Nachwuchsförderung

Vom Schulzimmer ins Ingenieurbüro: Für einen Tag tüftelte eine Klasse der Kanti Limmattal an Ideen

17 Schülerinnen und Schüler tauchten an der Technik- und Informatikwoche des Vereins IngCH in die Ingenieurwelt ein. Dabei besuchten die Jugendlichen eine Firma, die ihnen eine knifflige Aufgabe stellte.

Ein stählerner Kessel hängt an zwei gelben Seilen in zehn Metern Höhe in der Eingangshalle. Eine Gruppe von Jugendlichen steht darunter und blickt stirnrunzelnd zum Eimer hoch. Die Aufgabe, die ihnen die Innovationsfirma Quo an diesem Tag stellt, ist keine leichte. Die 17 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Limmattal müssen ein Konzept und einen Prototypen entwickeln, der es ihnen ermöglicht, einen Pingpong-Ball in den Eimer zu befördern. Dieser knifflige Auftrag bildet den Kern des eintägigen Workshops beim Unternehmen Quo im Glattpark, den die Klasse im Rahmen der Technik- und Informatikwoche absolviert. Während dieser Zeit erhalten die Jugendlichen einen Einblick in den Arbeitsalltag von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Auf dem Programm stehen Besuche in Unternehmen und Hochschulen.

Organisiert wird die Woche vom Verein IngCH Engineers Shape our Future, der sich seit 27 Jahren für die Förderung des Schweizer Ingenieurnachwuchses einsetzt. Er führt jährlich 40 dieser Wochen mit Kanti-Klassen aus der ganzen Schweiz durch. Die fünfte Gymi-Klasse ist die einzige Limmattaler Klasse, die dieses Jahr am Projekt teilnimmt. «Ziel ist es, dass wir mit dieser Aktion die zwei, drei Schülerinnen und Schüler pro Klasse ansprechen, die technische Berufe nicht auf ihrem Radar haben und am Ende der Woche aber finden, dass das gut zu ihnen passt», sagt Guido Santner, Projektverantwortlicher Technik- und Informatikwochen von IngCH. Was eine Ärztin, ein Jurist oder ein Banker tun, wisse man, doch viele Jugendliche könnten sich unter der Berufsbezeichnung Ingenieur wenig vorstellen. «Mit diesen Wochen wollen wir den Beruf des Ingenieurs sichtbar machen.» Und wenn die Schüler am Schluss merkten, dass ihnen die Technikwelt nicht zusage, sei das auch eine gute Erkenntnis.

Unterdessen stehen die Schülerinnen und Schüler aufgeteilt in vier Gruppen vor grossen weissen Tafeln. «Wir starten nun mit einem Brainstorming in die Ideensuche. Wichtig ist, dass ihr die Idee aufschreibt und auf dem Zettel auch eine Zeichnung dazu skizziert. Das hilft dem Verständnis», erklärt Benjamin Erny. Der Materialwissenschaftler arbeitet seit einem Jahr als Entwicklungsingenieur und Projektleiter für die Firma Quo und leitet den Workshop. Er gibt den Jugendlichen Tipps: «Je mehr und je verrücktere Ideen ihr habt, desto besser. Und seid nicht allzu kritisch, wenn es um die Ideen eurer Kolleginnen und Kollegen geht. Ihr könnt aufeinander aufbauen und die Ideen verbinden.»

«Es gibt kein richtig und kein falsch»

Die Problemstellung bilde ein möglichst echtes Szenario nach, sagt Erny. «So sehen die Jugendlichen, wie wir arbeiten und wie wir vorgehen.» Eine Lösung habe er sich vorab nicht überlegt. «Es gibt kein richtig und kein falsch. Ich bin gespannt, wie einfallsreich die Schüler sind.»

Die Firma Quo heisst zum ersten Mal Kanti-Schüler willkommen. «Wir sind vor kurzem dem Verein IngCH beigetreten», sagt Geschäftsführer Andreas Halbleib. Es sei wichtig, als Innovationsunternehmen einen Beitrag zu leisten. «Die Welt braucht Ingenieurinnen und Ingenieure, die die Probleme der Zukunft lösen.» Weil die Firma im nahen Umfeld der ETH und anderen wissenschaftlichen Fakultäten arbeitet, könne er selbst nicht sonderlich über den Fachkräftemangel klagen. Einzig das Berufsfeld des Konstrukteurs, also ausgebildete Berufsleute mit einem Bachelorabschluss im Bereich Engineering, würden fehlen.

