Corona-Virus

WC-Papier, wo bist du? Hamster-Alarm in Limmattaler Läden

Der Ansturm bei Migros und Coop im Limmattal legt sich allmählich. Hamsterkäufer treiben aber nach wie vor ihr Unwesen.

«Tempo Premium», «Hakle Verwöhnend», «Oecoplan Camomille», «Super Soft Sensation»: Das Angebot an Toiletten-Papier im Coop Silbern in Dietikon ist gross. Drei-lagig oder vier-lagig, mit Blumen-Prägung oder glatt, die Kunden haben die Qual der Wahl. Doch das nützt alles nichts, wenn die Regale leer stehen. Am Mittwochabend um 19 Uhr findet sich in der Hygiene-Abteilung des Detailhändlers kein einziges Pack WC-Papier. Ein Mann, der am leer gefegten Gestell vorbeiläuft, schüttelt den Kopf. Das gleiche Bild zeigt sich im Discounter Denner an der Badenerstrasse in Dietikon. WC-Papier sucht man vergebens. Nur noch ein paar Feuchttücher-Packungen liegen im Regal.

Die Migros im Zentrum Spitzacker in Urdorf bildet ebenso keine Ausnahme. Das Toiletten-Papier ist vergriffen. Eine Angestellte sorgt zwischenzeitlich für Nachschub und füllt das Regal mit sechs Pack des Hygiene-Produkts. Eine Kundin steht etwas verloren vor dem Gestell und telefoniert. «Soll ich zwei Neuner-Rollen nehmen?», fragt sie. Wenig später betreten zwei Arbeitskollegen die Hygiene-Abteilung. «Fast alles weg. Ich verreck», sagt der eine zum anderen. Es gebe nur noch «Hakle». «Nimm einfach», sagt der eine und die Männer gehen zur Kasse. Innerhalb von zehn Minuten ist das Regal wieder leer.

Der Corona-Notstand macht sich in den Limmattaler Läden am deutlichsten in den Abteilungen für Hygiene-Artikel bemerkbar. Das bestätigt Annabel Ott, Mediensprecherin der Genossenschaft Migros Zürich. «Die Schweiz befindet sich zurzeit in einer Ausnahmesituation und wir stellen daher eine stark erhöhte Nachfrage nach Gütern des täglichen Bedarfs fest.» Zuoberst auf dem Einkaufszettel stünden Körperhygiene-Artikel, Beilagen, Konserven, Mehl und Zucker. «Es kommt in den Filialen teilweise trotz massiv erhöhten Lieferkapazitäten und riesigem Personaleinsatz zu leeren Regalen. Das tut uns leid», sagt Ott.

Nachfrage nach Toilettenpapier seit drei Wochen erhöht

Dasselbe Phänomen verzeichnet Coop. «Die Nachfrage nach bestimmten Produkten, wie beispielsweise nach länger haltbaren Lebensmitteln, Handreinigungsprodukten und Toilettenpapier ist seit rund drei Wochen erhöht», sagt Mediensprecherin Rebecca Veiga. Coop gehe davon aus, dass die Nachfrage weiterhin hoch bleibe. «Wir haben entsprechende Massnahmen getroffen, um die Versorgung längerfristig sicherzustellen. Dies auch in der Logistik und in der Produktion.» So habe man zum Beispiel in den Produktionsbetrieben die Herstellung gewisser Artikel erhöht, etwa Desinfektionsmittel. Veiga betont aber: «Generelle Engpässe sind bei Coop aktuell kein Thema.»

