Arbeitsintegration

Arbeiten hilft gegen das Denken: Integration für Folter- und Kriegsopfer

Als Praktikant im Lebensmittelladen: Im Rahmen von «Ponte» arbeiten traumatisierte Flüchtlinge wieder. Moritz Hager

Als Praktikant im Lebensmittelladen: Im Rahmen von «Ponte» arbeiten traumatisierte Flüchtlinge wieder. Moritz Hager

Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk hilft traumatisierten Migranten bei der Jobsuche.

Scheu steht Nemir F.* hinter der Ladentheke. Eine Frau kommt in den kleinen Laden im Bahnhofgebäude in Pfungen. Sie kauft ein Semmeli. Leise sagt Nemir F.: «Ein Franken.» Die Frau gibt ihm das Geld und geht. Nemir F. zieht sich zurück ins Räumchen hinter der Theke. Er mag den Kontakt zu den Kunden nicht so sehr.

Seit Mitte September arbeitet der 41-Jährige zwei Tage pro Woche im Pickanto, dem erweiterten Hofladen der Familie Hablützel, und hilft mit auf ihrem Obstbaubetrieb in Dättlikon. Der Kurde ist vor zehn Jahren von der Türkei in die Schweiz geflüchtet. Er ist Teilnehmer des Programms Ponte des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH Zürich), um den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden.

Freunde sterben gesehen

Für das Programm kommen Migrantinnen und Migranten infrage, die am Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer (AFK) des Universitätsspitals Zürich in Behandlung sind. Alle sind schwerst traumatisiert. Mit gesenktem Blick sagt Nemir F., er habe als Militär im Krieg viele Freund sterben sehen. «Daran muss ich immer wieder denken, denken und denken.» Arbeiten hilft. Beim Ablesen der Äpfel und Birnen auf dem Hof in Dättlikon gehe es ihm besser.

Wer sich für den Berufseinstieg eignet, wird von den Therapeuten am AFK an die Job-Coaches von «Ponte» verwiesen. Diese begleiten die Teilnehmer durch Höhen und Tiefen auf der Jobsuche parallel zur Behandlung. Sie erstellen einen Zeitplan, definieren Ziele und Strategien. Anfangs werden die Berufswünsche evaluiert: «Die Vorstellungen sind oft unrealistisch», sagt Anna Ganz, eine der beiden Job-Coaches, die seit sechs Jahren für «Ponte» arbeitet. Informatiker, Bootsmechaniker oder Helikopterpilot gehörten zu den Wünschen. «Wir können ihnen dann vielleicht ein Praktikum in einem Altersheim vermitteln.»

Zu den 14 aktuellen Teilnehmern des Programms gehören Akademiker und Analphabeten, 25- und 50-Jährige. Viele sind Kurden und männlich. «Sie haben als Kämpfer alle möglichen Tätigkeiten ausgeführt, aber nichts, was ihnen hier auf dem Arbeitsmarkt etwas nützt», sagt Anna Ganz. Sie sind oft nach dem Krieg und der Flucht nicht mehr die gleiche Person wie zuvor. Zum Trauma kommt der Verlust des sozialen Prestiges hinzu: Jemand, der eine Bank geführt hat, muss sich in einer Küche bewerben. Und wie beschreibt man in einem Lebenslauf, dass man fünf Jahre im Gefängnis war? Wie kann man nachweisen, dass man ein Schneideratelier führte?

«Nochmals bitte»

Oft ist der erste Schritt Richtung Beruf ein sechsmonatiges unbezahltes Praktikum, wie dasjenige von Nemir F. bei Ralph Hablützel. «Ich hatte zuvor kein gutes Bild von Asylanten», sagt der Landwirt. Dreimal seien diese in den kleinen Laden am Bahnhof Pfungen eingebrochen. «Seit ich Nemir kenne, musste ich mein Bild revidieren. Es beeindruckt mich, dass er trotz seiner Erfahrungen im Krieg ein so wertvoller Mensch geblieben ist.»

Nemir F. mache seine Arbeit gut. Morgens, wenn der Laden, der auch Poststelle ist, öffnet, sortiert er die Briefe und Pakete, die der Pöstler bringt. Er kontrolliert die Verfallsdaten der Joghurt im Kühlregal und ordnet Honiggläser, Sirupflaschen und andere Produkte vom Hof. Im Laden könne er sein Deutsch verbessern, sagt er. Bisher habe er die im Kurs gelernten Worte immer wieder vergessen. Aber hier, hinter der Kasse, muss er sie gebrauchen. Wenn er etwas nicht versteht, zieht er die Augenbrauen zusammen, wartet einen Moment und sagt: «Nochmals, bitte.»

Nachmittags steht das Zurückschneiden der Apfelbaumzweige auf dem Programm. Darauf freut er sich. «Er stellt sehr viele Fragen», sagt Ralph Hablützel. «Auch zu betriebswirtschaftlichen Aspekten.» Er erklärt ihm alles, auch welche Kurse es gibt für eine landwirtschaftliche Ausbildung. Denn das ist Nemir F.s Ziel. «In Kurdistan gibt es so viel Land, aber ich weiss nicht, wie man damit arbeitet. Das möchte ich hier lernen.»

Nach Ende eines Praktikums konnte noch keiner der «Ponte»-Teilnehmer im Betrieb bleiben, denn die meisten Stellen werden extra geschaffen. Auch Ralph Hablützel hatte zuvor noch nie einen Hilfsarbeiter. Aber er kennt Anna Ganz, die auf seinem Hof beim Heuen hilft. Deswegen hat er Nemir F. eine Chance gegeben. Der Weg zu einem festen Job ist weit und nicht alle Programmteilnehmer schaffen es. Das Ziel von «Ponte» ist zwar eine Vollzeitanstellung, aber oft ist das nicht möglich. Viele Teilnehmer können wegen ihrer Beschwerden nur noch Teilzeitjobs ausführen. Sie sollen aber zumindest einen Teil ihres Unterhalts selber erwirtschaften können. Ein Drittel aller Teilnehmer kann als teilweise integriert, und somit als Erfolg gewertet werden. Vier Fünftel sind in einem Arbeitseinsatz und auf dem Weg dahin. Glück haben Junge, die eine Lehre beginnen können. Oft sind die Anforderungen aber bereits für Hilfsarbeiten hoch. Das verbaut älteren Migranten den Einstieg.

Arbeitgeber mit sozialem Engagement sind gefragt. «Die meisten Teilnehmenden sind gute Mitarbeitende», sagt Anna Ganz. Sie bräuchten aber anfangs oft länger, bis sie die geforderte Arbeitsleistung erbringen. «Sie brauchen mehr Pausen und müssen das Zusammenarbeiten mit anderen erst wieder lernen.» Deswegen beginnen die meisten mit einem 50-Prozent-Pensum. Manche erhöhen später. «Der Arbeitsalltag verlangt ihnen alles ab, da sie lange keiner beruflichen Tätigkeit mehr nachgingen», sagt Anna Ganz.

Nemir F. zeigt grosses Engagement für den Bauernhof und ist gar nicht mehr scheu, wenn er von seinen Aufgaben spricht. Er kommt auch zusätzlich zu seinen Einsatztagen vorbei, etwa für die Traubenernte. «Nachdem in unserer Kulturscheune ein Geburtstag gefeiert worden war, fragte er mich, warum ich ihm nichts gesagt habe», sagt Ralph Hablützel: «Er hätte so gerne geholfen.»

* Name geändert.

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