Die Tafeln sind in der Zwischenzeit gut mit Zetteln bestückt. Die Kreativität der Jugendlichen ist beachtlich. Trampoline, Seilbahnen, Rutschbahnen, überdimensionale Löffel, Greifzangen und auch Superheld Spider-Man stellen mögliche Lösungen für das Problem dar. «Überlegt euch für das weitere Vorgehen, ob eure Ideen gut umsetzbar sind oder nicht», sagt Erny die Jugendlichen.

«Es muss nicht kreativ, sondern funktional sein», versucht Eva Gutknecht aus Bonstetten ihren Mitschülern zu erklären. Ihre Gruppe ist bereits dabei, eine engere Auswahl zu treffen, um danach ein Konzept für den Prototypen zu erstellen, den sie am Nachmittag bauen werden. Die 18-Jährige hat Spass am Workshop. «Ich finde es cool, einen Einblick in den Ingenieurberuf zu bekommen. Es wäre schön, wenn alle Klassen an unserer Schule die Möglichkeit hätten, an dieser Technik- und Informatikwoche mitzumachen.» Freude hat auch Nicolas Ebner aus Oetwil. «Es ist eine mega coole Woche. Wir können kreativ sein. Der Ingenieurberuf ist kein Bürojob, das gefällt mir.» Als positiv erlebt auch Lisa Degiorgi aus Geroldswil den Anlass. «Ich bin offen, was meine Studienwahl betrifft. Ich könnte mir durchaus vorstellen, ein Studium im Bereich Ingenieurwesen in Angriff zu nehmen», sagt die 17-Jährige. Sie habe vor der Technikwoche ein ganz anderes Bild gehabt. «Ich dachte, Ingenieure bauen Maschinen. Dass man aber auch Designs entwickelt, finde ich spannend.» Ihre Mitschülerin Ren Tasceken ist weniger überzeugt. «Ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag Ideen auszuarbeiten. Ich interessiere mich mehr für Medizin und Biochemie», so die Dietikerin.

Identifikation mit technischen Berufsfeldern

Warum immer noch viel weniger Frauen als Männer einen Ingenieurberuf ausüben, liegt für Tasceken auf der Hand: «Es hat viel mit der Kultur zu tun, in der man aufwächst.» Rollenbilder hinderten Frauen, überhaupt ein solches Studium in Erwägung zu ziehen, ist sich Nina Haenseler aus Weiningen sicher. «Man hat als Frau das Gefühl, dass das ein Männerding ist. Diese Technik- und Informatikwoche hilft, dass sich Frauen mehr mit diesen Berufsfeldern identifizieren können.» Begeistert vom Besuch bei der Firma Quo ist auch Klassenlehrer Michel Bochsler. «Meine Schülerinnen und Schüler sind total ins Thema vertieft, das ist ein sehr gutes Zeichen», sagt der Biologe. Seine Klasse sei von der Schulleitung für die Technik- und Informatikwoche ausgewählt worden. «Es ist eine Art Belohnung. Eine andere Klasse darf etwa die Wirtschaftswoche, die von der Ernst Schmidheiny Stiftung und der kantonalen Industrie- und Handelskammer organisiert wird, besuchen.» Für einzelne Schülerinnen und Schüler sei diese Erfahrung absolut entscheidend für ihre Zukunft. «Ich hätte mir so eine Woche als Schüler auch gewünscht, um den Puls der Arbeitswelt zu spüren», sagt Bochsler.

Die Konzepte der Schülerinnen und Schüler stehen mittlerweile. Jetzt müssen die Jugendlichen das fiktive Kundenteam aus Lehrern und Workshopleitern von ihren Ideen überzeugen. «Eine Person eurer Gruppe hat nur zwei Minuten Zeit, uns das Konzept vorzustellen», sagt Erny. Er werde die Zeit stoppen. «Stellt euch vor, ihr trefft einen Investor oder einen Kunden im Lift und müsst ihn ganz schnell begeistern können.» Erny bewertet die Konzepte anhand vier Kriterien, die er zu Beginn des Workshops mit den Jugendlichen definiert hat. Dazu zählen die Trefferquote, die Herstellungskosten, das Design und der Entwicklungsaufwand. Doch bevor die Jugendlichen zur Tat schreiten können, balanciert plötzlich ein Mitarbeiter der Firma einen Stapel Pizzakartons in den Sitzungsraum. Nach so viel Überlegen und Tüfteln legen die Schülerinnen und Schüler eine Mittagspause ein. Auch das gehört zum Ingenieuralltag.

Autor

Sibylle Egloff

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