Damit der Anblick der leeren Regale bald der Vergangenheit angehört, appelliert die Migros an die Vernunft ihrer Kundschaft. «Auch in dieser Ausnahmesituation ist es nicht notwendig, grosse Vorräte anzulegen, die weit über den Alltagsbedarf hinausreichen. Wir werden auch in den nächsten Wochen laufend nachliefern und die Regale auffüllen», sagt Mediensprecherin Ott. Rationierungs-Massnahmen, um Hamsterkäufern Einhalt zu gebieten, schliesst Coop derzeit aus. «Wir zählen auf die Vernunft unserer Kundinnen und Kunden», sagt Veiga. Die Coop-Mitarbeitenden leisteten vor und hinter den Kulissen Grosses und gäben alle ihr Bestes. «Es gibt keinen Grund für Hamsterkäufe. Coop kann die Grundversorgung sicherstellen.»

Plexiglasscheiben sollen Personal schützen

Am meisten unter dem Ansturm zu leiden haben die Angestellten an der Verkaufsfront. «Das Gröbste haben wir überstanden, aber es gibt immer noch viele Hamsterkäufer», sagt ein Mitarbeiter an der Kasse in der Migros in Urdorf. So sieht es auch eine Angestellte im Coop Silbern in Dietikon. «Vergangenen Freitag und Samstag war es ganz schlimm. Die Kühlregale waren leer, wirklich alle», sagt sie. Der Andrang habe sich mittlerweile etwas gelegt. «Das WC-Papier ist immer noch schnell aus, das ist aber kein Vergleich zum Montagmorgen. Wir hatten nichts mehr bis die erste Warenlieferung kam.» Sie sei froh, dass heute die Plexiglasscheiben vor der Kasse montiert worden seien. Das Abstand halten funktioniere so einfacher. «Ich habe nichts dagegen, wenn die Dinger auch nach dem Corona-Notstand dran bleiben. Das hält aufdringliche Kundschaft fern, die sich auf dem Kassentresen abstützt», sagt sie und lacht. Coop hat vorgestern die Kassen in all ihren Filialen mit Plexiglasscheiben ausgerüstet. Migros zieht in den kommenden Tagen nach.

So könne man den Empfehlungen des Social Distancing noch gerechter werden, sagt Migros-Mediensprecherin Ott. «In diesem Zusammenhang appellieren wir an die Solidarität unserer Kundinnen und Kunden, Abstand zu unserem Personal zu halten. Die Eindämmung des Corona-Virus geht uns alle an.» Migros begrüsse es, wenn Kundinnen und Kunden statt mit Bargeld ihre Einkäufe mit Karten bezahlen würden, so Ott. Im Coop wird die Kundschaft an der Kasse mit Plakaten auf diese Möglichkeit hingewiesen. «Zudem werden am Boden vor den Kassen auffällige Abstandslinien angebracht», sagt Coop-Mediensprecherin Veiga. In der Migros in Urdorf wird auf dem Display der Gemüsewaage auf die Abstands-Empfehlung aufmerksam gemacht.

Die Detailhändlerin stellt seit Kurzem selbst Desinfektionsmittel her. «Weil diese zurzeit kaum mehr erhältlich sind, haben wir mit der Produktion von solchen in unserer Eigenindustrie begonnen. Alle 100000 Mitarbeitenden haben wir bereits damit ausgerüstet», sagt Ott. Auch für die Kundschaft steht Desinfektionsmittel am Eingang der Migros- und Coop-Filialen im Limmattal bereit. Viele Kunden machen davon Gebrauch. «Die meisten nehmen Rücksicht auf uns, das ist schön», sagt eine Kassierin im Coop Silbern. Zum Abschied bedankt sich ein Kunde bei ihr für den Einsatz und verschwindet mit den Einkaufstaschen hinter den Schiebetüren.

Selbstverständliches scheint seit dem Corona-Notstand wieder mehr geschätzt zu werden. Aus den Lautsprechern des Laden-Radios ertönt ein Lied des italienischen Sängers Luca Barbarossa. «Senza amore senza amore senza amore non si può», schallt es durch den Coop. «Ohne Liebe geht es nicht»: Barbarossa hatte wohl noch nie so recht wie in dieser schwierigen Zeit.

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