Dada in Zürich
Das Cabaret Voltaire soll«wie jeder andere Betrieb» laufen

Das Cabaret Voltaire in Zürich, Geburtsstätte der ersten globalen Kunstbewegung, lanciert seine Neuausrichtung mit einer neuen Dauerausstellung. Sie dokumentiert die Geschichte des Dadaismus.

Matthias Scharrer
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Adrian Notz, Direktor des Cabarets Voltaire, in der neuen Dauerausstellung.

Adrian Notz, Direktor des Cabarets Voltaire, in der neuen Dauerausstellung.

Foto: Martin Stollenwerk Zürich

Das Cabaret Voltaire hat unruhige Zeiten hinter sich: Unter dem früheren Co-Direktor Philipp Meier sorgte das 2004 neueröffnete Kulturzentrum im Zürcher Niederdorf immer wieder mit provokativen Aktionen für Aufsehen. Gleichzeitig lebte es finanziell über seine Verhältnisse.

Adrian Notz, Direktor des Cabarets Voltaire, in der neuen Dauerausstellung.
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Mit Dias, Filmen und 165 Namen an der Decke wird die Geschichte des Dadaismus rekonstriert.
Das Deckengemälde in der Krypta ist von der Sixtinischen Kapelle inspiriert.
Kunst und Kommerz: Blick durch den Museumsshop ins Niederdorf.
Im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Niederdorf, Zürich, wurde 1916 der Dadaismus gegründet.

Adrian Notz, Direktor des Cabarets Voltaire, in der neuen Dauerausstellung.

Foto: Martin Stollenwerk Zürich

Rechtzeitig vor dem 100-Jahr-Jubiläum der Geburt des Dadaismus in Zürich lanciert es jetzt seine Neuausrichtung. Meier ist weg; das Budget um über 200 000 auf 600 000 Franken pro Jahr gekürzt; Projekte werden nur noch angegangen, wenn sie finanziell abgesichert sind, wie Jürgen Häusler, Präsident des Trägervereins Cabaret Voltaire gestern vor den Medien sagte. Alleiniger Direktor ist nun Adrian Notz.

Notz gestaltete mit Co-Kurator Juri Steiner die ab Samstag offene neue Dauerausstellung «Dada in Nuce» in der «Krypta», dem Untergeschoss des geschichtsträchtigen Hauses an der Spiegelgasse 1. An der Decke des Kellergewölbes sind Orte und 165 Namen notiert, die mit dem Dadaismus verbunden sind. Dabei wird deutlich, dass von Zürich 1916 die erste globale Kunstbewegung ihren Ausgang nahm, wie Steiner betonte. Die 165 Namen haben die Kuratoren aus Dokumenten der Gründerzeit zusammengetragen. Neben Dada-Künstlern wie Jean Arp, Francis Picabia, Man Ray und Max Ernst finden sich auch der Philosoph Friedrich Nietzsche, Stummfilm-Legende Charlie Chaplin und der Physiker Albert Einstein darunter. So wird deutlich, in welchem geistig-kulturellen Umfeld die ersten Dadaisten standen. Anders gesagt: Dada war da, bevor Dada da war.

Filme, die auf einer Leinwand, Fernsehern und an den Wänden zu sehen sind, erhellen weiter die Zusammenhänge, aus denen die Dada-Bewegung entstand: Das Gemetzel des 1. Weltkriegs, der Zürich zum Fluchtort machte, zählt wesentlich dazu, ebenso die fortschreitende Industrialisierung, aber auch die in Wien von Sigmund Freud entwickelte Psychoanalyse. Die Ausstellung zeigt in einer Filmdokumentation zudem, wie der Dadaismus auf spätere Kunstbewegungen vom Surrealismus bis zu Fluxus nachwirkte und -wirkt. Es sei beachtlich, wie viele Künstler sich auch heute noch als dadaistisch beeinflusst bezeichneten, wenn sie genug getrunken hätten, meinte Steiner.

«Dada in Nuce – Episode 1» lautet der vollständige Titel der Ausstellung. Damit ist klar, dass es Fortsetzungen geben soll, bis hin zum Jubiläumsjahr und darüber hinaus. «Das Jubiläum will Dada als etwas definieren, das von Zeit und Raum unabhängig ist», sagte Steiner, der das Projekt zum 100-Jahr-Jubiläum 2016 leitet. «Dada gab es schon bei den alten Ägyptern. Und Indien ist auch ein sehr dadaistisches Land.» Steiner deutete damit an, in welche Richtung die Jubiläumsaktivitäten gehen könnten: Dada als globale Geisteshaltung erkennbar zu machen.

Das Cabaret Voltaire soll gemäss Notz fortan nicht mehr mit provokativen Aktionen auffallen, sondern sich als Dada-Kompetenzzentrum positionieren. Sein Ziel sei es, das Cabaret Voltaire «wie jeden anderen Betrieb zu führen.» Gefragt, ober er sich damit nicht dem von Hugo Ball schon vor hundert Jahren diagnostizierten «Wirtschaftsfatalismus» beuge, meinte Notz: «Manchmal ist es besser, sich einer wirtschaftsfatalistischen Sprache zu bedienen als einer dadaistischen.» Er zitierte den Dadaisten Richard Huelsenbeck: «Manchmal muss man mehr Kaufmann als Künstler sein.»