Artenvielfalt

Was im Kanton Zürich blüht – Botaniker arbeiten fast zehn Jahre an Biodiversität

Über 170 Jahre nach der Erstveröffentlichung folgt nun die Neuauflage vom Buch «Flora des Kantons Zürich». Nach fast zehn Jahren Arbeit ist das über tausendseitiges Werk entstanden. Anhand Fotos, detaillierten Beschreibungen und speziellen Aspekte werden diverse Pflanzenarten, die im Kanton Zürich blühen, aufgeführt.

Fast zehn Jahre lang haben 250 Fachleute und Laien ehrenamtlich daran gearbeitet. Sie sind durch Wiesen gekrochen, in Kiesgruben gestiegen, haben Sümpfe durchwatet und Wälder durchkämmt. Quadratmeter um Quadratmeter haben sie nach Pflanzenarten gesucht, haben sie bestimmt, kartografiert und fotografiert. Andere haben Texte dazu verfasst oder Verbreitungskarten erstellt und sie mit historischen Daten verglichen. «Es war eine Wahnsinnsbüez», sagt Thomas Wohlgemuth, Herausgeber und Präsident der Steuerungskommission von «Flora des Kantons Zürich» bei der Buchpräsentation.

Entstanden ist ein Werk mit 1127 Seiten, in denen die 1757 wildwachsenden Farn- und Blütenpflanzen des Kantons Zürich festgehalten sind. Man geht davon aus, dass ein Grossteil erfasst werden konnte. Um den Aufwand in Grenzen zu halten, haben die Herausgeber entschieden, «nur» jeden neunten Quadratkilometer und einige angrenzende Gebiete systematisch zu durchsuchen. Insgesamt waren es rund 260 Flächen.

Auch gratis im Internet abrufbar

Die Ergebnisse sind ab sofort gratis auf einer Website zu finden. Auf florazh.ch kann man nicht nur nach verschiedenen Pflanzen suchen, sondern auch nachschauen, welche Arten in der eigenen Gemeinde verbreitet sind.

Besonders begeisterte Naturfreunde und Botaniker dürften sich wohl dennoch das zwei Kilogramm schwere und 120 Franken teure Buch besorgen. In Fachkreisen sei es noch vor der Veröffentlichung auf grosses Interesse gestossen und als Standardwerk bezeichnet worden.

Detaillierte Auskunft über verschiedene Pflanzenarten

Die je halbseitigen Steckbriefe bestehen aus zwei Fotos, einer detaillierten Beschreibung und einem speziellen Aspekt. Mal wird dort die Nutzung thematisiert, mal der Schutz oder die Ökologie. Über die Fliegen-Ragwurz liest man zum Beispiel, dass es mit weiblichen Sexualhormonen das Grabwespenmännchen anlockt, das sich dann auf die behaarte Lippe setzt und dabei die Bestäubung ermöglicht.

Zudem zeigt eine Karte, wo die jeweilige Pflanze vorkommt und wie sich ihre Verbreitung in den letzten 100 Jahren verändert hat. So sieht man, wie die Fliegen-Ragwurz unter dem Rückgang der Magerwiesen gelitten hat und heute vor allem noch im Knonaueramt, in der Irchel-Region und im Sihltal vorkommt.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind ein Viertel aller Arten im Kanton Zürich deutlich seltener geworden. 108 sind ausgestorben oder verschollen. Die Hälfte davon hat wegen der intensivierten Landwirtschaft ihren Lebensraum verloren.Laut Corina Del Fabbro, Herausgeberin und Projektleiterin, sind unter anderem auch die Entwässerung der Feuchtgebiete und die Bautätigkeit für den Rückgang verantwortlich. 

Neue Arten trotz Rückgang

Es sind auch Arten dazu gekommen. 131 konnten seit dem Vergleichsjahr 1930 neu nachgewiesen werden. Dreiviertel davon sind gebietsfremde Pflanzen, 13 stehen auf der nationalen schwarzen Liste der invasiven Neophyten.

Wo viele und verschiedene Lebensräume zu finden sind, ist die Biodiversität am grössten. Dazu zählen nährstoffarme Trockenwiesen, unter Schutz stehende Kiesgruben und lichte Wälder wie etwa im nördlichen Kantonsteil um Glattfelden. Auch in grösseren Moorgebieten wie beim Katzensee und Pfäffikersee ist die Vielfalt hoch.

Wie wirkt sich der Klimawandel aus?

Wie sich die Artenvielfalt mit dem Klimawandel verändert, werde man erst in 50 Jahren beurteilen können, sagt Michael Kessler, Herausgeber und Präsident der Zürcherischen Botanischen Gesellschaft (ZBG). Mit dem nun vorliegenden Werk und den dazugehörenden Daten kann diese Entwicklung später aufgezeigt werden.

Die erste und bis vor kurzem einzige Flora des Kantons Zürich hatte 1839 ein 22-jähriger Medizinstudent namens Albert Kölliker verfasst. Mit der Gründung der ZBG 1890 begann der Versuch, Daten für eine zweite Auflage zu sammeln. Doch die Initianten um den Botaniker Eugen Baumann scheiterten. Übrig blieben 1200 handgeschriebene Manuskripte, die nun, wie Thomas Wohlgemuth sagt, von einem «Freak» innert sieben Monaten transkribiert und digitalisiert wurden.

Am Projekt, das 2009 bei einem Bier unter Mitgliedern der ZBG initiiert wurde, haben verschiedene Fachstellen mitgewirkt, unter anderem Info Flora, die Uni Zürich und die Fachstelle Naturschutz. Finanziell unterstützt wurde es durch den Lotteriefonds des Kantons Zürich mit einer halben Million Franken sowie durch Beiträge von Stiftungen, Sponsoren, Privaten und der ZBG. Diese hat nun auch eine Teilzeitstelle geschaffen, um die Daten zu aktualisieren. Eine nächste «Flora des Kantons Zürich» ist frühestens in 20 Jahren geplant.

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