Geschichte
Er baute in Oberrieden das grösste Schweizer Flugzeug aller Zeiten – es war bolivianische Auftragsarbeit

Der Bund überlegt derzeit, welchen ausländischen Kampfjet er beschaffen soll. Einst war es umgekehrt: Ein Schweizer hat seine Kampfflugzeuge aus Oberrieden Armeen in der ganzen Welt angeboten. Der Erfolg sollte sich aber nicht ganz einstellen.

Colin Bätschmann
Merken
Drucken
Teilen
Das Kampfflugzeug vom Zürichsee

Das Kampfflugzeug vom Zürichsee

Dokumentationsstelle Oberrieden Bild: ETH-Bibliothek, Bild

Mit 25 Jahren konnte Alfred Comte Kampfflugzeuge nicht nur fliegen, sondern sie auch selber bauen. Der Welsche gehörte zu den ersten Militärpiloten der Schweiz und betrieb ab 1920 zuerst eine Flugschule und Werkstatt, dann eine Flugzeugfabrik in Oberrieden.

Nach neun Jahren flatterte ein Auftrag von solcher Grössenordnung ins Haus, dass Comte seine Fabrik mit rund 25 Angestellten um eine zweite Montagehalle erweitern musste. Direkt am Seeufer, wo heute das Fitnesscenter Holmes Place mit seiner hangarähnlichen Dachform steht, war das Firmendomizil. Die zusätzliche Halle brauchte es aber nicht etwa deshalb, weil besonders viele Flugzeuge bestellt worden wären. Es waren nur drei. Dafür aber besonders grosse: 26 Meter Spannweite und sechs Meter hoch.

Bei der Maschine mit dem Namen AC-3 handelt es sich bis heute um das grösste Flugzeug aus Schweizer Konstruktion. Auftraggeber war der bolivianische Staat. Für Comte und seine ­Firma entpuppte sich der lukrativ ­scheinende Auftrag letztlich als empfindlicher Dämpfer.

Wer fliegen konnte, war in der Fliegertruppe dabei

Ein paar Jahre zuvor: Als Alfred Comte 1895 in Delsberg im damaligen Berner Jura zur Welt kam, hätte ihm wohl niemand eine Karriere in der Fliegerei prophezeit. Viel wahrscheinlicher war eine Laufbahn als Bahnbeamter, wie sie der Vater und drei ältere Brüder beschritten hatten. Alfred aber interessierte sich mehr für Flugzeuge.

Wer damals fliegen wollte, musste nach Frankreich, was Comte kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs tat. In der Nähe von Paris absolvierte er seine Flugausbildung beim französischen Flugzeughersteller Morane und entpuppte sich rasch als waghalsiger Pilot.

Einen solchen konnte auch die Schweizer Armee brauchen. Sie beorderte Comte Anfang August 1914 zum Militärdienst in die Heimat. Die Fliegertruppe der Schweizer Armee war wenige Tage zuvor gegründet worden und hatte drei an der Landesausstellung in Bern ausgestellte Flugzeuge beschlagnahmt. Comte wurde wie seine neun Kameraden ohne jegliche Prüfung zum Armeeflieger erhoben und schon bald befördert, um Befehle erteilen zu können. Die Rekrutenschule hatte der 19-Jährige noch nicht absolviert. Während des Kriegs fungierte er als Fluglehrer in der von Bern nach Dübendorf verlegten Flugabteilung.

Comte gründete das erste zivile Luftverkehrsunternehmen in Schwamendingen

Mit einem seiner Schüler, dem um ein Jahr älteren Walter Mittelholzer, gründete Comte nach Kriegsende das erste zivile Luftverkehrsunternehmen in Zürich-Schwamendingen. Akrobatische Schauflüge, Luftaufnahmen sowie Personentransporte standen im Leistungskatalog. Das Unternehmen war nicht lange alleine im Geschäft und fusionierte im Jahr nach der Gründung mit der Konkurrenz. So entstand die «Ad Astra Aero» – die Vorgängerin der Swissair. Chefpilot war Alfred Comte.

Diesen lockte aber die Selbstständigkeit. Ende des Jahres 1920 gründete er die «Alfred Comte, Luftverkehr und Sportfliegerschule, Horgen». Drei «Wild»-Schulflugzeuge brachte er in Dübendorf unter, sechs Flugboote der Marke Lohner in einer Montagehalle mit Werkstatt in Oberrieden. Diese hatte die benachbarte Jachtwerft Faul gebaut, Comte mietete sich ein. Finanziell griff ihm der deutsch-amerikanische Stahlindustrielle Reinhold Becker unter die Arme. Dieser lebte damals in der Villa Seerose in Horgen und hatte sich in Deutschland während des Kriegs mit der Produktion von Panzerplatten und der «Becker-Kanone» eine goldene Nase verdient.

