Findeldinger

Wimbledon-Final: Reine Nervensache

Ein packendes Duell über viele Stunden: Novak Djokovic (l.) und Roger Federer im Final von Wimbledon.

Wenn zwei sich messen, auf welchem Gebiet auch immer, kann ich relativ unbeteiligt zusehen. Vor allem aber auch objektiv. Wenn aus meiner ganz persönlichen Sicht die Sympathien hingegen eindeutig verteilt sind, wenn ich also emotional klar auf der Seite der einen Partei stehe, dann ist es mit meiner Distanziertheit vorbei. Restlos vorbei. Dann wird derart mitgefiebert, dass mein Engagement auch mal ungesunde Züge annehmen kann. Der Puls beginnt zu rasen, der Blutdruck steigt ins Unermessliche, die Stimmbänder werden arg strapaziert. So wieder einmal geschehen am letzten Sonntag. Und dies während beinahe fünf Stunden.

Zum Glück bietet der Kampf um den Filzball einige Vorteile. So werden alle paar Minuten kleine Pausen eingestreut, in denen man sich für kurze Zeit rasch erheben kann, um einige erholsame Schritte zu tun. Was echt was bringt, wenn die Anspannung aus überlebenswichtigen Gründen etwas abgebaut werden muss. Diese kleinen Unterbrüche können aber auch für einen kurzen Gang an den Kühlschrank genutzt werden. Oder fürs Aufsuchen des Klos. Nur etwas sollte man nicht tun: während all der Stunden sitzen bleiben. Denn das kann schwerwiegende Folgen haben. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Ich weiss nicht, wie viele Menschen sich das grosse Wimbledon-Finale angetan haben. Was ich aber mit Bestimmtheit weiss: Ich war nicht der Einzige, der bis an den Rand der Erschöpfung mitgekämpft und auch mitgelitten hat, der sich auf den Weg durch diese emotionale Hölle gemacht hat, der weit über die Grenze hinausging, was ein Mensch ertragen kann.

Wenn mir jemand erzählen würde, sämtliche Notfallstationen seien am letzten Sonntag von Patienten mit Nervenzusammenbrüchen überrannt worden, ich würde es sofort glauben. Vor allem deshalb, weil unser Nationalheiliger zum Schluss auch noch den Kürzeren gezogen hatte. Was die Nerven, die sich eh schon auf der Todesspirale gedreht haben, auch nicht wirklich beruhigen konnte. So sass eine ganze Nation zum Schluss bedröppelt da, schaute sich ungläubig die Siegerzeremonie an und wusste nicht, wie man ins wirkliche Leben zurückfindet. Zum Glück wurde auf einem anderen Kanal gleich anschliessend der Kölner «Tatort» gesendet. Nach dem unglaublichen Tenniskrimi eine ausgesprochen erholsame Kost.

*Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.

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