Man wähnt sich in einem Ballsaal: Herren im schicken Frack und Damen in eleganten Roben laufen konzentriert über die Bühne des Theater Miller’s in der Mühle Tiefenbrunnen. In diesem Ambiente fällt erst spät auf, dass alle Protagonisten über 60 Jahre alt sind. So elegant und frisch wirken die Mitglieder des «Miller’s Senior Lab», die im Zürcher Seefeld für das neue Stück «Und jetzt» proben. Erneut steht ein altersbezogenes Thema im Fokus: die Zeit. Denn für Menschen im Ruhestand kann die Zeit ein zweischneidiges Schwert sein; der vielen Freizeit steht die schwindende Lebenszeit gegenüber.

Es handelt sich dabei um die fünfte Produktion des «Senior Labs», das zum Theater Miller’s gehört. Wiederum führt der Bergdietiker Ron Rosenberg Regie, der für die Gruppe jeweils seine Wahlheimat Berlin verlässt. Teil seines 17-köpfigen Zürcher Ensemble ist seit zwei Jahren auch Ruth Rüfenacht Boller aus Birmensdorf. «Schon als Kind liebte ich das Theater», sagt sie. Heute, mit 70 Jahren, steht sie erneut vor einer Premiere.

Eine Herausforderung

Ursprünglich stammt Rüfenacht Boller aus der Stadt Zürich. Dort entdeckte sie die Leidenschaft für die Bühne. Nicht ganz unschuldig daran waren ihre Eltern, die damals Abonnemente für das Schauspiel- und das Opernhaus besassen. «Bei den ersten Besuchen musste ich mit, aber das änderte sich schnell, bald wollte ich unbedingt mit», sagt sie. Obwohl Rüfenacht Boller nie professionell in die Theaterwelt einstieg, blieb sie der Kultur treu. Immer wieder spielte sie in Theatergruppen mit und als Erwachsenenbildnerin war sie in kulturellen Institutionen, wie etwa im Zentrum Karl der Grosse, tätig.

Das Stück gewinnt bei den Proben weiter an Form.

Das Stück gewinnt bei den Proben weiter an Form.

Vor fünf Jahren zogen Rüfenacht Boller und ihr Mann dann ins Limmattal. «Wir wollten ausserhalb der Stadt und mehr in der Natur leben. Birmensdorf schien ideal und hat uns immer sehr gefallen.» Ihre Heimat wurde das Haslen-Quartier, wo sie mittlerweile ihre zwei Enkelinnen willkommen heisst. «Die beiden halten mich ganz schön auf Trab.» Aber auch das Theater spielt immer noch eine wichtige Rolle in ihrem Leben. «Als das ‹Senior Lab› gegründet wurde, habe ich mich bereits dafür interessiert. Damals klappte es nicht, aber vor zwei Jahren kam der Anruf, ob ich mitmachen wolle», sagt sie.

Nervös ist sie in der Zeit vor Aufführungen nie, das ändere sich erst am Tag der Premiere. «Aber das Lampenfieber gehört dazu.» Es sollte für sie aber nicht nur bei der Schauspielerei bleiben. «Ich liebe das Theater in all seinen Facetten, auch die Arbeit hinter der Bühne, die Kulissen und die Kostüme finde ich spannend.» Sie ist daher zusätzlich Regieassistentin und ist so intensiver in die Entwicklung des Stücks eingebunden. «Es ist eine Herausforderung», sagt sie. Denn das Entstehen der Geschichten ist ein längerer, aber auch intimer Prozess: Rosenberg bestimmt für die Jahresproduktion jeweils ein Thema und seine Ensemble-Mitglieder bringen eigene Texte und Erlebnisse mit ein. Daraus kreiert der Regisseur dann ein Episodenstück. Das sei das Grossartige am «Senior Lab»: «Die Geschichten stammen direkt von uns selbst», sagt Rüfenacht Boller.

Gemeinsam nachhaltig

Das neue Stück «Und jetzt» gewinnt auch bei den Proben noch weiter an Form. Es ist eine Arbeitsweise, die den «Senior Lab»-Mitgliedern entspricht. «Wir alle haben den Willen, eine gute Produktion auf die Beine zu stellen», so Rüfenacht Boller. Das Theatermachen schweisse die Gruppe auch zusammen. «Jeder in der Gruppe trägt zu einem guten Klima bei und wir helfen einander, wenn es erforderlich ist.»

Die diesjährige Produktion zeichnet sich zusätzlich durch ein interessantes Merkmal aus: Das Ensemble wird – wie eingangs erwähnt – in Abendgarderobe spielen. Jener Kleidung, die man sich für einen grossartigen (Lebens-)Abend wünscht. Stoffe, die aber auch teuer sind. Dieses Budget-Problem konnte ideal gelöst werden. Die Zürcherinnen Corinna Mattner und Barbara Anliker kreierten die Damenkostüme aus bereits benutzten Stoffen. Eine Methode, auf welcher auch Mattners Modelabel Romy Hood beruht. «Es war unser Wunsch, dass wir nachhaltige Kostüme tragen», sagt Rüfenacht Boller.

Die «Senior Lab»-Mitglieder denken also bewusst – und vorausschauend. Auch daran, wie es mit ihrer Gruppe nach der aktuellen Produktion weitergehen soll. Da das «Miller’s» eine neue Leitung erhielt, ändert sich beim Theater einiges. Das «Senior Lab» wird nach dieser Produktion nicht mehr Teil des Theaters sein. «Aber wir wollen auf alle Fälle zusammen bleiben und weitermachen», sagt Rüfenacht Boller. Die Gruppe hat einen Verein gegründet und ist bald im Kulturmarkt beheimatet. Bis es aber soweit ist, dreht sich alles um «Und jetzt».