Die Herausforderung lautet: einmal quer über den Atlantik. Genauer genommen startet die Talisker Whisky Atlantic Challenge jährlich auf der kanarischen Insel La Gomera und führt knapp 5000 Kilometer über das Wasser in Richtung Westen, wo das Ziel – die karibische Insel Antigua – liegt. Am 12. Dezember stechen 28 Teams mit ihren Ruderbooten in den Atlantik. Darunter befindet sich in diesem Jahr zum ersten Mal ein Schweizer Team, es kommt aus Zürich. Die Swiss-Mocean-Mannschaft besteht aus Luca Baltensperger (26, Jura-Student), Marlin Strub (26, Maschinenbau-Student), Yves Schultheiss (28, pädagogischer Betreuer) und Laurenz Elsässer (28, Helikopterpilot in Ausbildung).

Die vier jungen Männer kennen sich aus der Rekrutenschule. Als Baltensperger vor etwa vier Jahren in einem Fachmagazin von der Atlantiküberquerung las, war er so begeistert, dass er sich zur Aussage hinreissen liess: «Das mache ich auch einmal.» Von Freunden erntete er dafür vor allem Lacher und Schulterklopfer. Davon angestachelt erzählte Baltensperger Strub von der Idee. Dieser war begeistert. Zusammen steigerten sich die beiden Kollegen mehr und mehr in die waghalsige Idee hinein. Auf der Suche nach zwei weiteren Teammitgliedern stiessen Schultheiss und Elsässer zur Mannschaft. «Beide haben, ohne gross Fragen zu stellen, sofort zugesagt.»

Nur einer hat Rudererfahrung

Gerudert hat vom Zürcher Team bislang lediglich Schultheiss: «Dafür hat er den Sport in seiner Jugend intensiv betrieben und sogar an Schweizermeisterschaften teilgenommen», sagt Initiant Baltensperger. Er habe der restlichen Truppe schliesslich das Rudern beigebracht. «Unser Ziel war, spätestens in drei Jahren an den Start zu gehen», sagt Baltensperger. Diese drei Jahre sind nun beinahe um. Die letzten Vorbereitungen laufen gerade auf Hochtouren, als Baltensperger kurz Zeit für ein Telefonat hat. Für ein Treffen reicht die Zeit nicht mehr, da sie bereits zwei Wochen vor der Challenge auf die Kanaren reisen.

Drei Jahre lang vorbereitet

Dort befinden sich die vier jungen Zürcher mittlerweile. Die Rennleitung der Challenge führt die letzten technischen Checks an der «Mrs. Nelson» durch, dem rund acht Meter langen und zwei Meter breiten Ruderboot des Teams. Das Boot stammt aus zweiter Hand: Ein vierköpfiges Frauenteam aus Grossbritannien hat damit 2015/2016 den Weltrekord für die Atlantiküberquerung gerudert. Die Britinnen brauchten dafür 40 Tage.

Diese Zeit wollen auch die vier Zürcher schaffen. Trotzdem haben sie für 60 Tage Nahrung dabei, sodass jedes Teammitglied täglich 15 Liter Wasser trinken und 6000 Kalorien zu sich nehmen kann. Mit voller Beladung wiegt das Boot schliesslich 940 Kilogramm. Die Verpflegung sowie 150 000 Franken wurden der Mannschaft gesponsert. Beteiligt haben sich Familie, Freunde und Firmen, erzählt Baltensperger. Ohne diese Hilfe hätten sie die 75 000 Franken für das Boot und die 27 000 Franken Startgeld kaum zusammengebracht.

Es wird deutlich: Die letzten drei Jahre waren von steter Vorbereitung und Organisation geprägt. Nun aber dreht sich neben den letzten Rudertrainings auf den Kanaren alles ums Essen. Bis zum Start des Wettrennens über den Grossen Teich versuchen die vier Ruderer noch so viel Gewicht wie möglich auf die Rippen zu bekommen. Das Ziel eines jeden sind 100 Kilogramm. «Wir rechnen damit, während dem Race zwischen 10 und 20 Prozent des Körpergewichtes zu verlieren», sagt Baltensperger. Würden sie mit 80 Kilogramm Körpergewicht starten, könnte dies im Verlaufe des Rennens heikel werden. Solche Informationen und Angaben bezüglich Verpflegungsumfang oder Ausstattung mit Medikamenten haben sich die vier Zürcher von ehemaligen Teilnehmern des Talisker Whisky Atlantic Challenge geholt.

Ein romantisch-naiver Traum

Ansonsten bleibt so kurz vor dem Rennen lediglich eins: ein Wechselbad der Gefühle zwischen Vorfreude auf ein einmaliges Lebensereignis und Angst. «Wenn wir den Hafen von La Gomera verlassen, sind wir auf uns alleine gestellt. Wir haben grossen Respekt vor dieser Ungewissheit namens Atlantik. Keiner von uns war jemals da draussen», sagt Baltensperger. Es sind die kleinen Ängste vor der Seekrankheit und dem dunklen Wasser, aber auch grosse Fragen der persönlichen Grenzen, wie sie reagieren, wenn der Zeitpunkt eintritt und wie dann jeder Einzelne für sich damit umgeht. Lediglich der Kontakt zur Aussenwelt bereitet den Zürcher Ruderern keine Sorgen. «Wir haben regelmässig Kontakt mit der Rennleitung, erhalten einen Wetterbericht und Informationen über die Position der anderen Teilnehmer», sagt Baltensperger. Wohl an Weihnachten werde man das Satellitentelefon aber für Anrufe nach Hause benutzen. «Zu viel Kontakt mit Freunden und Familie wollen wir nicht haben. Es könnte belastend sein», so Baltensperger. Zudem sei das mittlerweile grosse mediale Interesse unangenehm: «Am liebsten hätten wir das Rennen klammheimlich gemacht.»

Dennoch schwingt beim Telefonat mehrheitlich Euphorie in seiner Stimme mit. Baltensperger ist sich seiner romantisch-naiven Haltung bewusst. Er freue sich auf die Einsamkeit und Stille auf dem Atlantik. Und er glaube, dass sie sich lange und intensiv genug auf das Abenteuer vorbereitet haben. «Dieses Rennen werden wir nur einmal machen. So lange unser Ruderboot mit drei Knoten pro Stunde Richtung Westen fährt, ist alles in Ordnung. Das kann man online mitverfolgen.» Wenn dem so ist und während des Rennens keine technischen Schwierigkeiten auftreten, sollten die vier Ruderer aus Zürich nach einer Million Ruderschlägen die Insel Antigua dann endlich erreicht haben.

Über das Swiss Mocean Team berichten wir während der Talisker Whisky Atlantic Challenge in loser Folge.