Mit speziellen Veranstaltungen brachte Comte der Seebevölkerung die Fliegerei näher. Im Sommer 1921 etwa fanden seeübergreifende Flugtage statt, die 1800 Personen anlockten. Für 35 Franken befuhren Passagiere einen Weg zwischen Meilen und Horgen mit dem Schiff und kehrten per Flugzeug zurück.

Im Winter und bei schlechtem Wetter war ans Fliegen aber nicht zu denken. Um diese Zeit ohne Einnahmen zu überbrücken, begann Comte im Jahr 1923 in Oberrieden schliesslich, auch noch Flugzeuge zu bauen – erneut eine Pionierleistung als privater Unternehmer.

Das Jagdflugzeug ist der Schweizer Armee zu teuer

Die erste Eigenkonstruktion stand 1926 an. Comtes Team aus Ingenieuren, Mechanikern, Schlossern und Schreinern wagte sich an den Bau eines Jagdflugzeugs, der AC-1. Die Maschine war aus Metall gebaut, die Flügel aber noch mit Stoff bespannt.

Comte hoffte, das Eidgenössische Militärdepartement als Käufer zu gewinnen. Interner Korrespondenz der kriegstechnischen Abteilung (KTA), die für die Beschaffung und Produktion von Rüstungsgütern verantwortlich war, ist zu entnehmen, weshalb man die AC-1 nicht serienmässig bei Comte in Auftrag gab. Einerseits verwies der Chef der KTA auf Kopiervorwürfe, die ein französischer Flugzeugbauer der Oberriedner Werkstätte für dieses Modell unterstellte. Andererseits war dem Bund Comtes Preis zu hoch: 155'000 Franken wollte dieser für eine AC-1.

Kriegerische «Entwicklungshilfe» in Bolivien

«Für diesen Preis können wir angenähert zwei solche Flugzeuge bauen», schrieb der Chef der KTA an den zuständigen Bundesrat. In der Eidgenössischen Konstruktionswerkstätte (K+W) in Thun stellte der Bund nämlich selber Flugzeuge her. Die staatliche Konkurrenz verärgerte Comte immer wieder. Wenn die Schweizer Armee seine Maschinen nicht wollte, dann vielleicht eine fremde Armee, mag sich Alfred Comte gedacht haben, als er 1929 den eingangs erwähnten Auftrag aus Bolivien erhielt. Im südamerikanischen Land war in den 1920er-Jahren eine schweizerische Militärmission stationiert, die beim Aufbau der Militäraviatik half – eine Art kriegerische «Entwicklungshilfe». Ein Schweizer Militärpilot dieser Mission vermittelte Comte den Auftrag.

Die drei Grossflugzeuge verliessen die Schweiz aber nie. In Bolivien kam es zur Finanzkrise und zu einem Machtwechsel. Die neu regierende Militärjunta löste den Auftrag für die drei Bomber aus Oberrieden auf, Comte blieb auf seinen Flugzeugen sitzen. Die flugbereite Maschine sowie die zwei halb fertigen Exemplare standen noch einige Jahre in Dübendorf herum, bevor sie endgültig verschrottet wurden.

Wenn auch diese wirtschaftliche Schlappe noch nicht das Ende für Comtes Werkstätte bedeutete, so war sie doch ein herber Rückschlag. 1931 ersuchte Comte bei der KTA um ein Darlehen von 200'000 Franken – vergebens. Der Chef der KTA schrieb an den zuständigen Bundesrat, es gelte abzuwarten, wie sich Comte ohne die Hilfe des Bundes reorganisiere. Alles andere sei für die Eidgenossenschaft zu kostspielig.

Der Flugpionier heuert am Ende beim Zürcher Elektrizitätswerk an

Ob die unterbliebene Unterstützung der KTA, ein fehlender Geschäftssinn Comtes, unzufriedenstellende Arbeit oder die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 ausschlaggebend waren – fest steht, dass Alfred Comtes Flugzeugfabrik im Sommer 1935 ihre Tore schliessen musste. Er übernahm wieder einen Posten als Fluglehrer und diente während des Zweiten Weltkriegs erneut als Militärpilot. Ab 1953 bis zu seinem Tod im Jahr 1965 arbeitete der Flugpionier für das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, wo er mit seiner Familie lebte.

In Oberrieden erinnert ein roter Findling im Park neben dem Fitnesscenter Holmes Place an Comte und seine Flugzeugfabrik. Das Gebäude wurde Ende der 1980er-Jahre abgerissen, nachdem die Universal AG darin bis in die 1960er-Jahre Motorräder hergestellt und es anschliessend als Lagerhalle gedient hatte.

Das erfolgreiche Sportflugzeug AC-4 «Gentleman» aus Comtes Fabrik sollte Anfang der 2000er-Jahre als Geschenk des Fliegermuseums Dübendorf nach Oberrieden zurückkehren. Dazu kam es aber nicht, weil keine geeignete Halle zur Verfügung stand, die den Flieger hätte beherbergen können.