Ein Ergebnis der fünften Erhebung der Zürcher Längsschnittstudie – die Bildungsdirektion begleitet seit 2003 die Schullaufbahn von rund 2000 Schülerinnen und Schülern – ist pikant: 20 bis 30 Prozent der Plätze am Gymnasium sind von den falschen Jugendlichen besetzt. Das hängt zusammen mit der sozialen Herkunft. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler, die aus unterprivilegierten sozialen Schichten stammen, hätten aufgrund ihrer Leistung eigentlich einen Anspruch auf einen Platz am Gymi. Bloss sind diese Plätze mit Jugendlichen von privilegierter Herkunft besetzt.

Der Anteil von 20 bis 30 Prozent ist derart gross, dass die Studienautoren schreiben: «Das ist nicht nur aus Überlegungen der Bildungsgerechtigkeit problematisch, sondern auch wegen der Fehlallokation von Bildungsressourcen.» Zu Deutsch: Sozial benachteiligte Schüler haben schlechtere Chancen, und die Steuergelder werden für die falschen Leute ausgegeben.

Sybille Bayard, stellvertretende Chefin der Bildungsplanung in der Bildungsdirektion, bestätigt den Befund und relativiert: Das Resultat sei aufgrund eines Leistungstests an einem einzigen Tag zustande gekommen. Das erlaube keine zuverlässige Aussage darüber, ob jemand am Gymnasium bestehen könnte.

Dieser Tatsache wird insofern Rechnung getragen, als für die Aufnahme ins Gymnasium die Erfahrungsnote aus der Primar- oder Sekundarschule ebenfalls zählt – also die Leistung, die der Schüler über einen längeren Zeitraum erbracht hat.

Eine gute Prüfung reicht nicht

Bayard nennt weitere Voraussetzungen, die für einen Erfolg an der Mittelschule unabdingbar sind: Etwa Leistungsbereitschaft und die Motivation, die Probezeit durchzustehen. Besonders im Langzeitgymnasium seien Selbstorganisation und Selbstständigkeit gefragt. Und schliesslich sei auch die Unterstützung durch die Eltern vonnöten.

Der Einbezug all dieser Faktoren würde das Resultat der Studie wohl nicht völlig auf den Kopf stellen, aber möglicherweise wäre es etwas weniger dramatisch. Es besteht also durchaus Handlungsbedarf. Diese Einsicht wird auch von einer anderen Beobachtung gestützt.

So verzeichnen die Mittelschulen in Urdorf und Zürich Nord (Oerlikon) mehr Ausfälle während der Probezeit als etwa die Kantonsschule Küsnacht oder das Rämibühl. Das ist kein Zufall. Der Anteil von Schülerinnen und Schülern aus unterprivilegierten Schichten ist an den Gymnasien in Urdorf und Oerlikon höher als in Küsnacht und am Rämibühl.

Ein möglicher Grund ist, dass Eltern aus unterprivilegierten Schichten ihre Sprösslinge weniger gut unterstützen können. Dieses Problem ist man auf Gymi-Stufe angegangen. «In der Probezeit an den Mittelschulen hat ein Umdenken stattgefunden», sagt Bayard. In der Tendenz sei man weggekommen von der reinen Selektion und biete den Schülerinnen und Schülern nun mehr Unterstützung an.

Für Bayard ist aber klar, dass man früh ansetzen muss, wenn die Chancengleichheit im Bildungswesen ein Ziel ist. Man müsse das Potenzial der Kinder früher erkennen. Dazu brauche es qualitativ hochstehende Kinderbetreuung. Eltern mit sozial benachteiligter Herkunft und Fachpersonen im Bereich der frühkindlichen Bildung müssten unterstützt werden. Und schliesslich müsse man auch bei den Lehrerinnen und Lehrern ansetzen. «Die Längsschnittstudie zeigt auf, dass Kinder mit sozial benachteiligter Herkunft bei gleichen Leistungen schlechter benotet werden», sagt Bayard.

Bessere Chancen für unterprivilegierte Kinder heisst nicht, dass die Gymiquote erhöht werden soll. «Es besteht politischer Konsens, dass die Quote im Kanton Zürich bei etwa 20 Prozent bleiben soll», sagt Bayard. Das funktioniert aber nur, wenn gleichzeitig weniger privilegierte Kinder in die Mittelschulen drängen. Um dies zu erreichen, will man deren Eltern die Vorzüge der Berufsbildung näherbringen.

Häufig ist es nämlich so – das lässt sich aus den Ergebnissen der Studie interpretieren –, dass studierte Eltern gar nicht auf die Idee kommen, ihre Kinder könnten eine andere Laufbahn einschlagen als die akademische. Obschon die Studie Mängel in Sachen Chancengleichheit zutage gefördert hat, zeigt sie ein versöhnliches Resultat. Egal welche Bildungslaufbahn die befragten Schüler eingeschlagen haben, am Ende war die Zufriedenheit hoch.