Als 1998 die erste Ausgabe des Filmfestivals Pink Apple im Cinema Luna in Frauenfeld über die Bühne ging, ahnten die Gründer, eine Handvoll Filmbegeisterter, wohl nicht, welchen Siegeszug sie antraten. Ihr Ziel war die «Förderung homosexueller Emanzipation und Akzeptanz» in der Provinz. Sie taten dies mit zehn Filmen, viel Publikum – und wenigen Gegnern. Evangelikalen Kreisen war das Festival ein Dorn im Auge, verhindern konnten sie es nicht.

Als zwei Jahre später die lesbisch-schwulen Eurogames in Zürich stattfanden, zog es das Festival erstmals in die Limmatstadt, wo es seither blieb, kontinuierlich wuchs und zur grössten Filmschau seiner Art der Schweiz wurde. Dabei blieb es seinen Wurzeln treu, nicht nur mit seinem Namen Pink Apple, der auf den Apfelkanton Thurgau verweist, sondern auch mit drei regulären Spieltagen im Cinema Luna. Geleitet wird es heute von Doris Senn, Stefan Zehnder und Roland Loosli, der schon zum Gründungsteam gehörte.

Mittlerweile erreicht das Festival, das nächste Woche beginnt, rund 10'000 Filmbegeisterte, die sich an internationalen Filmen über die LGBT-Gemeinschaft und deren Themen erfreuen. Darunter Werke, die sonst womöglich nie in den hiesigen Kinos laufen würden. «Unser Festival bietet eine grosse Vielfalt an Themen für jeden Geschmack», sagt Mediensprecher Christian Wapp. Bewegende sowie lustige Filme auf hohem Niveau seien im zehntägigen Programm zu entdecken.

Die einstige Nische des «Schwulenfilms» ist mittlerweile zu einem respektablen Zweig der internationalen Filmindustrie herangewachsen. «Wir mussten aus über 400 Filmen eine Auswahl treffen und rund 90 von ihnen werden nun in Zürich und Frauenfeld gezeigt», sagt Wapp.

Konkret werden 25 Spielfilme, 33 Kurzfilme und 14 Dokumentarfilme aus
30 Ländern ihre Deutschschweizer Premiere feiern. Hinzu kommen 15 Reprisen, viele Begleitveranstaltungen sowie zahlreiche nationale und internationale Gäste. «Das Programm ist ein repräsentativer Spiegel der Lebenswelten queerer Menschen aus aller Welt», sagt Wapp.

Der deutsche Wegbereiter

Einen Hauptfokus mit Spiel- und Dokumentarfilmen legt Pink Apple auf «50 Jahre Stonewall». 1969 begannen sich in New York viele Schwule, Lesben, Bisexuelle, Drag-Queens und Transpersonen gegen die gewalttätigen Razzien der Polizei und den damit verbundenen Anzeigen wegen anstössigen Verhaltens zur Wehr zu setzen. Diese Auseinandersetzungen und insbesondere der Widerstand in der Szene-Bar Stonewall Inn markierten den historischen Start für die homosexuelle Emanzipationsbewegung.

Ein Pionier der Lesben- und Schwulenbewegung im deutschen Sprachraum wird zudem mit dem Pink-Apple-Festival-Award für sein Lebenswerk geehrt: den Filmemacher und Autor Rosa von Praunheim. «Rosa hat den Preis mehr als verdient», sagt Wapp.

Es war dessen im Jahr 1971 gedrehter Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt», der für Furore sorgte. Von Praunheim gelang es mit dem Film – und mit weiteren viel diskutierten Werken – die Menschen zu bewegen und zu politisieren, um deren gesellschaftliche Wirklichkeit zu ändern.

Von Praumheim selbst, mittlerweile 76-jährig, war als Person umstritten – auch in den eigenen Reihen. Als er 1991 in einer Fernsehsendung Hape Kerkeling und Alfred Biolek als schwul zwangsoutete, ging ein Aufschrei durch die Szene. Jahre später bezeichnete er diese Aktion auf seiner Website als «Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der Aids-Krise». Die Wogen haben sich seither geglättet. «Damals war es nicht richtig es zu tun. Aber aus heutiger Sicht war es auch nicht falsch», sagte Kerkeling viele Jahre später in der Fernsehsendung «Maischberger».

