Wo heute Punkkonzerte stattfinden und 120 Besetzer in improvisierten Ausbauten leben, entsteht bis 2024 ein neues Quartier für 900 Menschen. Das 30'000 Quadratmeter grosse Koch-Areal in Zürich Albisrieden gehört der Stadt Zürich, die es im Baurecht abgibt an zwei Genossenschaften und die Immobilienentwicklerin Senn AG. Diese bauen zwei Wohnsiedlungen und ein Gewerbehaus, Grün Stadt Zürich baut dazwischen einen Quartierpark.

Die Architekturwettbewerbe für die vier Projekte wurden parallel und von derselben Jury durchgeführt. Bei der Gestaltung durfte auch die Quartierbevölkerung Ideen einbringen. Gestern hat die Stadt Zürich die Siegerprojekte präsentiert. Sechs Tage lang hat sich die 24-köpfige Jury mit den Vorschlägen beschäftigt und schliesslich für jedes Projekt einen einstimmigen Entscheid gefällt, wie Jurypräsidentin Ursula Müller vom städtischen Amt für Hochbau sagte. Das Verfahren sei aufwendig gewesen, habe sich aber gelohnt, weil die Projekte zwar sehr unterschiedlich seien, aber Bezüge zueinander herstellten.

Cluster mit Rutschbahn

Das improvisierte, kreative Flair der heutigen Besetzersiedlung spiegelt sich am stärksten im Projekt des Studios Trachsler Hoffman aus Zürich (viertes Bild in der Galerie). Der Wohn- und Gewerbebau, den die Genossenschaft Kraftwerk 1 für 75 Millionen Franken erstellen wird, soll zum «Kulturcluster» werden. Das Erdgeschoss wird öffentlich mit Restaurant, Ladenlokalen und einem Saal, dessen Dach zur Terrasse wird. Diese ist von aussen über eine Freitreppe zugänglich. Vor dem zweistöckigen Kindergarten planen die Architekten eine geschwungene Rutschbahn, die auch andere Kinder im Quartier nutzen dürfen. Weiter geturnt und gespielt wird in der anliegenden Trainingshalle des Zirkus Chnopf, der bereits heute auf dem Koch-Areal zu Hause ist. Während tagsüber in der Zirkushalle geübt wird, kann sie abends für Vorstellungen oder Kulturveranstaltungen genutzt werden.

Je höher, desto privater wird es im Gebäude von Trachsler Hoffmann. Im ersten Obergeschoss wird sich ein Gemeinschaftssaal befinden sowie Waschräume und Räume, deren Funktion erst die Bewohner bestimmen. Mehrere Räume werden nicht fertig gebaut, sondern können als Rohbau gemietet und selber mit Wänden, Zwischenböden und Installationen versehen werden. Zudem gibt es Pflegewohnungen, und 50 der 160 Wohnungen werden der Stiftung für kinderreiche Familien zur Verfügung gestellt.

Auf der anderen Seite des Areals will die Genossenschaft ABZ mit einem 70-Millionen-Bau zeigen, dass Wohnen im Hochhaus nicht zu Anonymität führen muss (zweites Bild in der Galerie). Auf jeder Ebene des 70 Meter hohen Gebäudes im Projekt von Enzmann Fischer Architekten aus Zürich gibt es grüne Zonen, etwa Gemeinschaftsterrassen, Loggias, eine Orangerie und eine Spielhalle. Drei Geschosse teilen sich jeweils einen Grünraum. Neben dem Hochhaus wird ein zweiter ABZ-Bau mit einem Teil der insgesamt 180 Wohnungen stehen, wo im Erdgeschoss ein Grossverteiler einzieht. Über dem Grossverteiler ist ein Dachgarten geplant. Eine 4,5-Zimmerwohnung soll in beiden Genossenschaftssiedlungen monatlich 1500 bis 1800 Franken kosten.

Eine kleine Stadt im Gebäude

Zwischen den Genossenschaftsbauten fällt das Gewerbehaus von den Zürcher Architekten Käferstein und Meister AG und Murat Ekinci mit seiner begrünten Fassade zum Park hin auf (drittes Bild in der Galerie). Hinter den grünen Lauben befinde sich eine «kleine Stadt im Gebäude», wie Ursula Müller sagte. Es bestehe viel Spielraum für Produktions-, Büro-, Schulungs- und Atelierlandschaften. Die Gebäudeteile können für sich alleine oder zusammengehängt genutzt werden – und zwar nicht nur in der Horizontalen, sondern auch über bis zu vier Geschosse hinweg. Gegen die Strasse hin, wo sich die Anlieferung befindet, sieht das Gewerbehaus auch wie ein solches aus. Für 38 Millionen Franken erhält das Gewerbehaus 10'000 Quadratmeter Hauptnutzungsfläche.

In der Mitte des Areals haben die Landschaftsarchitekten Krebs und Herde aus Winterthur eine grosse Wiese geplant sowie einen wilden Garten mit hohen Bäumen und verschlungenen Wegen (erstes Bild in der Galerie). Dazwischen befindet sich die schutzwürdige ehemalige Kohlelagerhalle, die als gedeckter Freiraum genutzt, aber nicht permanent besetzt werden darf. Der 13'200 Quadratmeter grosse Park wird 7,1 Millionen Franken kosten.

Die Projekte seien «eine wahre Freude», sagte Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) vor den Medien, und ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zum «Koch-Quartier». Als nächstes wird sich voraussichtlich 2021 der Gemeinderat mit dem Gestaltungsplan und den Baurechtsverträgen beschäftigen.

Die Geschichte der Besetzung

Das Koch-Areal hat eine bewegte Geschichte hinter sich: 2013 wurde das leerstehende Industriegelände in Zürich Albisrieden besetzt. Ende des Jahres kauft die Stadt Zürich das Koch-Areal für über 70 Millionen Franken der UBS ab – und lässt die Besetzer gewähren, wie es der Stadtrat zu tun pflegt, solange keine Baubewilligung vorliegt.

Im Sommer 2016 leben über 100 Besetzerinnen und Besetzer auf dem Areal. Sie veranstalten Konzerte, Ausstellungen, zeigen Filme und betreiben ein Café. Vor allem die Konzerte ziehen immer mehr Publikum an – die Anwohner stören sich am Abfall, Lärm und den vielen Partygängern, die in den warmen Sommernächten unterwegs sind.

Es gehen über 170 Lärmklagen bei der Stadtpolizei ein. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) räumt im Herbst ein, dass die Situation nicht mehr tragbar sei. Räumen will der Stadtrat das Areal aber weiterhin nicht auf Vorrat. Vielmehr erstellt er einen Regelkatalog, an den sich die Besetzer zu halten haben. Brechen sie die Regeln, droht ihnen letztlich doch die Räumung.

Zudem muss der zuständige Stadtrat Richard Wolff (AL) das Dossier an Daniel Leupi (Grüne) abgeben – wegen Befangenheit, Wolffs Söhne verkehren auf dem Koch-Areal. Im Juni 2018 bewilligten die Zürcher Stimmberechtigen einen Kredit von 42 Millionen Franken; der Stadtrat will das Gelände im Baurecht abgeben, Genossenschaftswohnungen, Gewerbehaus und Park bauen.