigkeitsgefühlen habe er gehandelt. Seine Lohnvorstellungen wurden nicht erfüllt, und er habe erfahren, dass sein Vorgänger viel mehr verdient habe.

So schwer verständlich seine Handlungen waren, so heilsam sind offenbar die Folgen: Der Beschuldigte hat sich in psychologische Behandlung begeben und am neuen Arbeitsort gleich gesagt, was er getan hat. Auch seine Familie halte zu ihm.

Dass es Geschädigte gab, nagt noch an ihm. Er entschuldigte sich bei den Betroffenen für den Vertrauensmissbrauch. Diese würden es seinetwegen wohl schwer haben, anderen Menschen zu vertrauen, räumte er vor Gericht ein. Materiell hat er aber bereits alles wieder gutgemacht. Er hat sich verschuldet, um die 103'797 Franken zurückzuzahlen.

Die Horgner Richter fanden eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten sowie eine Busse von 1500 Franken für angemessen. Der Gerichtspräsident erinnerte an den Prozess gegen den Ex-Polizeichef von Richterswil. Es sei erschreckend, dass das Bezirksgericht erneut einen Gemeindemitarbeiter in leitender Funktion wegen Betrugs verurteilen müsse. Positiv sei, dass beide Fälle ans Licht gekommen sind. Die lange Drogensucht des Beschuldigten könne eine Erklärung sein. Diese müsse er unbedingt längerfristig behandeln, damit so etwas nicht mehr passiere.