Dübendorf

Verzicht auf Diesel bis im Jahr 2030? dies soll dank dem Power-to-Gas-Verfahren möglich sein

Bereits Ende 2022 soll ein Lidl-Lastwagen mit synthetischem Methan aus der Anlage der Empa betankt werden.

Bereits Ende 2022 soll ein Lidl-Lastwagen mit synthetischem Methan aus der Anlage der Empa betankt werden.

In Dübendorf wird ein Treibstoff aus CO2 und Wasserstoff entwickelt. Schon 2022 will Lidl damit einen seiner Lastwagen betanken und bis 2030 ganz auf Diesel verzichten. Doch das hat seinen Preis.

Weltweit sind 1,3 Milliarden Benzin- und Dieselfahrzeuge unterwegs – und es werden jedes Jahr mehr. Wie soll man so bis im Jahr 2050 das Klimaziel von null CO2 erreichen? Elek­trofahrzeuge sind zwar im Kommen. «Doch die können in den nächsten Jahren höchstens das Wachstum der mit Benzin und Diesel betriebenen Automobile bremsen», sagt Christian Bach von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf.

Das Problem der Versorgung der Elektroautos mit sauberem Strom ist zudem, dass erneuerbare Energie von der Sonne, Wasser- und Windkraft nicht immer dann anfällt, wenn sie gebraucht wird. «Im Winterhalbjahr werden wir noch über viele Jahrzehnte einen Mangel an erneuerbarer Energie und im Sommer einen Überschuss haben. Das darf nicht ausgeblendet werden», so Bach.

Überschüssige Energie speichern

Bach und sein Team forschen deshalb seit langem an Mobilitätskonzepten, die diese saisonalen Unterschiede berücksichtigen. Um die überschüssige erneuerbare Energie im Sommer speicherbar zu machen, schlagen sie die Umwandlung in Wasserstoff und – in einem weiteren Schritt – in synthetisches Methan vor. Dieses setzt sich zusammen aus Wasserstoff und Kohlendioxid – CO2, das man aus der Atmosphäre holt.

In diesem sogenannten Power-to-Gas-Verfahren sieht die Empa enormes Potenzial – in der Schweiz, aber insbesondere weltweit, gerade im Sonnengürtel oder in Regionen mit Offshorewindparks. Ein Vorteil ist, dass solche synthetischen Energieträger über bestehende Infrastruktur und Handelskanäle sehr kostengünstig über lange Strecken transportiert werden können. Ein weiterer Vorteil ist, dass Gasfahrzeuge dafür nicht umgerüstet werden müssen und synthetisches Methan die Versorgung der Schweiz mit erneuerbarer Energie im Winter ermöglicht. Im Verkehr sieht Bach das synthetische Gas vor allem bei Langstreckenanwendungen, also hauptsächlich für Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge. Diese aus erneuerbarer Elektrizität erzeugten synthetischen Treibstoffe ergänzen so die elektrifizierten Alltagsfahrzeuge. Bach sagt: «Synthetische Energieträger sind notwendig für die Energiewende, weil sie schweizerische Überschüsse im Sommerhalbjahr nutzbar machen und die Versorgung mit erneuerbarer Energie im Winterhalbjahr ermöglichen.»

Noch sehr teuer

Mit Lidl Schweiz hat die Empa einen Partner gefunden, der die Anwendung in der Praxis testen will. Der Grossverteiler hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 sämtliche Filialen fossilfrei zu beliefern. Bereits Ende 2022 soll ein Lidl-Lastwagen mit synthetischem Methan aus der Anlage der Empa betankt werden. Im Rahmen seines Projekts «Goodbye Diesel» unterstützt Lidl die Entwicklung dieser neuartigen Power-to-Gas-Anlage am Empa-Sitz in Dübendorf.

Ein Nachteil dieses Verfahrens ist, dass die Herstellung des Gases viel Energie verbraucht und momentan noch sechs- bis zehnmal teurer ist als Benzin oder Diesel. «Vor allem in der Einführungsphase wird es ohne Gegenmassnahme viel zu teuer sein», sagt Bach. Heisst: Es braucht Anreize und gesetzliche Vorgaben. Gemeinsam mit Lidl und den anderen Partnern entwickelt die Empa deshalb auch Wirtschaftlichkeitskonzepte für synthetische Treibstoffe. Das Ziel, so Bach, müsse es sein, vergleichbare Kosten wie bei fossilen Treibstoffen zu erreichen. Das sei zwar anspruchsvoll, aber durchaus machbar.

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