Den Festival-Preis, dotiert mit 3000 Franken, nimmt von Praunheim selbst entgegen. Auch wird er seinen Filmklassiker «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» erneut zeigen – bereits 2012 war er mit dem Film zu Gast beim Pink Apple. Ebenso wird er an einer anschliessenden Diskussion im Filmpodium, bei welcher auch der Zürcher Aktivist Ernst Ostertag («Der Kreis») anwesend ist, teilnehmen.

Ein französischer Shooting-Star

Neben dem deutschen Regisseur wird auch ein anderer Mann für Aufsehen sorgen, wenn auch nur auf den Leinwänden der Arthouse-Kinos, den Haupt-Spielstätten des Festivals: Félix Maritaud. «Er ist ein Shootingstar des französischen Films und wir zeigen gleich drei seiner aktuellen Filme», sagt Wapp. Der Franzose ist in «Sauvage» (2018), wo er einen Stricher spielt, sowie in «Un Couteau dans le Coeur» (2018) als Pornodarsteller an der Seite von Vanessa Paradis und im erotischen Kurzfilm «Enter» (2018) zu sehen. Seinen Durchbruch erlangte er mit dem Film «120 BPM», der 2018 in Paris den César als bester Film gewann. Bei dieser Auszeichnung handelt sich um den nationalen Filmpreis Frankreich.

Freuen darf man sich auch auf die Berner Regisseurin Cristina Perincioli, die seit langem in Berlin lebt und ihren Kult-Film «Anna und Edith» aus dem Jahr 1975 vorstellt. Das Werk gilt als einer der ersten Filme, der eine lesbische Beziehung thematisiert, die nicht ins Verderben führt. Im Anschluss an den Film findet mit Perincioli das Gespräch «Bewegte Frauen in den 1970ern» statt.

Doch sind es natürlich die neuen Filme – darunter sechs Europa- und zwei Weltpremieren – welche um die Gunst des Publikums kämpfen. Eines deren filmischen Themen ist die Liebe. Das ist in dieser Selbstverständlichkeit in der Filmwelt relativ neu. «Waren Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transmenschen in Filmen früher tragische Kreaturen oder schrille Nebenrollen, dürfen sie heute in Filmen und Serien völlig selbstverständlich schwul, lesbisch oder alles dazwischen oder daneben sein», sagt Wapp.

Ein weiteres – wiederkehrendes – Thema ist das Coming-out, das sowohl in Dramen, Komödien und Dokumentarfilmen eine grosse Rolle spielt. Raum nehmen auch Filme aus Lateinamerika ein, das immer wieder mit hochgelobten LGBT-Filmen punktet. Ganz im Gegensatz zu Filmen aus arabischen Ländern. Pink Apple wird aber einen filmischen Blick auf den Sudan, auf Jordanien und auf Ägypten ermöglichen.

Gewinnen werden alle

Sowohl im realen Leben als auch auf der Leinwand werden alternde LGBT-Menschen stets präsenter. «Viele der heutigen Betagten haben sich in der Emanzipationsbewegung engagiert und führen ein glückliches und selbstbestimmtes Leben. Nun plagt sie die Angst, dass sie im Alter in einem Heim ihre sexuelle Orientierung verstecken müssen, um nicht erneut Diskriminierung zu erfahren», sagt Wapp.

Pink Apple zeigt deshalb verschiedene Spiel-, Dokumentations- oder Kurzfilme mit und über ältere Menschen der LGBT-Community.

Am Ende des Festivals werden alle Filme Gewinner sein, denn die Teilnahme bei Pink Apple verspricht ein stets interessiertes Publikum. Neben Praunheim wird es auch drei weitere Preisträger geben: Eine Jury wird den Pink-Apple-Short-Film-Award verleihen und das Publikum kürt die beliebtesten Spiel- und Dokumentarfilme.